Ein Kaltstart gäbe viele Verletzte | Der Landanzeiger
Spielnahe Situationen sind im American Football auch mit Abstand simulierbar und der ersehnte Trainingsteil mit dem Ball stösst auf Begeisterung.
American Football

Ein Kaltstart gäbe viele Verletzte

Wie funktioniert ein Training im American Football ohne Körperkontakt? Ein Besuch bei den Argovia Pirates im ersten Training nach dem Sport-Lockdown.

Tacklen, den Gegner angreifen, zu Boden bringen, in die Mangel nehmen – dies ist eine Komponente im American Football, die viele Männer überhaupt zu diesem Sport zieht. Nun ist Körperkontakt im Breitensport aktuell aber verboten. Trotzdem trainieren die Argovia Pirates wieder gemeinsam als Mannschaft, auf ihrem Platz in Buchs. Zwei 15er-Gruppen liess Headcoach Chris Humbel via virtuellem Teamplanbuch aufmarschieren, eine dritte wäre möglich. Mit Masken trafen die Footballer ein.
Das letzte NLB-Meisterschaftsspiel bestritten die Argovia Pirates im Juli 2019. Danach sorgten Lockdowns und Sportanlagenschliessungen mehrmals für lange Trainingsunterbrüche. «Viele haben sich seit Monaten nicht gesehen», sagt Vereinspräsident Viktor Gegeckas, «vom sozialen Aspekt her ging durch Corona schon sehr viel verloren, was sonst das Vereinsleben ausmacht. » Trotzdem sind er und der Staff guten Mutes, dass bis zum Saisonstart eine schlagkräftige Piraten-Truppe beisammen sein wird. Rund 50 Spieler versucht man zu akquirieren, auch mit einem Probetraining am letzten März-Wochenende.

Nicht alle sind nach dem Lockdown gleich fit
Das erste Meisterschaftsspiel könnte Ende Juli oder Anfang August sein, schätzt Gegeckas, sodass die Saison im Oktober zu Ende wäre. «Wir brauchen zwei, noch besser drei Monate Zeit, in der wir wieder normal und mit Körperkontakt trainieren dürfen. Tacklen will gelernt sein, von null auf hundert funktioniert nicht, wenn es darum geht, den Gegner zu Boden zu bringen oder sich zu wehren, sonst haben wir zu viele Verletzungen.»
Bis zu entsprechenden Lockerungen der Corona-Einschränkungen feilt Coach Chris Humbel mit seinen Jungs an Kondition, Kraft, Ausdauer und Schnellkraft. «Ich sehe, wer sich in den letzten Monaten fit hielt, und wem ich vielleicht Hausaufgaben geben muss», sagt er. Sein Grinsen ist trotz Maske zu erahnen. Obwohl es an jenem Abend 5 Grad kalt ist, kommen die Piraten bei koordinativen Laufübungen ins Schwitzen, schwatzen und lachen zuerst noch bei Liegestützen, Sprints und Burpees, später ist nur lautes Schnaufen und das eine oder andere Fluchwort zu hören. Humbels Frage nach einer Stunde, «möget der no?», ist rhetorisch. Im ersten Training nach einer gefühlten Ewigkeit geben alle mehr, als sie bei Homeworkouts geben würden. «Es ist dieses gegenseitige Pushen, das fehlt, wenn du nicht mit dem ganzen Team trainieren kannst», sagt Viktor Gegeckas.
In den letzten gut 30 Minuten des zweistündigen Trainings erfolgen Übungen mit Ball: angetäuschte Zweikämpfe, Wurf- und Fangübungen kombiniert mit Laufwegen und Sprints. «Endlich mal wieder einen Ball in den Händen zu halten, ist geil», findet einer, «dann fang ihn doch auch richtig», scherzt ein anderer.

Teamspirit kann sich endlich wieder entwickeln
Die Piraten absolvieren ihr gesamtes Training mit Maske und in ihrer fixen 15er-Gruppe und bleiben meist mehr auf Distanz, als nötig wäre. «Klar würde ich lieber Übungen machen, in denen es zu Körperkontakten kommt, aber das geht nicht», sagt Humbel, «es gibt aber einiges, was wir tun können, bis wir wieder richtig ran dürfen. Hauptsache, wir sehen uns alle, das ist wichtig für den Teamspirit.» Sich später auf dem Feld aufeinander verlassen zu können, den gegenseitigen Respekt in Vertrauen umzuwandeln, sei ein Prozess. «Diese Saison kann eine Art grosser Teamevent werden», meinte Humbel bei seiner Ansprache vor dem ersten Training. «Schön, dass ihr wieder alle hier seid.»

Text: Melanie Gamma | Bild: GAM
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