Matter-Comic neu aufgelegt | Der Landanzeiger
Markus Kirchhofer hat die Matter-Comic-Biografie Anfang der 1990er Jahre gemeinsam mit Illustrator Reto Gloor realisiert. Das neue Buch hat er selbst in gedruckter Form noch nicht gesehen.
Muhen

Matter-Comic neu aufgelegt

Der Verlag «Edition Moderne» bringt die Comic-Biografie des legendären Kriminellen Bernhart Matter aus Muhen neu heraus. Der Band erscheint zum 200. Geburtstag des «helvetischen Robin Hood». Der Landanzeiger traf Autor Markus Kirchhofer zum Interview.

Markus Kirchhofer, zum 200. Todestag von Bernhart Matter erscheint der Comic, den Sie mit Reto Gloor Anfang der 90er-Jahre kreiert haben, in einer Neuausgabe. Was ist neu?
Neu ist, dass die Edition Moderne dieses Jahr eine Gesamtausgabe veröffentlicht. 1992 («matter») und 1993 («matter entZWEIt») erzählten Reto und ich Matters Leben und Sterben in zwei Bänden. Das Zusammenfügen erforderte einige Anpassungen, weil Band zwei eine zeitliche Klammer um Band eins bildet. Neu ist auch das fundierte Nachwort, das die Historiker Marc Griesshammer (Leiter Stadtmuseum Aarau) und Raoul Richner (Stadtarchivar Aarau und Präsident der Historischen Vereinigung Wynental) verfasst haben.

Wir kam es damals überhaupt zu diesem Comic-Klassiker?
Reto Gloor kenne ich seit der Bezirksschule in Schöftland. Für die erste Ausgabe der Schülerzeitung «Der Lautsprecher» gestaltete Reto das Titelbild, eine Karikatur und einen Comic. Ich schrieb über die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft. In der Kantonsschule besuchten wir die gleiche Klasse. Reto zeichnete schon immer grossartige Comics. Als ich in Lenzburg lebte, erzählte mir ein Freund von der Hinrichtung Bernhart Matters bei den «Fünflinden». Er empfahl mir die Lektüre von Nold Halders «Leben und Sterben des berüchtigten Gauners Bernhart Matter». Reto war davon ebenso fasziniert wie ich. So reifte die Idee, gemeinsam einen Comic zu dieser Räubergeschichte zu machen.

Wie liest sich eigentlich die Erstausgabe nach dreissig Jahren für Sie selber. Ist alles auch mit ihrem heutigen Wissen noch stimmig?
Es gibt neue Erkenntnisse zurzeit, in der Bernhart Matter (1821–1854) lebte. Erst seit Ursula Maurers «Hungerland» (2019) ist mir beispielsweise bekannt, dass im Ruedertal, in dem Matters Frau Barbara wohnte und in dem ich aufgewachsen bin, im Winter nach Matters Hinrichtung Menschen verhungerten. Es waren die letzten Hungertoten der Schweizer Geschichte. Der Grossvater meines Grossvaters lebte im Schiltwald und war 1854 20 Jahre alt. Ich hatte Glück, dass ich vier Generationen später zur Welt kam … Als Autor ist mir natürlich die Sprache, mit der ich die Geschichte erzähle, am wichtigsten. Für die Neuausgabe kürzte ich meine Dialoge und die Begleittexte von 1992 und 1993 um etwa einen Viertel. Das hat den schönen Nebeneffekt, dass Retos Original-Zeichnungen, die in seinem Nachlass im «Centre BD de la Ville de Lausanne» archiviert sind, gleichzeitig mehr «Luft» und mehr Gewicht erhalten. Auch die schönen Helvetismen und Mundart-Wörter reduzierte ich «süferli».

Sie haben sich intensiv mit Matters Leben befasst, was ist für Sie das Faszinierende an Matter?
Sein widersprüchlicher Charakter. Seine Zerrissenheit zwischen Verbrechertum und der Sehnsucht nach einem bürgerlichen Leben zum Beispiel. Oder sein ständiger Gesinnungswechsel zwischen Fern- und Heimweh, zwischen Ehefrau und Geliebten. Diese Widersprüche bieten viel Stoff für eine spannende Geschichte.

Matter wird gelegentlich als eine Art Robin Hood bezeichnet, der Beute freigebig verteilt oder billig verkauft haben soll. Stimmt dieses Bild mit der Wirklichkeit überein?
Ob Robin Hood als historische Figur existierte, ist ja nicht belegt. Aber er ist so etwas wie der Archetyp des «edlen Räubers», der andernorts Namen wie Schinderhannes, Rinaldo Rinaldini oder Rob Roy trägt. Ich denke nicht, dass Bernhart Matter diesem Bild entspricht. Ich sehe ihn eher als tragikomischen Gehetzten und Getriebenen, der es verpasste, sich nach Amerika abzusetzen wie drei seiner vier Brüder.

Können Sie das Image einschätzen, welches er hier in der Region hatte, war es eher das eines Verbrechers oder eines Volkshelden?
Das ist aus heutiger Sicht schwer einzuschätzen. Das Historiker-Duo Griesshammer/Richner schreibt im Nachwort: «Matters Freunde, bei denen er Unterschlupf fand, lebten abseits der Dörfer, in Seitentälern in unmittelbarer Nähe zu den Schutz bietenden Wäldern: So die Lüschers im Schwabistal bei Muhen, die Richners im Gränicher Refental oder die Kaspars im Oberkulmer Sood.» Bei ihnen war Matter sicherlich beliebt. Beim Pfarrer von Gränichen oder beim Wirt der Teufenthaler «Herberge» sicher nicht, weil er bei ihnen einbrach. Auch die Pressestimmen aus der damaligen Zeit sind widersprüchlich. Erst nach seinem Tod ist das veröffentlichte Image des Hingerichteten mehrheitlich positiv.

Matter hat ja nie einen Menschen getötet, nicht einmal verletzt, wie kam es zum Todesurteil und was hat das ausgelöst?
Matter wurde als «unverbesserlicher Dieb» zum Tode verurteilt. Dass der veraltete Paragraph 154 gegen Matter zur Anwendung kam, kann ich mir nur mit seinen dreisten Ausbrüchen erklären, die die Sicherheitsmassnahmen der Behörden blossstellten. Vor seinem letzten, spektakulärsten Ausbruch aus der Festung Aarburg versuchte der Bundesrat auf Ersuchen der Aargauer Regierung, Matter in eine französische oder britische Strafkolonie zu deportieren. Aber die wollten ihn auch nicht. Eine direkte Folge seiner Hinrichtung war der Bau der Strafanstalt Lenzburg. Sie wurde zehn Jahre nach Matters Tod eröffnet.


Matter-Comic neu aufgelegt | Der Landanzeiger
Das Cover, des neu erschienen Buchs über Bernhart Matter.

«MATTER»

Neu erscheinen die einstigen beiden Comicbände «Matter» und «Matter entzweit» in überarbeiteter Form als ein Band mit einem Nachwort der Historiker Marc Griesshammer, Leiter Stadtmuseum Aarau und Raoul Richner, Stadtarchivar Aarau und Präsident der Historischen Vereinigung Wynental. Gezeichnet wurde «MATTER» vom in Schöftland aufgewachsenen und danach in Basel lebenden Illustrator Reto Gloor, der 2019 leider viel zu früh verstorben ist.
ISBN 978-3-03731-212-4
128 Seiten / 39 Franken


Interview: Martin Sommerhalder | Bilder: MARS./zVg
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