Sil­vio Bircher (Bilder: zVg)

Der Aarauer Ex-Poli­tik­er Sil­vio Bircher hin­ter­leuchtet die Aar­gauer Poli­tik

Die Aargauer Parteien unter der Lupe

3. Jan­u­ar 2019 | News

Der Aarauer Ex-Regierungsrat und Ex-Nation­al­rat Sil­vio Bircher ist ein exzel­len­ter Ken­ner der Aar­gauer Polit­szene. Seit seinem Rück­tritt als Poli­tik­er analysiert Bircher als Pub­lizist für ver­schiedene Medi­en das Polit­geschehen, ins­beson­ders jenes im Kan­ton Aar­gau. Bere­its vor vier Jahren veröf­fentlichte Bircher ein Werk unter dem Titel «nah am Zeit­geschehen». Nun hin­ter­leuchtet er im Jahrbuch der his­torischen Gesellschaft Aar­gau sehr aus­führlich und fundiert die Aar­gauer Polit­land­schaft.

Nun hat Bircher auf rund 30 Seit­en die Geschichte der poli­tis­chen Parteien im Aar­gau hin­ter­leuchtet. Dieses Werk ist fes­ter Bestandteil des im Novem­ber erschiene­nen Jahrbuch­es der his­torischen Gesellschaft des Kan­tons Aar­gau, welch­es im Buch­han­del erhältlich und zudem in den Bib­lio­theken zugänglich ist. Der Autor geht in sein­er Arbeit weit zurück, näm­lich in die Grün­dungs­jahre. Nach der Grün­dung des Bun­desstaates 1848 existierte vor­erst nur die lib­er­al-radikale Gross­fam­i­lie (Freisinn). Die eigentlichen Parteigrün­dun­gen began­nen um die Jahrhun­der­twende 19./20. Jahrhun­dert. Nun formierten sich die katholisch-kon­ser­v­a­tiv­en und die Sozialdemokrat­en. Später – um 1920 – formierte sich dann auch noch die BGB (heute SVP). Diese Parteien braucht­en aber für eine gerechte Vertre­tung in den Par­la­menten das Pro­porzwahlrecht. Bei der ersten Aar­gauer Pro­porz-Gross­ratswahl anno 1921 ver­loren die Freisin­ni­gen dann prompt die Mehrheit. Die dama­lige Sitzverteilung: SP 51, KK 47 BGB 46, FDP 43 Sitze. Weit­ere fünf kleine Parteien teil­ten sich 13 Sitze. Somit ver­loren die Freisin­ni­gen schon damals die Vor­ma­cht­stel­lung im Kan­ton Aar­gau. Inter­es­sant der Ver­gle­ich von damals zu heute: Wie 1921 waren genau neun Parteien präsent im Kan­ton­spar­la­ment. Auch auf nationaler Ebene ermöglichte der Pro­porz ein Vor­rück­en der BGB und der SP. Die 12 Aar­gauer Nation­al­rats­man­date anno 1919 set­zten sich ziem­lich aus­geglichen zusam­men: je drei Vertreter entsende­ten die FDP, KK, SP und BGB. Im Stän­der­at ver­trat­en zwei Freisin­nige den Aar­gau. Zum Ver­gle­ich die heutige Sit­u­a­tion (16 Sitze): SVP 7, FDP 3, SP 2 und CVP, GLP, Grüne und BDP je 1. Der Aar­gau wird im Stän­der­at durch eine SP-Vertre­tung (Brud­er­er) und einen FDP-Mann (Müller) vertreten.

Ide­ol­o­gis­che Strö­mungen prägten die Polit­land­schaft

Geprägt wurde die Polit­land­schaft auf nationale wie auf kan­tonaler Ebene immer wieder durch ide­ol­o­gis­che Strö­mungen. Grosse Rollen spiel­ten die Kirche, die Arbeit­er­schaft und die Bauern.

Inter­es­sant aus Sicht der Region: Ein gewiss­er Arthur Schmid (senior) – Vater des ehe­ma­li­gen Regierungsrates Arthur Schmid jun. bek­lei­dete einst gle­ichzeit­ig vier wichtige Ämter, näm­lich amtete er als SP-Parteisekretär, als Chefredak­tor der Parteizeitung «Freier Aar­gauer» sowie gle­ichzeit­ig Gross­rat und Nation­al­rat und das bis zu seinem Tod 1959. So etwas wäre heute undenkbar! Schmid prägte in all den Jahren Auf­bau und Kurs der Partei und war schärf­ster Wider­sach­er im Wort­stre­it mit den Bürg­er­lichen. 

Ein­er der wichtig­sten Kon­tra­hen­ten war der Che­farzt, spätere Divi­sionär sowie BGB-Nation­al­rat Eugen Bircher. Einem Red­e­du­ell anno 1930 in der Turn­halle Gränichen fol­gten damals 2000 Per­so­n­en. Span­nend ist auch das Wirken der drei lib­eralen Aar­gauer Gebrüder Keller: Emil wirk­te als Regierungs- und Nation­al­rat, Got­tfried als Stän­der­at und Alfred als hoher Mil­itär. Man sprach damals von der «Unterkellerung» des Freisinns.

Viele kleine Parteien sind ver­schwun­den Inter­es­sant sind auch die kurzen, aber teil­weise hefti­gen Episo­den der kleinen Parteien. So war einst gar ein gewiss­er «HD Läp­pli» alias Alfred Rass­er Nation­al­rat des ver­schwun­de­nen Lan­desrings, welch­er haupt­säch­lich durch die Migros finanziert wurde. Erwäh­nt sei hier auch das Team 67, zu dem auch Sil­vio Bircher gehörte und damals sog­ar in den Gross­rat gewählt wurde. Bedeu­tend war die Autopartei, später Frei­heitspartei, die es immer­hin nation­al auf 8 Nation­al­ratssitze brachte (2 Sitze davon aus dem Aar­gau). Promi­nen­tester Poli­tik­er war der heutige SVP-Nation­al­rat Ueli Giezen­dan­ner, der zwar als «Polteri» galt, aber ger­ade deswe­gen enorm beliebt und beson­ders begehrt ist bei den Medi­en. Diese Medi­en wur­den und wer­den heute noch dominiert vom Freisinn. Daran kon­nte auch die vielfältige Partei­land­schaft nichts ändern. Sowohl das Zofin­ger Tag­blatt, das Aar­gauer und das Baden­er Tag­blatt waren in freisin­niger Hand wie heute auch die AZ. Die Parteizeitun­gen wie etwa Vater­land oder Freier Aar­gauer und andere ver­mocht­en sich nicht in die Neuzeit zu ret­ten.

Fünf Aar­gauer Bun­desräte

Inter­es­sant ist auch der Blick Birchers auf die Bun­desrats­man­date. Der Aar­gau stellte bis heute fünf Bun­desräte, näm­lich vier Freisin­nige und ein CVP-Vertreterin (Doris Leuthard). Ihr zuvor kamen Friedrich Frey-Herosé (1848 – 1866), Emil Welti (1867 – 1891), Edmund Schulthess (1912 – 1935) und Hans Schaffn­er (1961 – 1969) alle von der FDP. Schaffn­er ist übri­gens Bürg­er von Gränichen. Bis heute geblieben ist die feine Bun­desrat-Schaffn­er-Torte.

Zu hof­fen bleibt nun, dass der Aar­gau nicht zu lange auf einen neuen Bun­desrat warten muss, denn der Aar­gau ist mit­tler­weilen auch nation­al ein sehr stark­er Kan­ton.

Ein Bra­vo gebührt Sil­vio Bircher, der mit sein­er Hin­ter­leuch­tung der Aar­gauer Poli­tik ganze Arbeit geleis­tet hat.

MS

xxx | Der Landanzeiger

Frey-Herosé Friedrich, der erste Aar­gauer Bun­desrat