Sie kämpfen gegen den Zukunftsraum | Der Landanzeiger
Kämpfen gegen den Zukunftsraum (von links): Michael Wiesendanger, Hermann Rüfenacht, Dieter Ammann, Marianne Fuchs-Holliger, Roland Haldimann, Franz Udo Fuchs. Es fehlen: Brigitte Siegenthaler-Kyburz und Guido Kyburz.
Zukunftsraum Aarau: Oberentfelden stimmt am 13. Dezember darüber ab

«Selbständigkeit ist ein kostbares Gut»

Am kommenden Sonntag entscheidet Oberentfelden an der Urne, ob es beim Projekt «Zukunftsraum Aarau» dabeibleiben oder aussteigen will. Oberentfelden kann sich bei den Gegnern bedanken, sie sammelten nach dem Ja an der Gmeind Unterschriften und ermöglichten mit dem Referendum, dass dieses wichtige Geschäft an die Urne kommt.

Franz Udo Fuchs, Sie gehören zusammen mit Dieter Ammann, Marianne Fuchs-Holliger, Roland Haldimann, Hermann Rüfenacht, Brigitte Siegenthaler, Michael Wiesendanger und Guido Kyburz zu den treibenden Kräften der Oberentfelder Gegnerschaft des Zukunftsraums. Nennen Sie uns drei Hauptgründe, weshalb Oberentfelden nun aussteigen soll?
Referendumskomitee: 1. Wir wollen die direkte Demokratie nicht aufgeben, sondern wie bis anhin an den Gemeindeversammlungen die Geschäfte selbst bestimmen. 2. Das vorhandene Schulsystem deckt alles ab. Wir haben einen für unsere Bedürfnisse optimalen Schulstandort, eine starke Schulführung und eine starke Kita vor Ort. Das wollen wir nicht aufgeben. 3. Die technischen Betriebe der Gemeinde mit Elektrizität- und Wasserversorgung, sowie Abwasserversorgung sind vorbildlich, auf einem qualitativ hohen Standard, vor allen Dingen günstig, was die Versorgungskosten angeht. Dazu kommt: Selbständigkeit und Unabhängigkeit ist ein kostbares Gut, zu dem man Sorge tragen muss.

Warum haben an der «Gmeind» damals so viele Stimmberechtigte für den Zukunftsraum gestimmt?
Die Befürworter haben im Vorfeld sehr gut mobilisiert. Von Seiten politischer Parteien wurden die Stimmbürger einseitig über die Vorteile des Zukunftsraums orientiert, oder hatten überhaupt keine Meinung. Das überparteiliche Referendums-Komitee wurde erst nach der Gemeinde-Versammlung gegründet.

Sie haben zusammen mit Ihren Kollegen schnell über 1000 Unterschriften für das Referendum zusammengebracht (479 Unterschriften wären nötige gewesen). Gab es auch Einwohner, die nicht unterschrieben haben und mit welchen Argumenten?
Selbstverständlich hörten wir verschiedene Argumente beim Unterschriften sammeln. Die Befürworter stellten die Argumente betreffend Steuerfuss in den Vordergrund. Ausschlaggebend war oft, dass die Stimmbürger eine schriftliche Abstimmung möchten, auch in Anbetracht, dass gegenwärtig neben Aarau Rohr nur Unterentfelden beim Zukunftsraum dabei ist.

Sie schreiben in Ihren Flyern und -Inseraten gegen den Zukunftsraum, dass Oberentfelden alles biete, was moderne Bürger heute benötigen. Was sprechen Sie hier genau an?
Oberentfelden hat alles, was man zum Leben braucht: Eine moderne Verwaltung, eine grosse eigenständige Schule, optimale Einkaufsmöglichkeiten und viele KMUs, welche die Bedürfnisse des täglichen Lebens abdecken. Eine sehr gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr mit SBB und WSB, den Autobahnanschluss vor der Haustüre und kurze Wege zu Naherholungsgebieten und Sportanlagen.

Hat sich Oberentfelden in den letzten Jahren nach Ihrem Wunsch entwickelt?
Oberentfelden hat sich grundsätzlich positive entwickelt. Es ist in den letzten Jahren auf rund 8500 Einwohner massiv gewachsen. Die Gemeinde bietet viele Arbeitsplätze und positive Bedingungen für Industrie und KMUs. Das rasante Wachstum der Gemeinde hat auch seine negativen Seiten, der Verkehr im Dorfzentrum. Die Verkehrssituation ist nun aber grosszügig mit den Instanzen SBB-WSB-Kanton aufgegleist worden. Die dafür benötigen Mittel werden mehrheitlich von Bund und Kanton zur Verfügung gestellt. Vor einem Jahr genehmigten National- und Ständerat im Rahmen des «Ausbauschritt 2035» diese Kosten.

Die Eigenständigkeit hat ihren Preis, doch Oberentfelden ist nicht auf Rosen gebettet. Es stehen unter anderem gros-se Investitionen an. Wie soll die Gemeinde das stemmen?
Oberentfelden benötigt neuen Schulraum und hat Investitionen in die Infrastruktur zu tätigen. Bei vernünftiger Planung zwischen Wünschbarem und Machbarem wird eine Steuerfusserhöhung notwendig sein. Solange wir jedoch eigenständig entscheiden können, liegt es in unseren Händen. Viele Gemeinden haben einen Investitionsbedarf und daraus resultiert, dass die Steuern angepasst werden können oder müssen.

Über den Steuerfuss sprechen wir nicht, aber über die Gebühren: Zurzeit hat Oberentfelden in einigen Bereichen tiefere Ansätze als Aarau. Was spricht dafür, dass das so bleibt?
Die Voraussetzung, dass der Mix aus Steuern und Gebühren für Oberentfelden vorteilhafter bleibt gegenüber Aarau, ist unsere Selbstständigkeit. Neutrale Berechnungen kommen beispielsweise zum folgenden Resultat: Beim Vergleich von Gebühren, Strom und Steuern mit einem steuerbaren Einkommen von 50’000 Franken, dass im 2021 eine alleinstehende Person 96 Franken und eine Familie 305 Franken weniger bezahlt in Oberentfelden als in Aarau. Die Eigenwirtschaftsbetriebe (Elektrizität, Wasser, Abwasser) arbeiten seit Jahren hervorragend und effizient. Es ist nicht zu befürchten, dass sich dies in Zukunft ändern wird. Unsere Gebührenreglemente (Abfall, Parkierungsreglement) wurden an der Gmeind beschlossen. Eine Veränderung ist auch hier nicht zu erwarten. Steuern werden vom Stimmbürger bestimmt, Gebühren vom Stadtrat oder Gemeinderat.

Oberentfelden hat viele Vereine, um diese haben Sie besonders Angst was den Zukunftsraum betrifft. Weshalb?
Für die wesentlichen Sportanlagen, dem Frei- und Hallenbad, den Tennisplätzen des TC Entfelden, den Fussballplätzen des FC Entfelden, inkl. Petanqueclub Entfelden, wurde das Land von den Ortsbürgern Oberentfelden im Baurecht zur Verfügung gestellt. Als weiteres können die vorhandenen Turnhallen von Sport- und Kulturvereinen vorteilhaft genutzt werden. Für die Benützung von Sportstätten ist im Zukunftsraum Aarau der Stadtrat (Bildung und Sport) zuständig. Über Fussballplätze und Sporthallen bestimmt alleine die Stadt (siehe Rohr). Die Fussballjugend kann nicht mehr darauf vertrauen, dass sie die Entfelder Plätze grosszügig benützen können. Wir befürchten sehr, dass unsere Sportvereine weniger Hallenzeit erhalten, weil Aarau selber Platznot hat. Musik- und Theatervereine werden sich mit höheren Benützungsgebühren für Veranstaltungen abfinden müssen, wenn die Oberentfelder Reglemente denen der Stadt angepasst werden.

Gibt es aus Ihrer Sicht gar keine Punkte, die für ein Ja zum Zukunftsraum sprechen?
Nein, beim besten Willen nicht.

Unterentfelden hat dem Zukunftsraum an der Urne zugestimmt. Ist die Nachbargemeinde in einer anderen Situation als Oberentfelden, dass es dort an der Urne ein Ja gab?
Wir können nur spekulieren, die genauen Gründe kennen wir nicht.

Könnten Sie sich vorstellen, dass bei einem Nein zum Zukunftsraum, die beiden Entfelden fusionieren?
Diese Möglichkeit besteht, da bereits heute in verschiedenen Bereichen eng und erfolgreich zusammengearbeitet wird. 

Interview: RAN | Bild: zVg
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