Frau Leuthard – Sie meinten doch nicht uns?

Von | 29. Novem­ber 2018 | Gedanken

Frau Leuthard hat sich kür­zlich ziem­lich weit aus dem Fen­ster gelehnt, als sie her­aus­posaunte, dass man Gratiszeitun­gen sofort abschaf­fen müsse! Diese Aus­sage ist insofern ungeschickt, dass es in unserem Lande neben 20 Minuten und Blick am Abend noch Hun­derte von Gratiszeitun­gen gibt. Würde man diese Aus­sage ganz genau nehmen, müsste auch der beliebte Lan­danzeiger sofort den Laden dicht machen.

Auch die Aus­sage, dass Jour­nal­is­ten auf Kri­tik mimosen­haft reagieren wür­den, kann ich so nicht unter­schreiben, denn die Poli­tik­er sind in dieser Beziehung kein Haar bess­er. Frau Leuthard: Wir erin­nern uns an Ihre Falschaus­sage in der SRF-Sendung Are­na, als Sie behaupteten, Last­wa­gen müssten eine Auto­bah­n­vi­gnette lösen. Wie haben Sie danach reagiert? Auf die Kri­tik zeigten Sie sich zu tief­st belei­digt. Wie heisst es doch so schön: Wenn man in den Wald ruft, kommt ein Echo zurück. So auch jet­zt.

Wenn eine Zeitung wie der Lan­danzeiger über 100 Jahre für seine LeserIn­nen da ist und ihnen auch Freude bere­it­et und zudem einiges an Steuergeld gener­iert hat, kann es doch nicht sein, dass wir sofort aufgeben und das Feld für die Tageszeitun­gen frei machen. Viele von denen haben es ver­passt, die Leser und vor allem die Inser­enten bei der Stange zu hal­ten. Der zunehmende Ein­heits­brei und die Sen­sa­tion­shascherei drückt sich schon heute neg­a­tiv auf die Abozahlen aus und das wird wohl kün­ftig noch schlim­mer. Immer weniger Tageszeitun­gen wer­den in Zukun­ft selb­ständig über­leben kön­nen. Da wur­den auch gravierende Fehler began­gen. Neben der Lancierung von Gratis-Tages­blät­tern schaffte es ein gross­er Ver­lag, die Son­ntagsaus­gabe ohne Preis­senkung zu sistieren.

Die Leser müssen nun eine andere Son­ntagszeitung abon­nieren, wenn sie informiert sein wollen. Da liess man die Leser buch­stäblich im Regen ste­hen. Hinge­gen wer­den die Wochen­zeitun­gen immer beliebter – vor allem jene, die in jüng­ster Zeit die Redak­tion­sleis­tun­gen ver­stärk­ten. Da sind nicht nur Sen­sa­tio­nen und Ver­mu­tun­gen zu lesen, son­dern hand­feste Fak­ten von Gemein­den, Vere­inen und Gesellschaft. Für diese Wochen­zeitun­gen kann die Rech­nung aufge­hen. Wenn sie über einen gut gemacht­en Redak­tion­steil zu Inser­at­en find­en, schliesst sich der Kreis und sie kön­nen dur­chaus über­leben. Der Lan­danzeiger ist ein Parade­beispiel dafür. Würde man die Gratiszeitun­gen gemäss «Befehl» Leuthards sofort abschaf­fen, würde dadurch wohl keine einzige Tageszeitung mehr abon­niert.

Die Tageszeitun­gen bauen heute schon mas­siv Stellen ab. Stellen, die durch die Gratiszeitun­gen noch aufge­fan­gen wer­den. Wür­den alle Gratiszeitun­gen abgeschafft, stün­den wohl einige tausend Mitar­beit­er sofort auf der Strasse. Wir nehmen nun ein­mal an, dass Frau Leuthard nur die bei­den Grosskonz­erne Tage­sanzeiger und Ringi­er meinte. Mich stört die Gratis­men­tal­ität ehrlich gesagt auch. Deshalb sind wir jenen Lesern dankbar, die unsere Zeitung mit den 30 Franken Zustell­ge­bühr wenig­stens ein biss­chen hon­ori­eren.

Ich per­sön­lich bin überzeugt, dass eine gut gemachte Gratiszeitung weit mehr Zukun­ft hat, als eine sen­sa­tion­slüsterne Tageszeitung mit viel Ein­heits­brei. Die Leser und die Inser­enten sind nicht blöd. Sie wis­sen genau, wo sie noch das bekom­men, was sie wün­schen.