Mit ihrem sym­pa­thi­schen Lachen erober­te sie die Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler: Bun­des­rä­tin Doris Leu­thard Anfang Novem­ber bei der Auf­zeich­nung des ZT-Talks (Bild: Seve­rin Nowacki)

«Facebook? Dafür habe ich keine Zeit – ich muss arbeiten!»

15. Novem­ber 2018 | News

Im ersten ZT-Talk blickt Bun­des­rä­tin Doris Leu­thard zurück auf ihren gröss­ten Sieg und Poli­ti­ker, die lie­ber strei­ten statt Pro­ble­me lösen. Sie erzählt, war­um sie auch künf­tig einen Bogen um Face­book, Twit­ter und Co. machen will – und war­um wohl auch ihr näch­stes Auto ein bat­te­rie­be­trie­be­ner Tes­la sein wird. 

Don­ners­tag, 1. Novem­ber, Kocher­gas­se 10 in Bern – der Amts­sitz von Bun­des­rä­tin Doris Leu­thard. Pünkt­lich und gut gelaunt betritt sie um 10 Uhr das Sit­zungs­zim­mer «Gott­hard» im 1. Stock. Dass sie zwölf Jah­re lang 80-Stun­den-Wochen gescho­ben hat, ist ihr nicht anzu­se­hen – sie ver­sprüht Ener­gie, als wäre sie erst gestern in die Lan­des­re­gie­rung gewählt wor­den. Tat­säch­lich ist sie nur noch ein paar Wochen im Amt – dann ist Schluss. Der Rück­tritt der 55-jäh­ri­gen Aar­gaue­rin ist eine gute Gele­gen­heit gewe­sen, sie als Gast für den ersten ZT-Talk ein­zu­la­den. Sie hat zuge­sagt unter der Bedin­gung, dass das Gespräch in Bern statt­fin­den kann. Nun sind wir da. «Okay, legen wir los», sagt Leu­thard – und beant­wor­tet unse­re Fra­gen direkt und ohne viel Feder­le­sens. Hier lesen Sie, was die CVP-Magi­stra­tin sagt …

… über mög­li­che Anflü­ge von Reue nach Ihrer Rück­tritts­an­kün­di­gung.
Leu­thard lacht. «Nein. Das muss man sich ja vor­her gut über­le­gen. Es war für mich der rich­ti­ge Zeit­punkt.» Zwölf­ein­halb Jah­re sei­en eine lan­ge Zeit. «Ich habe mei­nen Bei­trag für die Schweiz gelei­stet – ich hof­fe wenig­stens, dass es so wahr­ge­nom­men wird.»

… über die ersten Tage und Wochen im neu­en Jahr.
«Erst ein­mal zügeln, zurück nach Meren­schwand. Wie­der ein­mal die Agen­da leer haben – dar­auf freue ich mich. Mehr Zeit mit mei­nem Mann, mei­ner Fami­lie – das ist ver­spro­chen.»

… über Din­ge und Men­schen, die sie ver­mis­sen wird.
Es wer­de sich schon viel ver­än­dern, meint die Bun­des­rä­tin. «Ich habe ein ganz tol­les Team, da haben sie einen inten­si­ven Aus­tausch jeden Tag – das wird mir sicher feh­len.» Eben­so feh­len wer­den ihr die Kol­le­gen im Bun­des­rat. Und: «Wenn sich etwas ändert, hat man sicher auch ein biss­chen Weh­mut.»

… über ihre künf­ti­ge Rol­le als alt Bun­des­rä­tin.
Wer den Bun­des­rat ver­las­se, müs­se akzep­tie­ren, dass er oder sie nicht mehr Ent­schei­dungs­trä­ger sei. Bei ihren Vor­gän­gern habe sie geschätzt, dass die­se sich wirk­lich aus­klink­ten. Sie will das eben­falls so hand­ha­ben. Denn: «Ich fin­de es schwie­rig für die Nach­fol­ge, wenn jemand immer das Echo vom Frei­amt, vom Aar­gau spielt und immer den Senf dazu­gibt.» Klar ist, dass sie sich gemein­nüt­zig enga­gie­ren will. Und klar ist: 80-Stun­den-Wochen wie in den letz­ten Jah­ren sind für sie Geschich­te.

… über ihren wich­tig­sten poli­ti­schen Sieg.
«Wahr­schein­lich schon die Ener­gie­stra­te­gie», sagt Leu­thard. Mit der Kern­ener­gie sei man zwar vie­le Jah­re lang gut gefah­ren, aber man sehe jetzt, «dass das kei­ne Zukunfts­tech­no­lo­gie ist». Dass das Land den Grund­satz­ent­scheid gefällt habe, sich davon zu ver­ab­schie­den, freue sie.

… über das schlech­te Gewis­sen bei Flug­rei­sen.
«Es ist so: Flie­gen ist – wie Mobi­li­tät gene­rell – ein gros­ser Ver­ur­sa­cher von CO .» Und flie­gen sei so gün­stig, «dass wir eigent­lich zu viel flie­gen». Jeder müs­se sich selbst an der Nase neh­men. «Ich wer­de flie­gen nicht ver­mei­den – man geht ja gern mal aus­ser­halb der Schweiz in die Feri­en. Aber man kann ja bei­spiels­wei­se Flug­mei­len kom­pen­sie­ren.»

… über die Min­dest­zahl der Frau­en im Bun­des­rat.
Die Bun­des­rä­tin gibt zu ver­ste­hen: Quo­ten lie­gen ihr nicht. Aber sie macht klar: In der Arbeits­welt, in der Wis­sen­schaft, in der Poli­tik müss­te die Hälf­te der Jobs und Ämter an Frau­en gehen. Ande­rer­seits müs­se das Par­la­ment bei der Wahl von Bun­des­rä­tin­nen und Bun­des­rä­ten immer auf Per­sön­lich­kei­ten set­zen. «Per­sön­lich­kei­ten, die das For­mat haben und auch die Ver­ant­wor­tung über­neh­men wol­len.»

… über Pole­mik und Aggres­si­vi­tät im hel­ve­ti­schen Polit-Betrieb.
«Es gab schon immer auch Poli­ti­ker, die sich sehr pro­non­ciert, auch mal unter Gür­tel­li­nie, aus­ge­drückt haben», sagt Leu­thard. Sie stel­le aber fest: «Im Natio­nal­rat ist es sehr pola­ri­siert gewor­den.» Wenn Bun­des­rä­te Vor­la­gen prä­sen­tier­ten, wüss­ten sie oft nicht, wie es her­aus­kommt. Die Spal­tung in Rechts-/Links-Lager sei nicht gut fürs Land: «Wir sind reform­fä­hig, wenn wir von den Par­tei­en erwar­ten dür­fen, dass sie sagen: ‹Okay, Du hast jetzt halt eine ande­re Mei­nung, wir fin­den uns irgend­wo.› Wenn jeder nur noch Recht haben will und sei­nen Stand­punkt ver­tei­di­gen will, dann haben wir eben wenig Refor­men. Und das haben wir in die­ser Legis­la­tur ein biss­chen, lei­der.» Poli­ti­ker sei­en gewählt, «dass sie Pro­ble­me lösen und nicht nur ein­fach debat­tie­ren und strei­ten».

… über ihre Medi­en­nut­zung und ihr Han­dy.
Ihre Medi­en­nut­zung habe sich inner­halb der letz­ten zwölf Jah­re «kom­plett» ver­än­dert. Und obwohl man das Han­dy ja gar noch nicht so lan­ge habe: «Heu­te ist das Leben fast undenk­bar ohne ein Smart­pho­ne.» Zu Beginn ihrer Amts­zeit kom­mu­ni­zier­te die Bun­desär­tin klas­sisch auf Papier für Papier. «Heu­te haben wir eine Viel­falt von Radi­os, eine Viel­falt von TV-Sta­tio­nen – und das Inter­net hat eine ganz ande­re Bedeu­tung.»

… über Face­book, Twit­ter & Co.
Als Bun­des­rä­tin war Doris Leu­thard bei der Nut­zung von Soci­al-Media-Kanä­len sehr zurück­hal­tend. Es gibt eine offi­zi­el­le Face­book-Sei­te des Depar­te­ments – dort gibt Leu­thard aber nichts von sich preis. «Ich habe kei­ne Face­book-Sei­te, ich habe kei­nen Twit­ter-Account», sagt sie. War­um die Zurück­hal­tung? «Ein­fach auch, weil ich fin­de, man gibt so vie­le Daten preis – da bin ich miss­trau­isch. Und zwei­tens: Wenn man so etwas macht, muss man Zeit haben dafür und fast täg­lich bear­bei­ten, und ich habe kei­ne Zeit für das, ich muss arbei­ten!» Und obwohl sie näch­stes Jahr mehr Zeit in den sozia­len Medi­en ver­brin­gen könn­te, wird sie zurück­hal­tend blei­ben, wie sie betont: «Ich bin genug in der Öffent­lich­keit gewe­sen, ich suche das eigent­lich eher nicht.» Face­book und ande­re Platt­for­men wer­den für sie ein «wich­ti­ges Infor­ma­ti­ons­mit­tel» sein, dies­be­züg­lich wer­de sie sicher wach­sam sein. Lust, auf Face­book plötz­lich mit 20 000 ande­ren befreun­det zu sein, hat sie aber nicht. «Lie­ber rich­ti­ge Freun­de!»

… über ihr näch­stes Auto.
Der Ent­scheid mach­te Schlag­zei­len: Als Amts­fahr­zeug liess Doris Leu­thard vor Jah­ren einen schicken Tes­la ordern. Den muss sie mit dem Rück­tritt abge­ben. Aber auch ihr pri­va­tes Auto wird wohl ein Tes­la sein, wie sie ver­rät: «Ich war­te auf die näch­ste Genera­ti­on.» Den Tes­la 3 also? «Ja, den wür­de ich sehr gut fin­den. Er ist lei­der in de Schweiz noch nicht auf dem Markt.» Die Bun­des­rä­tin ist sicher: Wenn die Prei­se für E-Autos «noch ein biss­chen ver­nünf­ti­ger wer­den», so, dass sie mit einem nor­ma­len Lohn erschwing­lich sind, «dann haben die dann lang­sam einen Durch­bruch am Markt».

… über selbst­fah­ren­de Taxis in 20 Jah­ren.
Die Ant­wort auf die Fra­ge, ob in 20 Jah­ren selbst­fah­ren­de Taxis in der Schweiz her­um­kur­ven, kommt wie aus der Pisto­le geschos­sen: «Ja, ein­deu­tig.» Leu­thard ver­weist auf Ver­su­che mit klei­nen Bus-Shut­tles in Sion. «Das funk­tio­niert her­vor­ra­gend, natür­lich noch lang­sam, aber sie sind sicher, die Leu­te akzep­tie­ren das.» Das sei­en Kon­zep­te, die zuneh­men wer­den und Innen­städ­te ent­la­sten könn­ten, auch punk­to Lärm. «Das ist eine Win-win-Situa­ti­on.»

Phil­ip­pe Pfi­ster