Liebe sich, wer kann!

Von | 23. Mai 2018 | Gedanken

Sollen homo­se­xu­elle Paare in der Schweiz hei­raten und Kinder adop­tieren können? Eigent­lich ein lei­diges Thema, über das, augen­schein­lich, kaum sach­lich dis­ku­tiert werden kann.  Kein Wunder – ist es doch eigent­lich die Liebe, über die hier debat­tiert wird.

Die Liebe von gleich­ge­schlecht­li­chen Paaren, die nach Schweizer Recht der Liebe von hete­ro­se­xu­ellen Paaren nicht gleich­ge­stellt ist. In vielen west­li­chen Län­dern ist es homo­se­xu­ellen Paaren bereits erlaubt, zu hei­raten und Kinder zu adop­tieren. Nicht aber in der Schweiz. Was hält uns davon ab? Zu behaupten, die Ehe werde beim Schweizer Volk nach wie vor als etwas Beson­deres, Christ­li­ches ange­sehen, wäre schein­heilig. Oder wie viele Men­schen in Ihrem Freun­des­kreis kennen Sie, die noch nicht min­des­tens einmal geschieden sind? Wie viele Men­schen ent­schliessen sich gar dazu, über­haupt nicht zu hei­raten? Wie oft wird auf eine kirch­liche Trauung ver­zichtet und nur stan­des­amt­lich gehei­ratet? Wovor haben die Schweizer Poli­tiker also genau Angst? Geht es um die Mög­lich­keit der Adop­tion? Ist das Modell «Familie» nur ein Pri­vileg für hete­ro­se­xu­elle Paare? Leiden Kinder unter der sexu­ellen Ori­en­tie­rung ihrer Eltern? Fragen über Fragen – und auf keine ein­zige fällt mir eine logi­sche Ant­wort ein. Ich traue dem Schweizer Stimm­volk eigent­lich einiges zu. 

Unter anderem traue ich ihm die Ein­sicht zu, dass es sich auch bei homo­se­xu­ellen Paaren um nichts anderes han­delt als um Lie­bende. Viel­leicht han­delt es sich sogar um poten­tiell sehr gute Eltern, die einem fami­li­en­losen Kind gerne ein lie­be­volles Zuhause bieten würden. Ich traue dem Stimm­bürger auch zu, dass er sich für Themen, die ihn viel­leicht nicht direkt betreffen, inter­es­siert. Ich mei­ner­seits fühle mich sogar pri­vi­le­giert, dass man mich über ein Thema abstimmen lassen wird, das mich in keinster Weise betrifft. Bleibt zu hoffen, dass Herr und Frau Schweizer anderen Men­schen auch mal etwas gönnen. Doch bevor die Ehe für alle über­haupt vors Volk kommt, muss das Par­la­ment erst grünes Licht geben. Das kann bekannt­lich dauern.

Bis es so weit ist, rate ich allen, nicht nur den homo­se­xu­ellen Paaren: Liebe sich, wer kann! In den letzten 50 Jahren hat sich die Men­ta­lität dies­be­züg­lich massiv geän­dert. Im Jahr 2018 braucht sich kein Mensch mehr für seine sexu­elle Ori­en­tie­rung zu schämen. Im Gegen­teil: Schämen sollten sich jene Men­schen, die jemanden, der anders gestrickt ist als sie selbst, des­wegen dis­kri­mi­nieren. Es zeugt von feh­lender sozialer Kom­pe­tenz, wenn man nicht begreifen und akzep­tieren kann, dass nicht jeder Mensch die eigenen Werte teilt. Diesen Men­schen sei geraten: «Lieben und lieben lassen!»