«Wir planen Szenarien für Turnfeste» | Der Landanzeiger
Ein Turner durch und durch: Kurt Hunziker aus Kirchleerau führte ad interim die Geschäfte des Schweizerischen Turnverbandes.
Turnen

«Wir planen Szenarien für Turnfeste»

Kurt Hunziker aus Kirchleerau hat nach dem Abgang von STVGeschäftsführer Ruedi Hediger ad interim die operative Führung des Schweizerischen Turnverbandes übernommen. Im Gespräch mit dem «Landanzeiger» spricht er über die Verfehlungen in der Rhythmischen Gymnastik, die Herausforderungen rund um die Pandemie und die neue STV-Direktorin.

Kurt Hunziker, Sie führten vom 1. Januar bis 28. Februar ad interim die Geschäftsstelle des Schweizerischen Turnverbands. Wie liefs?
Kurt Hunziker: Es war eine intensive aber auch eine sehr erfüllende Zeit. Ich durfte auf ein erfahrenes und motiviertes Team auf der Geschäftsstelle zählen, das mich unterstützte.

Welches waren die wichtigsten Arbeiten?
Kurt Hunziker: Die Herausforderungen aufgrund des Corona-Virus sowie die Untersuchungen in der Rhythmischen Gymnastik und im Frauenkunstturnen waren und sind die wichtigsten Themen, die den STV aktuell bewegen. Als Finanzchef des Verbandes beschäftigte mich zudem der Abschluss der Jahresrechnung 2020.

Der STV ist in die Kritik geraten, weil es angeblich zu Verfehlungen in der Rhythmischen Gymnastik und im Frauenkunstturnen gekommen sei. Wie sehr hat Sie das getroffen?
Kurt Hunziker: Die verschiedenen Vorwürfe haben mich sehr betroffen gemacht. Es ist uns sehr wichtig, dass diese Vorwürfe nun geprüft und aufgearbeitet werden. Deshalb liessen wir diese durch eine externe Anwaltskanzlei und durch die unabhängige Ethikkommission untersuchen.

Wie hat sich das Turnen und ihre Arbeit seit Corona verändert?
Kurt Hunziker: Vor allem die Absage nahezu aller Wettkämpfe, der Turnunterhaltungen und das teilweise Trainingsverbot schmerzt sehr. Unsere Turnerinnen und Turner vermissen den Sport und das gesellige Zusammensein im Turnverein sehr. Das ständige Überarbeiten der Planungen, die fehlende Planungssicherheit und die generelle Ungewissheit erschwert die Arbeit. Das ist für alle Stufen der Turnfamilie herausfordernd.

Das STV-Budget 2020 sah ein Minus von rund 500’000 Franken vor, bei einem Umsatz von rund 19,5 Mio. Franken. Welche finanziellen Auswirkungen hat die Pandemie für den STV?
Kurt Hunziker: Nach Eintreten der Pandemie haben wir relativ früh Eventualplanungen ausgearbeitet und bei anstehenden Anlässen Absageszenarien entwickelt und durchgespielt, juristische Unsicherheiten geklärt, damit wir die Risiken und Kosten im Griff haben. Von dieser Weitsicht profitieren wir nun: Das Rechnungsjahr 2020 wird besser abschliessen als budgetiert, da wir nicht alles realisieren konnten, was geplant war. Die Minderausgaben übersteigen die Mindereinnahmen. Insgesamt «schrumpft» der Umsatz um 16 Prozent. Der STV konnte aber vor allem auch auf die Kulanz und Unterstützung seiner Partner und Sponsoren zählen! Das ist nicht selbstverständlich. Umso mehr schätzen wir das. Je länger die Pandemie andauert, desto grösser wird der Schaden für das Turnen sein. Die Mitglieder sind das Rückgrat des Verbandes. Wenn ganze Jahrgänge nicht eintreten und übertreten würden, dann hätte dies grosse finanzielle Konsequenzen.

Wie budgetierten Sie fürs 2021?
Kurt Hunziker: Wir haben die Verschiebung von Anlässen und einen Nachholbedarf an Leiter- und Richterkursen für 2021 budgetiert. Die Planung 2021 beinhaltet aber auch die Durchführung von Europameisterschaften im Kunstturnen in Basel Ende April 2021, WM Akrobatikturnen in Genf im Juli 2021 und die Faustball WM der Frauen Mitte Juli in Jona SG. Wir sind froh, dass Organisationen im Turnsport durch das Stabilisierungspaket COVID-19 des Bundes über eine gewisse Absicherung für coronabedingte Schäden verfügen. Ohne das Stabilisierungspaket des Bundes wären viele Sportanlässe und Events dieses Jahr auf Grund des hohen finanziellen Risikos nicht durchführbar.

Wann rechnen Sie wieder mit offenen Turnhallen und ersten Turnfesten?
Kurt Hunziker: Wir hoffen, dass unsere Turnvereine sobald wie möglich wieder normal trainieren können. Wann dies sein wird, ist sehr schwierig vorherzusehen. Seit letztem Herbst besteht eine Task Force, die zusammen mit den Turnfestorganisatoren in drei verschiedenen Szenarien die Durchführung der Turnfeste 2021 plant. Da die Vereine nicht trainieren können – insbesondere in den schätzbaren Disziplinen – wird es immer schwieriger. Die Entscheide über die Art der Durchführung werden durch die OK’s demnächst gefällt.

Nach dem Rücktritt von Ruedi Hediger wurde eine Nachfolge gesucht. Hat Sie dieses Amt nicht gereizt?
Kurt Hunziker: Ich bin in meiner Funktion als Finanzchef sehr glücklich. Und mit Béatrice Wertli hat der STV eine tolle Persönlichkeit als neue Direktorin gefunden. Ich freue mich, dass erstmals eine Frau zur Direktorin des STV gewählt wurde. Sie bringt eine grosse Erfahrung mit und verfügt über ein ausgezeichnetes Netzwerk. Wir arbeiten bereits sehr gut zusammen. Ich bin überzeugt, dass sie die Richtige ist, um den STV sowohl im Sportlichen als auch als Organisation in eine erfolgreiche Zukunft zu führen.


Zur Person

Kurt Hunziker, 44 Jahre
Wohnort: Kirchleerau
Zivilstand: verheiratet, 1 Tochter
Erlernter Beruf: Fachmann Finanz- und Rechnungswesen
Jetziger Beruf: Chef Finanzen Beim STV seit: 1996
Turnt aktiv: Männerriege Moosleerau
Teilnahmen an Eidg. Turnfesten: 1996 Bern, 2002 Baselbiet, 2007 Frauenfeld, 2013 Biel, 2019 Aarau
Hasst: diese Pandemie
Liebt: gutes Essen, mit guten Freunden und guten Gesprächen bei einem guten Glas Wein (ich vermisse es)
Lebensmotto: Du kannst den Wind nicht ändern, aber du kannst die Segel anders setzen. (Aristoteles)


Interview: Raphael Nadler | Bild: zVg
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