Festivals lassen mich alt aussehen

Von | 8. August 2019 | Gedan­ken

Ich wer­de alt. Wor­an ich das mer­ke? An mei­nem Festi­val-Ver­hal­ten. Ver­ste­hen Sie mich nicht falsch, ich lie­be Open Airs. Die Musik, die Stim­mung, die­ses Aus­ge­las­se­ne. Ich mag die­sen Aus­nah­me­zu­stand, den ein Festi­val aus­löst. So sind das Green­field, das Grä­ni­chen Open Air und das Hei­te­re Fix­punk­te in mei­nem Jah­res­ka­len­der. Aber die Art und Wei­se wie ich die­se Open Airs heu­te genies­se, lässt mich alt aus­se­hen.

Da ist bei­spiels­wei­se das Zel­ten. Vor zehn Jah­ren reich­te mir ein­fach ein Schlaf­sack. Ein Schlaf­sack auf dem nack­ten Zelt­bo­den. Kein Pro­blem. Heu­te kann die Luft­ma­trat­ze noch so dick sein. Ich muss am frü­hen Mor­gen rich­tig aus dem Zelt rob­ben, weil alles schmerzt. Und vor zehn Jah­ren, da sind wir sogar bereits zwei Tage frü­her ans Hei­te­re gereist, weil wir das Zel­ten so toll fan­den. Nach Grä­ni­chen gin­gen wir trotz der Mög­lich­keit zu Hau­se zu schla­fen mit dem Zelt, weil wir das Zel­ten so toll fan­den. Was zur Höl­le ist heu­te an Hüft­schmer­zen toll?!

Nein, nein, nein, dafür bin ich heu­te ein­fach zu alt. Ich schla­fe zu Hau­se. In mei­nem kusch­li­gen Bett. Zu Hau­se, wo ich auch die Toi­let­te und die Dusche nicht mit Tau­sen­den ande­ren Festi­val­be­su­chern tei­len muss.

 

Ans Green­field rei­sen wir mitt­ler­wei­le mit dem Wohn­wa­gen. Dort­hin kann man sich auch ver­zie­hen, wenn ein Sturm auf­kommt. Man muss sich nicht dar­um küm­mern, ob einem nicht doch plötz­lich Pavil­lon und Zelt der Nach­barn um die Ohren flie­gen. Und das Bier aus dem Kühl­schrank ist auch viel bes­ser. Ja tat­säch­lich, vor zehn Jah­ren war mir doch egal, wel­che Tem­pe­ra­tur das Bier hat. Haupt­sa­che ein Bier. Heu­te geht ein unge­kühl­tes Bier gar nicht mehr.

Und es tau­chen noch mehr Alters­er­schei­nun­gen auf. So auch beim Out­fit. Wäh­rend mir vor zehn Jah­ren total wich­tig war, wie ich aus­se­he, muss es heu­te prak­tisch sein. An einem Open Air woll­te ich frü­her gestylt sein, man woll­te auf­fal­len, man woll­te hübsch sein. Heu­te bin­de ich mir eine Jacke um die Hüf­te! Eine Jacke um die Hüf­te wäre für die Sarah von vor zehn Jah­ren nie­mals gegan­gen. Und dann stopft sie sich heu­te auch noch Gehör­pfrop­fen in die Ohren, weil ihr die Musik zu laut ist – frü­her ein No-Go.

Ja, lie­be Land­an­zei­ger-Lese­rIn­nen, ich wer­de alt. Oder bin ich ganz ein­fach ver­nünf­ti­ger gewor­den?

Sarah Künz­li (27 Jah­re alt)