Mari­an­ne Wehr­li, LL.M Rechts­an­wäl­tin

War­um kein allei­ni­ges Sor­ge­recht?

Von | 9. Dezem­ber 2017 | Rat­ge­ber Recht

FRAGE | Mein Mann hat mich see­lisch sehr ver­letzt. Seit unse­rer Tren­nung spre­chen wir nicht mehr mit­ein­an­der. Sämt­li­che Kor­re­spon­denz erfolgt per E-Mail. Wir haben zwei Kin­der im Pri­mar­schul­al­ter, die ihren Vater nicht mehr sehen wol­len. Bei allen Fra­gen, die unse­re Kin­der betref­fen, haben wir unter­schied­li­che Mei­nun­gen. Muss ich mich bei der Schei­dung trotz­dem auf ein gemein­sa­mes Sor­ge­recht ein­las­sen?

ANTWORTDie elter­li­che Sor­ge beinhal­tet das Recht – und die Pflicht – der Eltern, die Pfle­ge und Erzie­hung ihres Kin­des zu lei­ten und die nöti­gen Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Prak­tisch fal­len jedoch nur weni­ge Fra­gen im Leben des Kin­des unter das Sor­ge­recht, wel­che die Eltern gemein­sam ent­schei­den müs­sen. Die meis­ten Ent­schei­dun­gen betref­fen ihren All­tag, ihre täg­li­che Betreu­ung und die lau­fen­de Erzie­hung, die jeweils der­je­ni­ge Eltern­teil ent­schei­det, in des­sen Obhut sich das Kind gera­de befin­det. Das Sor­ge­recht betrifft des­halb nur Fra­gen, die nicht die All­tags­ge­stal­tung betref­fen wie bei­spiels­wei­se die Namens­ge­bung, die Aus­bil­dung, die Wahl der reli­giö­sen Erzie­hung, medi­zi­ni­sche Ein­grif­fe und ande­re, das Leben prä­gen­de Wei­chen­stel­lun­gen wie etwa die Aus­übung von Hoch­leis­tungs­sport. Auch zer­strit­te­ne Eltern sind sich über sol­che Fra­gen meist einig. Ihr Streit bezieht sich in der Regel auf all­täg­li­che Fra­gen, die das Sor­ge­recht gar nicht betref­fen.

Seit der Geset­zes­än­de­rung im Jahr 2014 bil­det die gemein­sa­me elter­li­che Sor­ge den Grund­satz und die Allein­zu­tei­lung die eng begrenz­te Aus­nah­me in Fäl­len kom­plett zer­strit­te­ner oder kom­mu­ni­ka­ti­ons­un­fä­hi­ger Eltern, deren Ver­hal­ten das Kin­des­wohl direkt gefähr­det. Selbst dann kommt das allei­ni­ge Sor­ge­recht nur in Fra­ge, wenn dies für das Kind die Aus­wir­kun­gen aus dem Eltern­streit erheb­lich ver­min­dern wür­de. Strei­ten die Eltern vor allem über All­täg­li­ches, schafft die Zuwei­sung der allei­ni­gen Sor­ge kei­ne Abhil­fe für das Kind. In sol­chen Fäl­len ist laut Bun­des­ge­richt das Sor­ge­recht bei­den Eltern zu belas­sen.

Rechts­fra­gen kön­nen gestellt wer­den an:

Mari­an­ne Wehr­li, Rechts­an­wäl­tin, Lau­ren­zen­vor­stadt 79, Post­fach 4227, 5001 Aar­au
E-Mail: ratgeber@anwaltsbuero-wehrli.ch