«Eine frühe Abklärung ist sehr wichtig» | Der Landanzeiger
Leitungsteam der Memory-Clinic-Sprechstunde im KSA: Dr. med. Tobias Piroth und Dr. phil. Andrea Kälin.
Memory Clinic

«Eine frühe Abklärung ist sehr wichtig»

Dr. phil. Andrea Kälin, Leiterin der Neuropsychologie, und Dr. med. Tobias Piroth, Oberarzt Neurologie, leiten gemeinsam die Memory-Clinic-Sprechstunde der Neurologie im KSA. Im Interview erklären sie, wann es Zeit ist für eine Demenz-Abklärung, wie diese abläuft und wieso es Hoffnung für Betroffene gibt.

Frau Kälin, eine gewisse Vergesslichkeit ist normal. Wann wird sie verdächtig und sollte abgeklärt werden?
Andrea Kälin: Von einer Störung der geistigen Leistungsfähigkeit sind in der Regel Menschen nach dem Rentenalter betroffen, manchmal aber auch viel jüngere. Oft geht mit dem Nachlassen der geistigen Fähigkeiten auch eine Veränderung des Sozialverhaltens und der Persönlichkeit einher. Viele Betroffene ziehen sich zurück, manche werden aggressiv. Wir raten auf jeden Fall zu einer möglichst frühen Abklärung. Erste Untersuchungen macht in der Regel der Hausarzt. Vor allem wenn die Symptome schon fortgeschritten sind, werden die Patienten auch direkt an uns verwiesen.

Herr Piroth, wieso ist die frühe Abklärung so wichtig?
Tobias Piroth: Die Ursachen einer Demenz sind sehr vielschichtig, die Erkennung und Abklärung entsprechend komplex. Bei der sogenannten sekundären Demenz sind die Störungen der Hirnfunktion Folge anderer Störungen und Erkrankungen, z. B. von Mangelzuständen, Stoffwechselerkrankungen, Organstörungen, Entzündungen oder Depressionen. So kann z. B. ein Schilddrüsenleiden zu einem demenziellen Zustandsbild führen. In einigen Fällen kann sich das demenzielle Zustandsbild dann wieder deutlich bessern, wenn die Ursache frühzeitig behandelt wird – zum Beispiel durch die Gabe von Schilddrüsenhormonen.

Alzheimer hingegen, die mit Abstand häufigste Form der Demenz, gilt als unheilbar.
Piroth: Das stimmt leider. Umso wichtiger ist die frühe Diagnostik. Denn mit Medikamenten, aber auch mit gezielten nichtmedikamentösen Massnahmen, kann man die Symptome lindern und so die Lebensqualität steigern. Dies gilt auch für andere neurodegenerative Erkrankungen: Wir können sie zwar nicht heilen, aber oft die Lebensqualität verbessern. Und je früher man mit der Behandlung beginnt, umso grösser ist der Effekt. Nicht zuletzt kann die Patientin oder der Patient in einem frühen Stadium noch selbst Einfluss auf anstehende Entscheidungen und die Behandlung nehmen.

Wie sieht so eine Abklärung aus?
Kälin: Das ausführliche Gespräch mit der Patientin oder dem Patienten, aber auch mit Angehörigen, ist sehr wichtig. Dann stellen wir der betroffenen Person verschiedene Aufgaben, um ihre kognitiven Fähigkeiten zu überprüfen. Dazu gehören z .B. verschiedene Zeichen- und Gedächtnisaufgaben. Ausserdem wird die Patientin oder der Patient körperlich-neurologisch untersucht. Eine Blutuntersuchung und bildgebende Verfahren, z. B. ein MRT, gehören zur grundlegenden Diagnostik und liefern oft weitere wichtige Hinweise auf die zugrundeliegende Ursache. Auf Grundlage der so erhobenen Daten entscheiden wir dann, ob wir weitere Untersuchungen ergänzen müssen. So wird im Einzelfall eine Analyse des Nervenwassers durchgeführt. Diese wenig belastende Untersuchung der Vorgänge im Nervensystem liefert aussagekräftige Hinweise auf die Alzheimer-Erkrankung.

Was folgt nach all den Untersuchungen?
Kälin: Die Resultate besprechen wir zunächst in einem interdisziplinären Team mit Expertinnen und Experten aus den Fachbereichen Neurologie und Neuropsychologie. Dann informieren wir die betroffene Person und deren Angehörige über mögliche Therapien. Danach begleiten wir die Patientin oder den Patienten durch die gewählte Therapie und unterstützen Betroffene und Angehörige bei Bedarf bei der Planung weiterer Schritte sowie auf psychosozialer Ebene.

Wie lange dauert es noch, bis Alzheimer geheilt werden kann?
Piroth: In den letzten Jahren hat es sehr grosse Fortschritte bei der Erforschung der Erkrankung gegeben. Hieraus sind bereits viele Ansätze für neue Medikamente entstanden. In den USA wurde ein solcher Wirkstoff 2021 zugelassen. Gerade dieser Wirkstoff aber wird in der Fachwelt sehr kontrovers diskutiert. Eine Zulassung in Europa bzw. in der Schweiz ist noch nicht absehbar. Trotzdem dürfen solche Entwicklungen Hoffnung machen, dass unser therapeutisches Arsenal grösser wird. Ein realistisches Ziel all dieser Ansätze ist momentan aber nur eine Verlangsamung des geistigen Abbaus, nicht aber die komplette Heilung. Den grössten Effekt werden auch solche Massnahmen haben, wenn sie früh im Erkrankungsverlauf eingesetzt werden.

Jedes Jahr erkranken weltweit rund 300’000 Menschen neu an Demenz. Bis 2030 rechnet die WHO mit bis zu 82 Mio. Betroffenen. Trotzdem gibt es auch frohe Kunde: Die Inzidenzraten sinken. Können Sie das erläutern?
Piroth: Da es immer mehr alte Menschen gibt, steigt zwar auch die absolute Zahl der Demenzkranken. Das Risiko pro Altersgruppe sinkt aber. So sind heute prozentual weniger z. B. 80-Jährige von einer Demenz betroffen als noch vor 10 bis 20 Jahren. Wahrscheinlich gibt es also Demenz-Risikofaktoren, die beeinflusst werden können.

Man kann sich also vor einer Demenz schützen?
Piroth: Bis zu einem gewissen Grad wahrscheinlich schon. Ein gesunder Lebensstil verringert das Demenzrisiko. So raten wir zu ausreichend Bewegung, guten sozialen Kontakten, geistig anregenden Aktivitäten und genug Schlaf. Auch eine mediterrane Diät scheint das Risiko für eine Demenz eher zu senken. Regelmässige Checkups beim Hausarzt helfen, die Risikofaktoren Bluthochdruck und Diabetes früh zu erkennen und zu behandeln.


Demenz

Demenz ist ein Oberbegriff für eine schwere Störung der Hirnfunktion bei über 50 Krankheitsformen. 50 bis 70 Prozent aller Demenzkranken leiden unter Alzheimer. Auch das Parkinsonsyndrom ist eine Form der Demenz. Die verschiedenen Demenzerkrankungen verlaufen sehr unterschiedlich, äussern sich jedoch alle in einer fortschreitenden Beeinträchtigung der Hirnleistung: Menschen mit einer beginnenden Demenz werden zunehmend vergesslich, finden die richtigen Worte nicht, stellen wiederholt dieselben Fragen, verlegen Gegenstände, sind oftmals verwirrt und orientierungslos; viele verändern sich auch in ihrer Persönlichkeit und benötigen in einem fortgeschrittenen Stadium Hilfe bei alltäglichen Verrichtungen. Oft versuchen Betroffene Anzeichen vor ihren Mitmenschen zu verbergen. Manche sind sich der Veränderungen gar nicht bewusst.


Hier erfahren Sie mehr über die Memory Clinic im KSA


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Nehmen Sie an den Online-Vorträgen des Kantonsspitals Aarau (Live-Streaming via Youtube und Facebook) teil und erfahren Sie Wissenswertes rund um das Gehirn.

Das Programm der Brainweek 2022
Montag, 14. März, 18.00 Uhr COVID 19 – Eine Gehirnerkrankung? Prof. Dr. Krassen Nedeltchev, Chefarzt, Neurologische Klinik KSA

Montag, 14. März, 19.00 Uhr Multiple Sklerose – auch eine Virus-Erkrankung? Dr. Oliver Findling, Leitender Oberarzt, Neurologische Klinik KSA

Dienstag, 15. März, 18.00 Uhr Hirnblutungen und der gefährliche Kopfschmerz Dr. Basil Grüter, Oberarzt, Klinik für Neurochirurgie KSA

Mittwoch, 16. März, 18.00 Uhr Die Parkinson-Erkrankung: Alte Mythen und neue Erkenntnisse Dr. Tobias Piroth, Oberarzt, Neurologische Klinik KSA

Donnerstag, 17. März, 18.00 Uhr Die vielen Gesichter der Demenz Referenten der Memory-ClinicSprechstunde am KSA und Alzheimer Schweiz, Sektion Aargau

Freitag, 18. März, 18.00 Uhr Wenn die Wahrnehmung nicht real ist – Auren bei Migräne und Epilepsie Mirjam Bayer, Assistenzärztin, Neurologische Klinik KSA

Freitag, 18. März, 19.00 Uhr Ein bisschen Sherlock Holmes – die Abklärung von neurologischen Anfällen PD Dr. Markus Gschwind, Oberarzt mbF, Neurologische Klinik KSA

Hier gehts zur Teilnahme


Text & Bild: zVg
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