Ahmad Miri Schöftland | Der Landanzeiger
Wegen der Corona-Pandemie konnte Ahmad Miri bisher erst in Testspielen für den SC Schöftland auflaufen
SC Schöftland

In die neue Heimat geflüchtet

Der gebürtige Afghane Ahmad Miri (18) spielt beim SC Schöftland und wartet auf seinen ersten Einsatz mit dem Fanionteam in der Meisterschaft. Was Ahmad Miri aber in den letzten fünf Jahren sonst noch alles erlebt hat, bietet Stoff für ein Hollywood-Drama inklusive Happy End.

Die aussergewöhnliche Geschichte beginnt im Sommer 2015, als Ahmad Miris Vater für seinen Sohn in ihrer Heimat Iran keine Zukunft mehr sieht. Weil Miri keinen iranischen Pass besitzt, bleiben ihm viele Möglichkeiten wie zum Beispiel der Wechsel von der Grundschule in die Oberstufe verwehrt. Deshalb schickt Miris Vater seinen Sprössling alleine in die Schweiz, mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien und Österreich erreicht Ahmad Miri innert 40 Tagen die Schweizer Grenze. «Die grösste Gefahr war, dass ich unterwegs bedroht werde oder dass mich die Polizei fasst und in den Iran zurückschickt», erzählt Miri. Weil er beim Kauf eines Sandwichs in der Türkei und später in einem griechischen Park zufällig Kollegen trifft, ist Miri nicht ganz auf sich alleine gestellt. «Erst in Wien trennten sich unsere Wege, sie reisten in andere Länder weiter», sagt er.

Mit der Ankunft in der Schweiz stellen sich Ahmad Miri die nächsten Hürden in den Weg. Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, landet er im Asylheim in Buchs SG und wird später nach Aarau geschickt. Schnell vermisst er die eigene Familie. «Wenn ich sah, dass andere Kinder mit ihren Eltern spazieren oder essen gingen, war das schlimm. Ich war alleine, musste alles selber entscheiden und konnte niemandem von meinen Erlebnissen erzählen», sagt Miri.

Halt gibt ihm der Fussball
In der Schweiz versucht er, seinen Traum vom Profispieler zu verwirklichen. Nachdem Miri beim Probetraining die Verantwortlichen des FC Aarau nicht überzeugen kann, schliesst er sich dem FC Küttigen an. Sein Talent bleibt nicht unbemerkt: Schnell schafft Miri den Sprung in die erste Mannschaft, zudem darf er sich beim FC Basel zeigen. Aber auch dieser «Test» verläuft nicht nach Wunsch. «Nach einem nicht gegebenen Foul für mich war ich so frustriert, dass ich mich mit meinem Trainer anlegte», erzählt Miri. Unter der Dusche fragen ihn dann seine Mitspieler, was er sich dabei gedacht habe, sich mit Alex Frei zu streiten. Der Schweizer Rekordtorschütze war Miri damals kein Begriff, «und nach diesem Disput war meine Karriere beim FC Basel bereits wieder zu Ende».

Obwohl der Profi-Traum bisher nicht in Erfüllung ging, war der Fussball für Ahmad Miri das ideale Sprungbrett zur Integration in die Gesellschaft. Mittlerweile wohnt er bei einer Gastfamilie neben dem Brügglifeld in Aarau, spricht fliessend Deutsch und absolviert sein zweites Lehrjahr als Tiefbauzeichner mit Berufsmatur. Mit seiner Familie telefoniert er mindestens einmal pro Woche, eine Rückkehr in den Iran kann er sich aber nicht mehr vorstellen. «Die Schweiz ist meine neue Heimat», sagt Miri.

Geduld ist gefragt
Weil die Meisterschaft wegen des Virus unterbrochen ist, verzögert sich Ahmad Miris Debüt beim SC Schöftland nach seinem Wechsel in der Winterpause. «Er verfügt über interessante Anlagen im Angriff, hat defensiv und körperlich aber noch Defizite», sagt SCS-Sportchef Manuel Moor.

Neben den fussballerischen Qualitäten ist er auch vom Werdegang des talentierten Stürmers beeindruckt. «Jeder kann von Ahmad lernen. Er ist immer fröhlich und dankbar für das, was man ihm ermöglicht. Das sind Tugenden, von denen sich alle eine Scheibe abschneiden können», sagt Moor.

Auch wenn Ahmad Miri mit dem Wechsel in die 2. Liga inter seinem Traum etwas näher gekommen ist, verfolgt er sein Ziel nicht mehr bedingungslos: «Als ich in die Schweiz kam, hatte Fussball den gleichen Stellenwert wie die Schule. Jetzt ist es mein Hobby.» Andere Dinge seien jetzt wichtiger. «Ich möchte meine Ausbildung abschliessen. Was danach kommt, ist offen.»

Text: PKA | Bild: Gerry Frei
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