Abstimmen ist keine Pflicht!

Von | 6. Juni 2018 | Gedanken

Haben Sie schon abge­stimmt? Falls nicht, werden Sie das noch erle­digen? Falls die Ant­wort nach wie vor «Nein» lautet, gehören Sie zur abso­luten Mehr­heit im Kanton Aargau. Dies ist leider über­haupt kein Grund zur Freude. Umso ver­ständ­li­cher, ver­sucht man nun die Stimm­bürger, die ihre Stimme nicht abgeben, mit Geschenken anzulocken.Vergangenen Samstag fand in Aarau zum ersten Mal das «Beer and Vote» statt. Ziel der Aktion war, die Jugend­li­chen zwi­schen 18 und 26 zum Abstimmen zu moti­vieren. Das Prinzip ist simpel: Brachte man sein aus­ge­fülltes Stimm­cou­vert mit, erhielt man ein kos­ten­loses Bier oder einen Soft­drink. Es gab Würste vom Grill, man plau­derte und ganz nebenbei erfüllte man die bür­ger­liche Pflicht. Pflicht? Nicht wirk­lich. Im Aargau muss nie­mand abstimmen. Nicht so in Schaff­hausen, dort werden näm­lich Bussen an nach­läs­sige Wähler ver­teilt. In diesem Fall könnte man wohl von einer Pflicht spre­chen. Im Aargau ist Abstimmen nach wie vor ein Pri­vileg. Die Absicht hinter dem Beer and Vote ist nicht neu. Im Wyne­center erhält man jeweils am Abstim­mungs­wo­chen­ende für das aus­ge­füllte Stimm­cou­vert eine Tafel Scho­ko­lade. Aber ist es wirk­lich not­wendig, jemanden für das Wahr­nehmen eines Pri­vi­legs zu belohnen? Offenbar schon, wie die Stimm­be­tei­li­gungs-Sta­tis­tiken zeigen. Lag die Stimm­be­tei­li­gung der Aar­gauer im Jahr 1977 noch bei 51.29%, konnten sich im Jahr 2016 nur noch 32.81% dazu bewegen, ihre Stimme abzu­geben. Nicht mal ein Drittel aller Stimm­be­rech­tigten des Kan­tons Aargau füllt seine Abstim­mungs­un­ter­lagen aus.

Diese Zahlen mögen zwar auch von der Bri­sanz der jewei­ligen Initia­tiven abhängig sein, alles in allem bleibt es aber ein bedenk­li­cher Durch­schnitt. Abstimmen wäre im Kanton Aargau sogar kom­plett gratis.Stimmen die Aar­gauer und Aar­gaue­rinnen also ein­fach nicht ab, weil sie so zufrieden mit den Gesetzen der Schweiz sind?  Wohl kaum. Pünkt­lich zu den Abstim­mungs­er­geb­nissen setzt näm­lich jeweils das Jam­mern in feinster Stamm­tisch­ma­nier ein. Am lau­testen monieren die­je­nigen, die selbst seit Jahren kein Abstim­mungs­cou­vert mehr geöffnet haben.

Das ewige «Meine Stimme ändert sowieso nichts»-Gerufe ist aber ledig­lich eine Aus­rede für jene Men­schen, die zu bequem sind, ihre Mei­nung abzu­geben. Ein lächer­li­cher Vor­wand jener, die zu klein­geistig sind, sich mit den aktu­ellen Abstim­mungen auch nur minimal aus­ein­an­der­zu­setzen. Ein Armuts­zeugnis, aus­ge­stellt an alle, die nicht in der Lage sind, das kleinste Biss­chen Ver­ant­wor­tung für unseren Staat zu über­nehmen. Abstimmen ist weder anstren­gend, noch kom­pli­ziert, es kostet den Stimm­bürger auch nichts. Klingt doch eigent­lich ziem­lich machbar.Gerade des­halb ist es wohl not­wendig, die Stimm­be­rech­tigten mit Scho­ko­lade oder Bier zu locken. Was auch immer von­nöten ist, damit Herr und Frau Schweizer erkennen, dass Abstimmen ein Pri­vileg ist. Wenn sie es nicht für ihre Zukunft tun möchten, dann wenigs­tens für eine Tafel Schokolade oder ein Frei­bier.