Lebensqualität wieder zurückgewinnen | Der Landanzeiger
Die beiden Co-Leiterinnen Dr. med. Mirjam Bywater und Dr. med. Evgenia Bousouni im interdisziplinären Austausch mit der Viszeralchirurgin Frau Dr. G. Werder.
Welt-Kontinenz-Woche vom 20. bis 26. Juni

Lebensqualität wieder zurückgewinnen

Inkontinenz gehört weder zum Altwerden dazu, noch muss sie einfach so hingenommen werden. Zudem ist Inkontinenz, bei raschem Gang zum Arzt, sehr gut behandelbar. Mit der Welt-Kontinenz- Woche vom 20. bis 26. Juni soll aufgeklärt und enttabuisiert werden. Dafür setzt sich Mirjam Bywater, Leitende Ärztin Urologie und Neurourologie und Co-Leiterin des Beckenbodenzentrums im KSA, ein.

Weshalb braucht es eine Welt-Kontinenz-Woche?
Mirjam Bywater: Inkontinenz ist noch immer ein grosses Tabuthema. Viele denken, es gehöre zum Altwerden dazu und es sei etwas, das man einfach akzeptieren müsse. Dem ist aber nicht so. Inkontinenz muss nicht einfach so hingenommen werden. Mit der Welt-Kontinenz-Woche soll darauf aufmerksam gemacht, aufgeklärt und das ganze Thema enttabuisiert werden.

Wer ist von Inkontinenz betroffen?
Es ist sehr schwer, gute, aussagekräftige Daten dazu zu finden. Auch hier vermute ich, dass das damit zu tun hat, dass Inkontinenz ein Tabuthema ist. Was man sagen kann, ist, dass rund 30 Prozent der Weltbevölkerung von Inkontinenz betroffen sind. Bei den über 65-Jährigen sind Frauen doppelt so oft betroffen wie Männer. Frauen sind tendenziell früher betroffen, mit dem Alter holen die Männer jedoch auf.

Wann sollte eine Fachperson aufgesucht werden?
Das Erste, sobald man inkontinent ist, sollte nicht der Gang in den Supermarkt sein, um dort Inkontinenzeinlagen einzukaufen, sondern unbedingt der Gang zur Ärztin oder zum Arzt. Denn es gilt: Je früher die Inkontinenz behandelt wird, desto besser sind die Erfolgschancen.

Wie schwer fällt den Betroffenen der Gang zum Arzt?
Die Hemmschwelle ist sehr hoch, vor allem in der älteren Bevölkerungsschicht. Hier braucht es noch viel Aufklärungsarbeit. Bei Jüngeren hat die Enttabuisierung begonnen, so mein Eindruck. Sie suchen schneller eine Fachperson auf als die älteren Generationen.

Ist das Problem zunehmend?
Leider gibt es auch dazu nur wenige Zahlen. Wir werden immer älter. Es kann also gut sein, dass dadurch auch die Zahl der Inkontinenz-Fälle zunimmt. Man darf aber nicht vergessen, dass Inkontinenz heutzutage häufiger thematisiert wird als früher.

Ist Inkontinenz gut behandelbar?
Eine Belastungsinkontinenz (siehe Infobox «Was ist Inkontinenz überhaupt?») ist sehr gut behandelbar, und zwar so, dass die Patientinnen und Patienten symptomfrei sind beziehungsweise es wirklich nur noch selten zum Urinverlust kommt.
Auch bei der Dranginkontinenz ist die Ansprechrate der Therapien mit 70 bis 80 Prozent sehr hoch. Mit einer Therapie kann ein grosses Stück Lebensqualität zurückgewonnen werden.

Was sind die Folgen einer Nicht-Behandlung?
Bei der Dranginkontinenz kann ein hoher Druck in der Blase entstehen. Dieser führt bei längerem Bestehen zu Umbauvorgängen der Blase, wodurch die Blase infektanfälliger wird. Im Extremfall kann es sogar so weit kommen, dass es zum Rückfluss des Urins in die Niere kommt und so auch die Nieren geschädigt werden. Je früher diese Umbauvorgänge unterbrochen werden können, desto besser ist das Therapieansprechen.

Welche Patientinnen und Patienten kommen ins Beckenbodenzentrum?
Das Beckenbodenzentrum im KSA ist keine Institution nur für Frauen. Dieses Vorurteil versuche ich, seit ich hier im KSA bin, aus den Köpfen zu bringen. Aus urologischer Sicht können sowohl Frauen als auch Männer von Inkontinenz betroffen sein.
Inkontinenz, Senkung der Genitalorgane oder Blaseninfektionen gehören zu den häufigsten Erkrankungen, die im Beckenbodenzentrum behandelt werden.

Wie wird im Beckenbodenzentrum geholfen?
Im Beckenbodenzentrum arbeiten die Fachspezialistinnen und -spezialisten der Urologie, der Urogynäkologie, der Viszeralchirurgie, der Infektiologie und der Physiotherapie eng zusammen. So kann ein breites Leistungsangebot für die Behandlung von Beckenbodenproblemen angeboten werden, sowohl konservative als auch chirurgische Therapiemöglichkeiten. Unser gemeinsames Ziel ist, dass die Patientinnen und Patienten ihre Lebensqualität wieder zurückgewinnen. Die Fachexpertinnen und Fachexperten stehen den Betroffenen beratend zur Seite, sie unterstützen und geben Empfehlungen ab. Welche Therapieangebote die Betroffenen wahrnehmen möchten, entscheiden sie jeweils selbst.
Im Normalfall werden zuerst die Basisuntersuchungen gemacht. Das heisst, Infektionen werden ausgeschlossen, der Harnstrahl wird gemessen und es wird abgeklärt, ob Restharn da ist. Häufig wird auch eine Blasenspiegelung durchgeführt, damit ausgeschlossen werden kann, dass Tumore hinter den Symptomen stecken. Dann wird eine Blasendruckmessung vorgenommen, mit der die beiden Aufgaben der Blase — den Urin speichern und den Urin entleeren — genau untersucht werden. Auf Basis dieser Untersuchungen wird schliesslich die Therapie aufgebaut. Bei einer Frau gehört eine ausführliche gynäkologische Abklärung mit zu den Basisabklärungen, um einen Genitalprolaps beurteilen zu können.

Gibt es Tipps, um einer möglichen Inkontinenz vorzubeugen?
Bewegung, eine gesunde und bewusste Ernährungsweise und Beckenbodentraining können bereits helfen.

Was geschieht während der Welt-Kontinenz-Woche vom 20. bis 26. Juni?
In dieser Woche wird das Thema Inkontinenz in den Mittelpunkt gerückt. Dafür haben wir vom Beckenbodenzentrum zu verschiedenen Themen Online-Vorträge aufgenommen, die auf YouTube aufgeschaltet sind. Im Rahmen der Welt-Kontinenz-Woche bieten wir zudem eine Beratungshotline an, über die uns Fragen gestellt werden können.

Weitere Informationen rund ums Beckenbodenzentrum gibt es auf www.ksa.ch.


Was ist Inkontinenz überhaupt?

Inkontinenz bezeichnet die fehlende oder mangelnde Fähigkeit des Körpers, Urin oder Stuhl zu halten und kontrolliert abzugeben. Folglich kommt es zu einem unwillkürlichen Urinverlust oder Stuhlabgang.

Am häufigsten sind folgende Harninkontinenzformen: die Belastungsinkontinenz und die Dranginkontinenz. Die Belastungsinkontinenz beschreibt den unwillkürlichen Urinverlust bei körperlicher Anstrengung meist ohne spürbaren Harndrang. Sie tritt häufig bei Frauen nach Geburten auf, wenn durch den Geburtsvorgang der Beckenboden geschwächt wurde.

Bei der Dranginkontinenz verspüren Betroffene ganz plötzlich, ohne vorherige Anzeichen, das starke Bedürfnis, eine Toilette benutzen zu müssen. Sie verlieren häufig schon Urin, bevor sie die Toilette erreichen.

Wenn sich gleichzeitig Symptome einer Dranginkontinenz sowie einer Belastungsinkontinenz zeigen, wird dies als Mischinkontinenz bezeichnet.


Beratungshotline
in der Welt-Kontinenz-Woche

Montag, 20. Juni 2022, 17 bis 18 Uhr
Mittwoch, 22. Juni 2022, 14 bis 15 Uhr
Samstag, 25. Juni 2022, 10 bis 11 Uhr

Rufnummer: +41 62 838 90 33

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Lebensqualität wieder zurückgewinnen | Der Landanzeiger
Interview: Sarah Künzli | Bild: zVg
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