Glaube to go

Von | 30. Mai 2018 | Gedanken

Es war am ver­gan­genen Montag, am Erlenweg in Ober­ent­felden, unweit der Schule. Drei Ver­treter einer Mino­ri­täts­ge­meinde ver­teilten Gra­tis­ex­em­plare der Bibel. Wer kennt es nicht? Vor allem aber: Was ist davon zu halten?

Mir wider­strebt Wer­bung in Glau­bens­dingen, egal für welche Kon­fes­sion, Deno­mi­na­tion oder Reli­gion. Glau­bens­rich­tungen gibt es viele. Turn­schuh­marken auch. Aber kann man Glau­bens­rich­tungen bewerben wie Turn­schuhe? Und mit Give-Aways wie einer Gra­tis­bibel oder einem Gra­ti­s­koran poten­zi­elle Kon­su­menten ködern? Zweifel sind angebracht.Glaube ist keine Ware. Kein Han­delsgut, das man zu Markte tragen kann. Glaube bedarf keiner Wer­bung oder kos­ten­loser Schriften. Das Give-Away aus Ober­ent­felden liegt auf meinem Schreib­tisch. Unge­öffnet. Unge­lesen. In ein paar Tagen wird es irgendwo in meinem Bücher­regal ver­schwinden. Und in ein paar Jahren wird es, mit einer leichten Staub­schicht über­zogen, sein Dasein in einem Anti­qua­riat oder auf einem Floh­markt fristen. Oder es wird sein Ende im Alt­pa­pier finden. Das pro­gnos­ti­zier­bare Schicksal des Ein­weg­ex­em­plares aus Ober­ent­felden sagt indes nichts über meinen Glauben aus.

Glaube ist eine unver­gleich­liche Berei­che­rung. Aber es kommt nicht auf die Marke an. Brand doesn’t matter. Worum unser Glaube sich dreht, worauf er sich richtet, wie wir ihn nennen – das ist nicht das Ent­schei­dende. Wir alle glauben auf die eine oder andere Art und Weise.

Und wenn es nur der Glaube an uns selbst ist: Wer glaubt, hat die Kraft, jeden Morgen auf­zu­stehen und das Beste aus dem bevor­ste­henden Tag zu machen. Glaube macht aktiv. Glaube weckt auf. Und manchmal weckt er das Beste in uns. Aller­dings nur dann, wenn er nicht den Anspruch auf Allein­ver­tre­tung der einen Wahr­heit, des einen Weges, des einen Gottes erhebt. Tut er es doch, fällt er auf die Ebene einer Turn­schuh­marke auf Kun­den­fang. Dann wird er zur Han­dels­ware. Zum Kon­sumgut. Und wir werden zu pas­siven Kon­su­menten. Aber Glaube ist etwas Aktives, etwas, das aus uns selbst kommt. Des­halb funk­tio­niert er auch nicht nach Markt­prin­zi­pien. Er hat viel­mehr mit Werten zu tun. Werte, die wir aktiv hoch­halten, nach denen wir leben, an die wir glauben. Solche Werte finden wir durchaus in den Gleich­nissen der Bibel, in den Suren des Korans oder in den Veden des alten Indien. Wir finden sie aber auch in den Erzäh­lungen unserer Freunde, in den Geschichten unserer Fami­lien – und in uns selbst. In Büchern und im Leben: Werte finden wir an vielen Orten und in man­nig­fa­cher Gestalt. Des­halb sollten wir skep­tisch sein, wann immer man uns die eine Wahr­heit, den einen Weg, den einen Gott anpreist. Es gibt mehr als eine Wahr­heit. Es gibt mehr als einen Weg. Und wer weiss schon, wie viele Götter es gibt. Wer­bung in Glau­bens­dingen? Hei­lige Schriften als Give-Aways? Glaube to go? – Glaube und Werte sind keine Kon­sum­güter. Und sie sind schon gar nicht gratis zu haben.