«Die Elektrowelle rollt schneller, als wir uns das vorgestellt haben» | Der Landanzeiger
Andreas Burgener ist Direktor von Auto Schweiz und in der Freizeit gern extrem in der Natur unterwegs.
Andreas Burgener, Direktor von Auto Schweiz

«Die Elektrowelle rollt schneller, als wir uns das vorgestellt haben»

Andreas Burgener (62) ist Direktor von Auto Schweiz. Der frühere Präsident des SAC Weissenstein spricht im Interview über seine Heimat, die Entwicklung der E-Mobilität, seine Liebe zur Natur und die Herausforderungen.

Andreas Burgener, wo haben Sie sich bisher schwerer verletzt – beim Autofahren, Klettern, bei Skitouren oder beim Deltasegeln?
Andreas Burgener: Definitiv in der Natur. In der dritten Dimension ging es schon zwei, dreimal nicht gut. Kurz nach dem Brevet fürs Deltasegeln 1983 hatte ich einen schweren Startunfall. Der letzte Unfall war mit dem E-Bike. Das Fahrwerk dieses teuren Velos hat mich enttäuscht (lacht).

Was war ihr bis dato extremstes Outdoor-Erlebnis?
Andreas Burgener: In der Jugend waren da etliche Nordwände, die ich mit Kollegen gemacht habe. An die Grenzen kam ich auch vor ein paar Jahren, bei der Patrouille des Glaciers, als ich mit relativ wenig Training als Ersatzmann einsprang.

Was fasziniert Sie am Extrem?
Andreas Burgener: Ich bin unglaublich gern in den Bergen. Es reizt mich, zu erfahren, bis wo ich mich noch wohlfühle und ab wann ich mich richtig konzentrieren muss.

Fahren auf der Rennstrecke?
Andreas Burgener: Auch wenn ich mich da weit weg von den physikalischen Grenzen bewege, bin ich immer wieder gern mal mit einem schnellen Auto auf der Rennstrecke. Das ist faszinierend.

Soll man jetzt ein E-Auto kaufen?
Andreas Burgener: Das hängt vom Fahrprofil ab. Wie oft fährt man, wohin, wie lange? Gibt es Lademöglichkeiten zu Hause oder am Arbeitsplatz? Daraus ergibt sich der ideale Antrieb. Im Moment gibt es noch keine Patentlösung; selbst wenn sich das reine E-Auto im urbanen Gebiet durchsetzen wird.

Wann werden sich E-Autos flächendeckend ausbreiten?
Andreas Burgener: Hinter der Transformation zu elektrischen Fahrzeugen – sei es rein elektrisch, via Wasserstoff oder mit synthetischem Kraftstoff angetrieben – stehen immer die CO2-neutrale Stromproduktion und ein stabiles Netz, um den Strom zu transportieren. Das geht in der Schweiz nur, wenn Schluss damit ist, dass es 35 Jahre dauert, bis alle Bewilligungen da sind, um eine Staumauer um 2 bis 3 Meter zu erhöhen oder ein Windrad zu bauen.

Hat die Einsprache als «fünfte Landessprache» ausgedient?
Andreas Burgener: Wenn es uns mit der CO2-neutralen Mobilität ernst ist, muss man die «fünfte Landessprache» einschränken, sonst wird das nichts.

Strom ist das Big-Thema? Auch um synthetische Kraftstoffe herzustellen, mit denen Benzin- und Dieselmotoren weiter, aber sauber betrieben werden könnten?
Andreas Burgener: Ja. Ein anderes Thema ist die Speicherung. Wir müssen Überproduktionen speichern und bei Bedarf abrufen können.

Was fahren Sie für ein Auto?
Andreas Burgener: Ich habe die Chance, alle sechs Monate ein anderes Modell von einem Mitglied von Auto Schweiz zu fahren. Im Moment einen Plug-in-Hybrid-Kombi.

Plug-in ist nur dann sparsam, wenn der Benutzer den Stecker diszipliniert nutzt?
Andreas Burgener: Genau. Und weil die elektrischen Reichweiten klein sind, bedarf es eines engmaschigen Ladenetzes, damit die Disziplin der Fahrer gefördert wird und man regelmässig den Stecker einsteckt. Super wäre, wenn es nicht 47 Apps bräuchte, um alle Ladesäulen freizuschalten. Es muss möglich sein, mit einer Karte überall zu zahlen.

Wie finden Sie E-Autos?
Andreas Burgener: Funktioniert super und macht auch richtig Freude, weil das Drehmoment von Anfang an anliegt. Die Laufruhe muss man mögen. Und solange der Strom nicht besteuert ist, sind sie sicher auch günstiger im Verbrauch.

Was sind die Herausforderungen für Auto Schweiz?
Andreas Burgener: Wir waren gegen das CO2-Gesetz und haben gewonnen. Wobei ich hier festhalten will: Wir sind nicht gegen die geltenden Emissionsgrenzwerte. Allein der Weg ist störend. Es braucht eine Philosophieänderung in der Mobilität.

Inwiefern?
Andreas Burgener: Im Gebäudebereich und anderswo wird mit Anreizsystemen gearbeitet, beim Verkehr gelten Einschränkungen, Sanktionen und Verbote. Wenn der CO2-Ausstoss ein Gramm zu hoch ist, kostet das weit mehr als 100 Franken Busse. Andererseits bekomme ich Subventionen, wenn ich dreifach verglase oder eine Wärmepumpe installiere.

Ein Beispiel für einen Anreiz?
Andreas Burgener: Wir haben Ende Oktober das Gesuch für die Befreiung der vorgezogenen Recycling-Gebühr wie beim Smartphone oder der Waschmaschine für den Batterie-Antrieb eingereicht. Wir streben eine konsumentenfreundliche Lösung innerhalb der Branche an.

Die Kantone Tessin, Thurgau und Wallis zahlen Kaufprämien. Ist der Anteil neu zugelassener E-Autos dort höher als in anderen Kantonen?
Andreas Burgener: Staatliche Zuschüsse wie in Deutschland wirken nur kurzfristig. Sinnvoller wären Steuererleichterungen, sei es punkto Motorfahrzeugsteuer oder Dienstwagenbesteuerung. Auch die Förderung einer dichten Ladeinfrastruktur, ich denke etwa an Miethäuser und öffentliche Parkplätze, macht mehr Sinn.

Der Bund macht gar nichts punkto Förderung. Auch hinsichtlich Steuern versteckt man sich hinter der Steuerhoheit der Kantone. Gut so?
Andreas Burgener: Das ist unser föderalistisches System und das möchte ich jetzt nicht über den Haufen werfen.

Trotzdem: Eine Gruppe von Autokonzernen, Regierungen und Städten hat sich soeben zu einem Stopp von Verbrennungsmotoren bis spätestens 2040 verpflichtet. Die Schweiz macht nicht mit. Richtig?
Andreas Burgener: Ein Verbrennerverbot ist Quatsch. Die Politik soll Rahmenbedingungen vorgeben, mehr nicht. Die neue Technologie muss besser sein als die herkömmliche, dann erledigt sich der Rest von allein. Obwohl es keine Subventionen gibt, sind wir europäische Spitze punkto E-Mobilität. Der Anteil Neuzulassungen von Autos mit Stecker, Stromer und Plugin-Hybriden liegt bei 25%.

Kein Land ist so prädestiniert für Elektroautos wie die Schweiz. Sehen Sie das auch so?
Andreas Burgener: Ist so. Wir haben kurze Distanzen, eine hohe Kaufkraft und Berge. Das E-Auto ist eigentlich ein Auto für die Berge. Wenn wir bergab fahren, können wir Treibstoff sprich Strom bzw. Batterie zurückgewinnen. Das geht beim Verbrenner auf keine Art und Weise.

Wie entwickelt sich das Elektroauto in der Schweiz?
Andreas Burgener: Wenn die Ladeinfrastruktur ausgebaut und für den Kunden greifbar ist, geht es schneller, als wir alle dachten. 30% bis 2025 und bis 50% bis 2030 scheinen möglich. Als Treiber wirkt die Klimapolitik der EU, die weitere massive CO2-Emissions-Reduktionen vorsieht, die von der Schweiz übernommen werden. Grenzwerte, die nur noch mit elektrischen Fahrzeugen oder synthetischem Treibstoff erreichbar sind.

Die Neuwagenzulassungen sind wegen Corona und Chipmangel eingebrochen. Was hat das für Konsequenzen für den Verbraucher?
Andreas Burgener: Die Autos sind bestellbar und der Auftragseingang ist auch gut. Aber es hapert mit den Lieferfristen. Darum sind die Occasionpreise eher höher.

Apropos Druck, sind Sie geimpft?
Andreas Burgener: Ja, ich bin so viel unterwegs. Irgendwie müssen wir ja aus der Corona-Nummer rauskommen – mit Grüntee ist das vermutlich nicht möglich.

Denken Sie, dass der Salon in Genf nochmal als internationale Messe zurückkommt?
Andreas Burgener: Wir kämpfen dafür. Aber letztlich ist es ein Hersteller-Entscheid. Es gibt heute andere emotionale Kommunikationskanäle. Wenn man etwas Neues zu zeigen oder anzukünden hat, braucht man nicht mehr zu warten, bis eine Messe stattfindet, sondern kommuniziert sofort. Und das erst noch viel billiger und auf einer ungeteilten Bühne.

Hat Corona etwas Nachhaltiges bei Ihnen hinterlassen?
Andreas Burgener: Ich habe mein Gartentrauma abgebaut. Ich musste als Kind immer Gartenwege hacken und jäten. Unter Corona habe ich Kartoffeln und Bohnen zu pflanzen begonnen.

Was ist Glück für Sie?
Andreas Burgener: Glück ist, wie ich mein Leben bisher gestalten durfte und es hoffentlich noch lange kann. Manchmal Gas geben zu dürfen, Entscheidungsfreiheit zu haben und natürlich Gesundheit, das ist richtiges Glück.

Interview: Michael Schenk | Bild: zVg
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