Bischof Felix Gmür: «Habe bisher fast alle James-Bond-Filme im Kino gesehen» | Der Landanzeiger
Höchster Katholik der Schweiz: Felix Gmür ist Bischof des Bistums Basel, zu dem auch der Kanton Aargau gehört, Präsident der Bischofskonferenz und Herr über 1,1 Millionen Gläubige in zehn Kantonen.
Felix Gmür, Bischof des Bistums Basel und Präsident der Bischofskonferenz

Bischof Felix Gmür: «Habe bisher fast alle James-Bond-Filme im Kino gesehen»

Er ist der höchste Katholik der Schweiz, Präsident der Bischofskonferenz, Chef des grössten Bistums und Herr über 1,1 Millionen Gläubige in zehn Kantonen, unter anderem dem Aargau. Im Interview spricht der gebürtige Luzerner Bischof Felix Gmür übers Impfen, James Bond und Weihnachten.

Ist Bischof Felix Gmür geimpft?
Bischof Felix Gmür: Alle Bischöfe in der Schweiz sind geimpft. Aber es gibt auch in der Kirche beide Lager. Diejenigen, die sich nicht impfen lassen wollen, und die anderen. Ich bin geimpft, weil ich es nicht verantworten könnte, mit so vielen Menschen ungeimpft zusammenzukommen.

Und was sagt die Kirche, sprechen Sie als deren Vertreter?
Felix Gmür: Ich sage, ich bin nicht Epidemiologe. Ich bin froh, gibt es Spezialisten. Die Spezialisten sagen, Impfen ist die beste Vorsorge gegen Corona, also bin ich geimpft.

Was halten Sie von der 3G-Regel?
Felix Gmür: Ich bin wie die anderen Bischöfe für die 3G-Pflicht. Ausnahmen könnte man sich für Beerdigungen und evtl. Weihnachten überlegen. Einen Impfzwang befürworten wir dagegen nicht. Wir müssen lernen, dass wir uns nicht gegen alles versichern können.

Der Papst sagt, Impfen ist ein Akt der Nächstenliebe?
Felix Gmür: Insofern müssen Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, halt auch auf den einen oder anderen Anlass – auch Gottesdienst – verzichten. Jeder muss das für sich entscheiden.

Wie reagieren Ihre Kollegen z. B. in Afrika darauf, dass es hier Menschen gibt, die freiwillig aufs Impfen verzichten?
Felix Gmür: Sehr erstaunt. In deren Ländern möchten sich die Menschen impfen lassen, können aber nicht.

Hat das Bedürfnis nach Seelsorge zugenommen seit Corona?
Felix Gmür: Viele Pfarrer haben mehr Arbeit. Man hat deutlich gesehen, wie viele Leute allein sind. Und man hat auch die Schwierigkeiten erfahren, wenn man plötzlich als Familie dauerhaft auf engem Raum zusammenleben muss.

Wie hat sich Ihre Arbeit zuletzt verändert?
Felix Gmür: Die Kirchen waren zu. Jetzt sind sie wieder offen – zum Teil auch zertifikatsfrei, dafür Maskenpflicht. Im Moment müssen wir bei jedem Anlass entscheiden, ob und wie wir ihn durchführen. Eine gewisse Erleichterung ist, dass Sitzungen vermehrt online durchgeführt werden. Ich war viel weniger unterwegs und viel mehr am Computer.

Ist die Pandemie von Menschen hausgemacht oder glauben Sie, dass uns Gott hier gerade einen Denkzettel verpasst?
Felix Gmür: Es liegt nicht in der Kompetenz der Kirche zu sagen, woher die Pandemie kommt. Fakt ist, sie ist da. Man kann sich fragen, was bedeutet das für uns? Es rüttelt auf und macht Sorgen. Es zeigt, dass wir Menschen nicht alles kontrollieren können. Es gibt Entwicklungen, die wir nicht vorhersehen. Und es gibt viele Menschen, die unter der Pandemie leiden. Darum ist es wichtig, alles dafür zu tun, der Pandemie entgegenzuwirken.

Werden Gottesdienste künftig öfter live gestreamt?
Felix Gmür: Gut möglich. Wichtig ist, dass gestreamte Gottesdienste hohe Qualitätskriterien erfüllen. Es bringt nichts, wenn nur einer vor sich hin betet. Eine wichtige Erfahrung eines Gottesdienstes ist, dass andere mitbeten. Ein Gottesdienst ist keine Show, sondern zum Mitmachen. Wichtig ist auch die Erfahrung, dass man nicht allein ist.

Haben Sie persönlich digitale Neuerfahrungen gemacht?
Felix Gmür: Ich habe zum Glück schon vor Corona gewusst, wie Zoom & Co. funktioniert.

Glauben Sie, dass die Pandemie auch etwas Gutes, Nachhaltiges haben wird?
Felix Gmür: Ich hoffe, wir kommen etwas zur Besinnung.

Die römisch-katholische Weltkirche hat sich gerade auf den Weg zur Synode 2023 gemacht. Papst Franziskus will eine synodale Kirche, in der Menschen miteinander sprechen und aufeinander hören. Sie laden dafür in ihrem Bistum u. a. Pfarreien, Kirchgemeinden, Glaubensgemeinschaften etc. ein, als Botschafter für den synodalen Prozess zu werben und Gesprächsmöglichkeiten zu organisieren. Was erwarten Sie?
Felix Gmür: Die Pandemie unterstützt uns hier insofern, als wir mehr online machen können. Das ist kein Event, sondern ein Prozess, dem man Zeit geben muss. Reden und einander zuhören und wieder reden und zuhören ist das Motto des Papstes – zusammen vorwärtsgehen. Er will, dass man immer miteinander spricht. Ich lasse mich überraschen, was rauskommt. Ich habe gehört, dass schon Leute miteinander gesprochen haben, die sonst nie miteinander sprechen.

Quasi im Namen des Papstes?
Felix Gmür: Vielleicht, er kann sowas initiieren.

Haben Sie eigentlich regelmässig mit dem Papst zu tun?
Felix Gmür: Ich bin regelmässig in Rom. Wissen Sie, es gibt mehrere Tausend Bistümer und wir sind jetzt nicht das wichtigste Land der Welt für die katholische Kirche. In Kürze gehen wir mit der Bischofskonferenz aber nach Rom, dann werden wir den Papst treffen.

Hat ein Bischof auch etwas zu beichten?
Felix Gmür: Ja, durchaus. Der einzige ohne Sünde ist Jesus.

Was halten Sie von einer Best-of-Bibel auf einer A4-Seite, die alle Menschen auf der Welt verstehen und beherzigen, was drinsteht. Den Inhalt der dicken Bibel kann sich ja kaum ein Mensch merken?
Felix Gmür: Eigentlich macht jeder Pfarrer an seiner Sonntagspredigt ein Best-of aus seiner Sicht. Eine Best-of- Bibel ist insofern etwas schwierig, als die Bibel eine Sammlung diverser Erzählungen aus verschiedenen Optiken ist – der Optik der Armen, des unterdrückten Volkes, derer im gelobten Land, derer, die meinen, sie seien wertvoller als die anderen, etc. Eine Art Best-of-Bibel findet man in alten Kirchen, wo die Geschichte auf Bildern transportiert wird.

Was lieben Sie an Ihrem Beruf besonders?
Felix Gmür: Dass ich für die Botschaft des Lebens wirken kann. Jesus ist gestorben und auferstanden. Jesus hat versucht die Menschen vom Rand in die Mitte zu holen und er hat sich ausnahmslos dem Menschen zugewandt. Botschafter dessen zu sein, ist das Schönste. Aus praktischer Sicht ist kein Tag wie der andere. Ich treffe sehr viele Leute aus vielen Ländern und bin ständig in Kontakt mit ihnen. Mir macht das Freude und wenn es einen freut, wird die Arbeit nie zu viel.

Suchen die Menschen in schweren Zeiten eher den Weg zur Kirche?
Felix Gmür: Es gibt beides. Einige verspüren mehr den Drang, in der Kirche Antworten zu finden, es gibt aber auch Leute, die sagen, dort habe ich sowieso nichts zu erwarten.

Wenn man Ihren Namen googelt, gibt es in der Hirslanden Klinik eine Dr. med. Verena Bischof Gmür, Fachärztin für Psychologie und Psychotherapie – haben Sie das gewusst?
Felix Gmür: Nein, ich kenne sie nicht. Muss ich mal googeln (lacht).

Als Bischof stehen Sie rund um die Uhr für die Menschen im Einsatz. Bleibt Ihnen trotzdem Zeit für sagen wir irdische Vergnügungen wie Sport, Konzert, Theater oder Kino?
Felix Gmür: Eher weniger. Zuletzt war ich im Theater in Solothurn. Ab und zu gehe ich Velo fahren, ins Kino und auch sehr gerne ins Museum.

Solche Vergnügungen sind also keine Sünde?
Felix Gmür: Nein, gar nicht. Im Gegenteil, sie sind wichtig und tun gut. Man muss sich Freizeit nehmen. Man könnte 24 Stunden arbeiten, aber entweder stirbt man dann früher oder wird krank.

Wäre der neue James Bond ein Film für Sie?
Felix Gmür: Wenn ich Zeit finde, schaue ich ihn mir gerne an. Ich habe bisher fast alle James-Bond-Filme im Kino gesehen.

Wenn Sie nicht Bischof geworden wären, wo hätten Sie sonst gerne Karriere gemacht?
Felix Gmür: Ich finde, jeder Beruf hat etwas Schönes und Interessantes. Als Kind habe ich mir oft vorgestellt, in Afrika Brücken zu bauen, damit die Menschen nicht vom Krokodil gefressen werden. Ich hätte mir auch vorstellen können, Arzt zu werden. Aber letztlich hat mich immer die Frage nach dem Sinn des Lebens und warum wir hier sind, interessiert. So habe ich Philosophie studiert und bin Priester und jetzt Bischof geworden.

Welcher Philosoph interessiert Sie besonders?
Felix Gmür: Was mich immer fasziniert hat, ist Sprachphilosophie. Die Grenzen des Denkens sind die Grenzen der Sprache oder die Grenzen der Sprache sind die Grenzen des Denkens, sagt Wittgenstein. Wir können nicht ausserhalb unserer Sprache denken.

Ihr Name, Felix, kommt aus dem Lateinischen und bedeutet vom Glück begünstigt – können Sie das unterschreiben?
Felix Gmür: Ja, ich bin zufrieden! Felix ist auch ein guter Vorname, weil er kurz ist und man ihn sehr gut in andere Sprachen übersetzen kann.

Bald ist Weihnachten – wie feiern Sie?
Felix Gmür: Ich bin vielleicht etwas öfter in der Kirche an Weihnachten als andere (schmunzelt). Daneben feiere ich aber im Kreis der Familie, wie alle anderen auch – nur halt eben etwas später.

Bischof Felix Gmür: «Habe bisher fast alle James-Bond-Filme im Kino gesehen» | Der Landanzeiger
Felix Gmür wurde am 16. Januar 2011 in Olten zum Bischof geweiht.
Bischof Felix Gmür: «Habe bisher fast alle James-Bond-Filme im Kino gesehen» | Der Landanzeiger
Bischof Felix Gmür und Papst Franziskus wollen hören, was die Gläubigen zu sagen haben.

Zur Person

Felix Gmür, am 7. Juni 1966 in Luzern geboren, studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Freiburg (Schweiz), München, Paris und Rom. Die Studien schloss er 1994 mit einem Lizentiat in Theologie, 1997 mit einem Doktorat in Philosophie und 2011 mit einem Doktorat in Theologie ab. Am 30. Mai 1999 wurde er in Luzern zum Priester geweiht. In der Seelsorge war er nacheinander als Pastoralassistent, Diakon, Vikar und Pfarreiadministrator tätig. 2004 ernannte ihn der Bischof von Basel zum Subregens im Priesterseminar St. Beat, Luzern. 2006 wählte ihn die Schweizer Bischofskonferenz zu ihrem Generalsekretär. Am 8. September 2010 wählte ihn das Domkapitel der Diözese Basel zum Bischof, am 23. November 2010 bestätigte Papst Benedikt XVI. die Wahl. Am 16. Januar 2011 wurde er von Kardinal Dr. Kurt Koch in der Kirche St. Martin in Olten zum Bischof geweiht.


Interview: Michael Schenk | Bilder: Bistum Basel
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