Wenn Bücher auf den Regalen tanzen

Gedanke Gastautor Philippe Pfister | Der Landanzeiger

Wir alle haben ja unsere Marotten. Eine, die ich offenbar mit vielen teile, ist die rätselhafte Unfähigkeit, mich von Büchern trennen zu können. Ein Buch mag noch so uninteressant oder belanglos sein, es mag gekauft, geschenkt oder geborgt sein – hat sich ein Buch erst einmal in meinem Büchergestell eingenistet, hat es gute Aussichten, dort für die nächsten Jahrzehnte eine Heimat gefunden zu haben.

Beim letzten Umzug hatte ich mir fest vorgenommen, einmal so richtig auszumisten. Jawoll, weg mit all dem alten Hafenkäse, den man sowieso nie mehr in die Finger nimmt! Fort mit dem Zeug! Doch dann füllte sich wieder Kartonkiste um Kartonkiste. Der Stapel mit dem Vermerk «Entsorgen!! » blieb lächerlich klein. Dafür gingen die Kartonkisten aus. Auf der Fahrt zur IKEA stellte ich mir vor, wie sich meine ungepackten Bücher in Kobolde verwandeln, auf den Regalen tanzen und sich über ihren trotteligen Besitzer lustig machen.

Es gibt immer einen Grund, ein Buch nicht wegzuschmeissen. Ein ungelesenes Buch liest man ja vielleicht eines Tages doch noch. Ein halbgelesenes ist wie eine angebrochene Flasche Wein – den Rest genehmigt man sich später. Und ist ein völlig zerlesenes Buch nicht der ultimative Beweis, dass man es irgendwann abermals lesen wird? Manche haben einen zu Tränen gerührt (wie «Verlorene Illusionen»), andere schlaflose Nächte bereitet (wie «Der Name der Rose»). Und dann gibt es auch so etwas wie ein Murphy’s Law der Bibliophilie. Es lautet: Suchst du nach einer besonderen Textstelle, die du vor langer Zeit gelesen hast, findet sich diese Stelle garantiert in jenem Buch, das du neulich weggeschmissen hast.

Und wenn man Bücher wie das dreibändige «Handbuch des Aberglaubens» im Gestell stehen hat wie ich, darf man sich nicht wundern, wenn man verschrobene Ideen entwickelt. So habe ich kürzlich auf dem einzigen Buch, das ich doppelt besitze, so viel Tinte verschüttet, dass ich es wegschmeissen musste. Titel: «Was ist Metaphysik?» Kann das Zufall sein? Immerhin habe ich vor einer Weile eine genial einfache Methode entwickelt, meine Büchersammlung einer langsamen, aber stetigen Schrumpfkur zu unterziehen. Kommt ein neues Buch rein, müssen zwei alte raus. Mit der Zeit kommt da eine ordentliche Menge zusammen. Das sehe ich ja, wenn ich aufs Regal schaue. Denn da steht sie und wird immer fetter, die Reihe mit all den Büchern, die rausmüssen.

Wiedermal eins trinken gehen

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

«Wir sollten unbedingt wieder einmal eins zusammen trinken gehen» oder «wieder mehr Kontakt haben» und «uns unbedingt öfters treffen». Wie oft haben Sie schon solche Sätze gehört, freudig zugestimmt und genau gewusst, dass es ja doch nicht dazu kommen wird? Bestimmt schon unzählige Male, oder? Bei mir war es vor zwei Wochen das letzte Mal. Aus dem Nichts meldete sich plötzlich eine alte Bekannte. Früher waren wir ziemlich dicke Freunde und von einem Tag auf den anderen plötzlich Funkstille. Nichts mehr. Und nun, Jahre später, interessiert sie sich plötzlich wieder für mich und möchte «wieder Kontakt» und «eins trinken gehen»?

Eigentlich überhaupt nicht in der Stimmung unsere Beziehung wieder aufleben zu lassen, sage trotzdem «ja, gerne», einfach um sie nicht vor den Kopf zu stossen. Und ich weiss ja genau, dass es sowieso nie zu einem Treffen kommen wird. Seit diesem Tag haben wir auf jeden Fall wieder keinen Kontakt. Wenn wir aber doch scheinbar genau wissen, dass es nicht zu «wieder Kontakt » und «öfters treffen» kommt, wieso sagen wir solche Dinge überhaupt? Sind es einfach höfliche Floskeln? Einfach schnell mal so dahingesagt? Und noch schlimmer: Wieso stimmen wir solchen Vorschlägen zu? Weil es eben manchmal doch klappt! Mein Beweis dafür heisst Tobias.

Mit Tobias läuft es immer genau gleich ab: Er gratuliert mir zum Geburtstag, fragt, ob wir wieder einmal einen trinken wollen, ich sage ja. Aber dann gehen wir tatsächlich eins trinken. Den Rest des Jahres sehen wir uns dann kein einziges Mal mehr. An meinem Geburtstag im nächsten Jahr wiederholt sich die ganze Prozedur.

Dass Tobias und ich uns nur einmal im Jahr sehen, heisst nicht, dass wir uns eigentlich nicht mögen würden. Denn das tun wir. Wir verstehen uns bei unserem jährlichen Treffen immer prächtig. Es kommt dann einfach nicht vermehrt dazu. Das ist alles. Das Allerbeste ist aber, dass das für uns beide absolut in Ordnung ist. Keiner ist böse auf den anderen, dass wir uns nicht mehr sehen. Und wir beide freuen uns, wenn wir uns einmal im Jahr verabreden und danach sagen können: «War schön, wir sehen uns nächstes Jahr!»

Glücksmomente

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Das mit dem Glück ist so eine Sache. Letzthin hatte ich erst mal Pech: An der Kasse des Lebensmittelgeschäftes meines Vertrauens merke ich, dass mein Portemonnaie zu Hause geblieben war. Ausgerechnet im Dorfladen, wo mich alle kennen. Die Kundin vor mir war bereits am Bezahlen, als ich hektisch begann, mich nach dem Geldbeutel abzutasten. In solchen Momenten schimpfe ich unhörbar, aber heftig mit mir selber.

Doch da kam mir in den Sinn, dass ich das Smartphone dabeihatte. «Kann ich bei euch auch mit Twint bezahlen?», fragte ich an der Kasse. Leider nein. Da meldete sich die Frau, die vor mir an der Reihe war und die gerade ihre Einkäufe einpackte. Sie hatte mein Malheur mitbekommen. «Ich könnte mit meiner Karte bezahlen und sie twinten mir den Betrag?», schlägt sie vor. Ich bin völlig überrascht und gleichzeitig hocherfreut.

Es ist ewig her, dass mir jemand Unbekanntes spontan seine Hilfe anbot. Vor dem Dorfladen habe ich ihr den Betrag per Twint überwiesen. Ihr sei das kürzlich auch passiert, erklärte sie mit einem Lächeln. Später habe ich der Frau geschrieben und mich nochmals herzlich bei ihr bedankt. Inzwischen sind wir beim Du. Ich finde es herzerfrischend, dass so etwas heutzutage noch geschieht. Für mich war dies ein Glücksmoment.

Solche Glücksmomente kann jeder von uns schenken. Manchmal geschieht dies sogar als Gruppe, wie ein schönes Beispiel aus Muhen zeigt. Dort hat Andrea Guggisberg zehn Jahre lang die Adventsfenster organisiert. Nun gibt sie diese Aufgabe in andere Hände. Ihr Adressbuch umfasst 162 Adressen von möglichen Fenstergestaltern. Die meisten von ihnen möchten Andrea Guggisberg jetzt gerne «Danke!» sagen. Jedoch können sie aus bekannten Gründen ihr zu Ehren momentan keine grosse Feier organisieren.

So kam die Idee auf, dass die Müheler «Adventsfenstler» der Andrea einen «Glücksmoment» schenken. Jede für sich. Dies hier, diese paar Zeilen im Landanzeiger, ist nur einer von vielen dieser heimlich organisierten Überraschungen für sie, eingefädelt mit uns hat dies eine langjährige «Adventsfenstergestalterin», eingelöst haben wir es passend vor dem Osterfest.

Ein toller Nebeneffekt von solchen Aktionen ist, dass auch die «Glückweitergebenden» viel Freude dabei empfinden. Probieren Sie es aus, es wäre ein Versuch wert.

Party machen mit 47 Chromosomen

Gedanke Gastautor Melanie Gamma | Der Landanzeiger

Ich war mir sicher. Er ist überflüssig. Der Welt-Down-Syndrom-Tag, der immer am 21. März gefeiert wird. Heute weiss man doch, was das Down-Syndrom ist und dass die meisten Leute mit dieser genetischen Besonderheit ein relativ selbstständiges Leben führen können. Bis mich ein Arbeitskollege am Kaffeeautomaten fragte: «Du, dieses Downdings bei deiner Tochter, geht das wieder weg?»

Es braucht ihn also doch, den Welt-Down-Syndrom-Tag. Mit Plakaten, Events und Online-Aktionen schärft er das Bewusstsein für die Menschen, die etwas anders aussehen wie die meisten von uns. Und auch ein wenig anders ticken. Wie du, Emily. Die meisten Menschen kommen mit 46 Chromosomen zur Welt. Du nicht. Du hast 47, weil dein 21. dreifach vorhanden ist. Trisomie 21 heisst das. Oder eben Down-Syndrom.

Die meisten Menschen kommen mit einem gesunden Herzen zur Welt. Du nicht. Dein Herzfehler war reparabel. Heute wissen wir, dass Ärzte wirklich Götter in Weiss sein können. Die meisten Kinder entwickeln sich rasant. Du nicht. Du gibst uns die Chance, deine Fortschritte intensiv mitzuverfolgen. Die meisten Kinder sind nicht mit Vorurteilen konfrontiert. Du vielleicht schon. Aber zum Glück nicht in unserem Umfeld. Mit deiner Art, Menschen zu begegnen, zeigst du selber, wie das geht: dieses Aufeinanderzugehen ohne Berührungsängste. Vielen Menschen sind Freundlichkeit oder Herzlichkeit abhandengekommen. Dir nicht. Dein Lächeln steckt an. Danke, «hoi» und «guet Nacht» kommen automatisch über deine Lippen. Dein Charme lockt manchen aus der Komfortzone. Gewisse Menschen müss(t)en Bücher lesen zum Thema Achtsamkeit oder Wertschätzung. Du kannst dir das später sparen. Du herzt uns ebenso wie die Hauskatze, den Regenwurm, das gepflückte Gänseblümchen oder dein Plüschschweinchen.

Man sagt, dass neun von zehn Schwangeren, die ein Kind wie dich erwarten, sich für eine Abtreibung entscheiden. Auch daran lässt uns der Welt-Down-Syndrom-Tag denken. Oder für meinen Kollegen vom Kaffeeautomaten: Das Down-Syndrom geht nur weg, wenn auch der Mensch verschwindet, der es trägt. Wir wollten dich. Und heute weisst auch du ganz genau, was du willst. Und was nicht. Und so ist für uns heute Welt-Down-Syndrom-Tag – und an jedem anderen im Jahr. Weil es mit dir eigentlich jeden Tag etwas zu feiern gibt. Oder wie du sagst: «Party mache. Gniesse.»

Endlich wieder shoppen, aber …

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Ist es nicht ein befreiendes, tolles Gefühl, dass die Läden wieder offen sind? Nach fast 70 Tagen fühlt es sich an wie Weihnachten und Geburtstag zusammen. Der 1. März 2021, der Tag der Wiedereröffnung, war wie sonst der 24. Dezember, kurz vor Ladenschluss: Jeder muss noch einkaufen, als ob es kein Morgen mehr gäbe.

Auch ich habe mich auf die Wiedereröffnung gefreut. Und vorbereitet. Ausgerüstet mit Einkaufsliste, Maske, Ellbogenschonern und der frisch geladenen Kreditkarte fuhr ich – aus meiner Sicht rechtzeitig – Richtung Einkaufsvergnügen. Doch, oh Schreck, schon bald bemerkte ich, ich bin nicht alleine mit dieser Idee. Bis ich einen freien Parkplatz fand, drehte ich drei grosse Runden. Es kamen mir erste Zweifel. Ich blieb hart. «Die Geschäfte brauchen dich jetzt», redete ich mir ein. Gedanklich sah ich sie auf Bergen von Material sitzen und grosse Prozentschilder aufkleben.

Dem war denn auch so. Mit leicht feuchten Händen und wie ein kleines Kind vor dem Weihnachtsbaum stürzte ich mich ins Getümmel. Weil sich vor meinem Lieblingsladen aber eine Menschenschlange gebildet hatte, gönnte ich mir eine Pause auf einem freien Stuhl. Hatte ja damit gerechnet und selbst was zu trinken mitgenommen. Auch was zu lesen hatte ich dabei. Und was sehe ich in einem Prospekt: ein siebenteiliges Glasset mit cooler Flasche für tolle Fr. 59.90, rot durchgestrichen der Normalpreis von Fr. 89.90. So geht günstig, denke ich mir. Einen Prospekt weiter treffe ich wieder auf dasselbe siebenteilige Glasset. Hier kostet es noch Fr. 29.90 statt Fr. 39.90. Ich blättere weiter und finde in einem weiteren Prospekt ähnliche Beispiele. Das Spezielle: Die drei Unternehmen, deren Prospekte ich durchgeblättert habe, gehören alle zur selben Firmengruppe. Jetzt verstehe ich auch, was mir ihr Werbeslogan «Unglaubliche Spezialangebote» sagen wollte.

Meine Einkaufslust wurde dadurch nicht gebremst. Der Weg zum Lieblingsladen war nun frei und ich gewillt, Geld auszugeben. Freudig griff ich zu, probierte, hängte zurück, suchte was Neues. Am Ende verliess ich glücklich und mit zwei vollgestopften Einkaufstaschen den Laden. Stolz präsentierte ich zu Hause die Einkäufe. Das Teuerste zuletzt. Meine Tochter musterte mich, hielt inne und meinte: «Aber Papa, diese Jacke hast du ja schon …» Seither nennen sie mich zu Hause spöttisch den «Wirtschaftsförderer».

Muss wirklich alles digital sein?

Mir ist bewusst, dass die Zukunft und die Digitalisierung zusammengehören. Unbestritten ist, dass sie viele Vorteile bringt. Kurz mal schnell den Fahrplan abfragen, geht genauso schnell wie das Einkaufen im Internet oder das Suchen nach dem passenden Kochrezept.

Was aber, wenn ich ausgerechnet in dem Moment, in dem ich die Abfahrtszeit eines Buses oder eines Zuges abfragen will, grad keinen Empfang habe? Was, wenn ich etwa im Internet eine Minitischfräse für den Modellbau gekauft habe und am Ende das lang ersehnte Paket nicht das enthält, was mir das aufwendig gedrehte Werbevideo versprochen hat?

Was bitte nützt mir eine App, die mir verspricht, alle Pilze im Wald zu kennen, und am Ende stellt sich heraus, dass er mir sogar den hochgiftigen Knollenblätter als essbar empfiehlt? So ein kleines Büchlein mit schönen Bildern und guten Beschreibungen taugt mir da schon besser.

Richtung Gotthard – auf der Autobahn unterwegs – hat mir mein Navi geraten, sofort zu wenden. Wollte es wohl, dass ich nicht in die Innerschweiz fahre?

Bitte versteht mich nicht falsch, ich schätze zum Beispiel die in meinem Handy eingebaute Taschenlampe genauso wie den Kompass, der mir mitten im Wald sagt, wie ich wieder nach Hause finde. Suche ich nach einem Trick, um ein Problem im Bastelraum zu lösen, frage ich einfach Google oder YouTube. Die wissen alles oder fast alles jedenfalls.

Besonders cool finde ich in der Zwischenzeit auch die in den Smartphones verbauten Foto- und Filmkameras. Es ist in naher Zukunft so weit – und das sag ich als Fotograf –, dass diese selbst einer gestandenen Spiegelreflexkamera Paroli bieten. Dies alles in hosensacktauglicher Grösse.

Welche App soll ich aber benutzen, wenn ich durchs nasse Gras gelaufen bin und meine Schuhe vollkommen durchnässt sind? Früher benutzte man dazu eine alte Ausgabe des «Landanzeigers» und stopfte sie damit. Das funktioniert im Fall auch heute noch. Ist digital wirklich der Weisheit letzter Schluss? Ich bin mir da schon lange nicht mehr so sicher.

Der frühe Vogel und die Feuerwehr

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Kurz vor halb sieben Uhr morgens beginnt eine Amsel mit ihrem Morgenkonzert. Verwundert über den frühen Gesang öffne ich das Fenster und halte mein verwintertes Gesicht nach draussen, um zuzuhören. Die Amsel sitzt zuoberst auf einem Baum, singt vom beginnenden Tag und ich spanne den Gedanken weiter: Begrüsst sie gar den kommenden Frühling?

Die Worte meines Nachbarn vor ein paar Tagen dringen in mein Ohr: «Es ist noch zu früh für den Frühling.» Ich entgegne ihm, genau deshalb heisse er ja so: Frühling, weil er früh kommt. «Aber es ist doch erst Februar. Das ist wirklich viel zu früh.» Da hat er natürlich recht. Wir sind vom Kalender her noch nicht frühlingsberechtigt. Alles zu seiner Zeit!

Apropos Zeit. Ich sollte mich sputen. Denn heute Morgen habe ich einen Termin, der mich leicht nervös macht. Ich treffe mich gleich mit dem neuen Kommandanten der Feuerwehr Entfelden-Muhen. Und wenn ich von etwas keine Ahnung habe, dann ist es von der Welt der Feuerwehr. Mich hatten sie in jungen Jahren vergessen aufzubieten.

So ist mein Termin mit Dominik Graber für mich die Chance, Neuland zu betreten. Nun bin ich tatsächlich knapp dran und muss los. Ab wie die Feuerwehr eile ich zur Feuerwehr. Der erste Eindruck: Hier ist alles blitzblank sauber. Nichts liegt herum. Alles ist feinsäuberlich aufgeräumt, jedes Ding an seinem Platz. Das ganze Gebäude scheint mir perfekt durchdacht und für die Abläufe bei einem Einsatz optimiert. Die acht in einer Reihe parkierten Feuerwehrautos glänzen blitzblank poliert feuerwehrrot.

Von Dominik Graber erhalte ich eine Privatführung durch das Feuerwehrmagazin, das 2009 neben dem Golfplatz Entfelden und der Autobahnbrücke gebaut wurde. Aktuell leisten 107 Männer und Frauen hier ihren Dienst für unsere Sicherheit. Sie tun dies «nebenberuflich», also in ihrer Freizeit. Sie erhalten dafür keinen Lohn und sie verrichten ihren Job mit viel Herzblut, das wird mir nach dem Rundgang klar (wenn Sie einmal umblättern, können Sie den Bericht über den neuen Kommandanten lesen).

Tief beeindruckt verabschiede ich mich von ihm und verlasse das Feuerwehrmagazin. Auf dessen Dach sitzt eine (andere?) Amsel und singt weiter ihr Lied vom neuen Tag und vom kommenden Frühling.

Einmal so nah und einmal so fern

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Seinen liebsten Menschen die ganze Zeit um sich zu haben, kann echt anstrengend sein, oder? Ich konzentriert im Homeoffice, er in seinen lehrerbedingten Ferien zu Hause kramt neben mir lärmend in der Besteckschüssel (nein, wir haben dafür keine Schublade). Das Zusammenleben ist durch Corona intensiver geworden. Einander mehr Raum lassen, ist insbesondere in einer 3½-Zimmer-Wohnung eine ganz schöne Herausforderung. Klar, geht man sich da einfach häufiger auf den Keks. Verständnis, Kommunikation, Geduld und Einfühlungsvermögen sind deshalb gefragter denn je.

Auch wenn ich das ewige «Aufeinanderhocken» manchmal echt satt habe, tauschen möchte ich auf keinen Fall. Denn unserer «Nahbeziehung» gegenüber sehe ich die Fernbeziehung meines Bruders. Er hier in der Schweiz, sie 855 Kilometer weit entfernt in Zagreb, Kroatien.

Eine Fernbeziehung erfordert schon zu normalen Zeiten gute Organisation. Doch was diese beiden bald schon ein Jahr lang in dieser ungewöhnlichen Zeit erbringen, um sich für eine kurze Dauer nah sein zu können, ist der Wahnsinn! Da steht zum Beispiel die Schweiz auf der kroatischen Einreiseverbots-Liste, Kroatien auf jener der Schweiz. Naja, dann treffen sie sich eben in Deutschland. Zwei Tage vor Einreise geht auch das nicht mehr. Dann wird eben kurzfristig nach Mailand umgebucht. Dort herrscht zwar Shutdown und ein negativer Test muss noch kurzfristig gemacht werden, aber immerhin können sie sich ein Wochenende lang sehen. Und wie gesagt, so planen sie alle zwei bis drei Monate und das schon fast ein Jahr lang.

Wird Kroatien dann auch noch von schlimmen Erdbeben heimgesucht, wie es Ende Dezember war, sind die Verzweiflung und die Hilflosigkeit perfekt. In solchen Momenten der Angst, wünscht man sich doch nichts sehnlicher, als einfach von seinem Partner in den Arm genommen zu werden. Corona verunmöglicht das.

Ich glaube, die beiden würden sich richtig darüber freuen, wenn ihr grösstes Problem das ständige «Aufeinanderhocken» wäre. Und deshalb an alle Nahbeziehungs-Paare: Reisst euch zusammen! So schlimm ist es nun auch wieder nicht! Und an alle Fernbeziehungs-Paare: Haltet weiterhin durch! Wenn ihr das überstanden habt, übersteht ihr alles!

Wie man merkt, dass man alt wird

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

«Papa, es ist schon ok, wenn Du in die Wohnung zurückfährst und dich ausruhst, Du bist ja nicht mehr der Jüngste», sagte mein Sohn (10) vor wenigen Tagen in den Skiferien zu mir. Verabschiedete sich und fuhr nochmals einige Abfahrten.

Dass ich aber auch sonst bald zum alten Eisen gehöre, bemerke ich zum Beispiel in der Arbeitswelt. Es wird zwar weiterhin voller Einsatz für den Arbeitgeber verlangt, doch im Gegensatz zu früher wird es heute kaum mehr vorgelebt. Sich vor seine Mitarbeiter zu stellen, für Fehler von ihnen einzustehen und sie auszubügeln, erachten viele Vorgesetzte heute als altmodisch und überflüssig.

Der Kunde ist zwar weiterhin König, doch er wird nur als solcher behandelt, wenn er sein Geld bringt, nichts fordert und keine Probleme macht. Gibt es Probleme zu beheben, schiebt man diese gerne anderen in die Schuhe, statt sie direkt zu lösen.

Hatten früher nur Leute einen Titel, den sie sich mit einem Abschluss verdienten, so erhält heute schon fast jeder bei seiner Einstellung eine wahnsinnig wichtig klingende und englisch verfasste Jobbezeichnung. Egal, ob schon was geleistet wurde oder nicht. Möchte man seine Vorgesetzten heute mal direkt sprechen, so haben sie bestimmt gerade ein Meeting, einen Lunch, ihren freien Tag oder gar ein Sabbatical. Brauchte man früher eine Lupe, um ein Organigramm einer Unternehmung zu lesen, so benötigt man heute ein Fremdwörterbuch.

Was mir aber bewusst macht, dass ich langsam zum alten Eisen gehöre, ist die Tatsache, dass ich noch weiss, woher das Geld kommt und wer mir meinen Lohn zahlt. Nämlich Sie, liebe Inserentinnen und Inserenten, Sie liebe Leserinnen und Leser, und dafür danke ich Ihnen von ganzem Herzen. Es freut mich, für Sie arbeiten zu dürfen, und wir beim «Landanzeiger» tun es gerne.

Es fällt mir auch kein Zacken aus der Krone, meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ihren Einsatz zu danken und sie zu loben, und das nicht nur kurz vor Weihnachten, weil es halt so sein muss. Nein, Respekt und Wertschätzung sind keine «alten Zöpfe». Sie gehören zusammen mit dem Geldverdienen zu den wichtigsten Eckpfeilern eines jeden Unternehmens. Das war gestern so und gilt auch heute und morgen noch.

Skiferien ohne «Kafi am Pistenrand»?

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Selten hatte es in den Bergen so viel Schnee wie in diesem Winter. Und wenn dann noch, wie am vergangenen Sonntag, die Sonne vom blauen Himmel auf die weisse Pracht scheint, dann müssen Sie, wenn Sie aktuell in den Skiferien sind und auf einer perfekten Piste glückselig dahincarven, auf Wolke 7 schweben. Besser kann es gar nicht sein, wie ich auf den Bildern sehe, die Sie per Handy auf den sozialen Medien verbreiten.

Ich muss ganz neidisch zugeben: Eure Bilder sehen toll aus, fast wie im Prospekt von Schweiz Tourismus. Auch mein Chef schickte mir am Sonntag solche Bilder: Oben lachte eine Sonne von einem schon fast kitschig blauen Himmel, das nächste Bild zeigt ein Kaltgetränk in den Schnee gesteckt, der weisser nicht sein könnte, und dann: eine glückliche Familie, erst im Gondeli, dann auf der Piste oberhalb des tief verschneiten Wintersportortes. Das mag ich ihm von Herzen gönnen. Denn was hat er in den Tagen vor seinen Skiferien über den Wetterbericht gejammert. «Eine Woche ohne Sonne, jeden Tag Schneefall, ich hab gar keinen Bock darauf, bei der höchsten Lawinengefahr in die Berge zu fahren.» Und dann haben die so ein Traumwetter.

An all jene, die derzeit in den Skiferien sind: Ist Euch eigentlich klar, dass Ihr uns Daheimgebliebenen mit solchen Winter-Wonderland-Bildern in eine mittlere Depression stürzt? Ihr habts schön, während wir hier immer noch daran sind, die gröbsten Schäden der grossen Flut zu beseitigen. Klar sind wir da neidisch, wenn wir abends Eure super Bilder anschauen.

Etwas aber fällt mir auf: Dieses Jahr fehlen die Bilder vom Kafi Schnaps und von Schnitzel Pommes frites auf der Sonnenterrasse. Aber ja, klar: die Beizen haben auch in den Skigebieten «wegen zu geschlossen». Für mich wäre das sogar ein Grund, gar nicht erst hinzufahren. Wie macht Ihr das nun mit dem Zmittag und dem Aprés- Ski (und mit dem Toilettenbesuch)? Gibt es bei Euch nun eigentlich den von Vreni Schneider besungenen «Kafi am Pistenrand»?

Kritische Stimmen debattieren bereits über Sinn und Unsinn von Skiferien zu Coronazeiten. Soll man, darf man? Droht uns in ein paar Wochen gar ein neues Schlamassel mit mutierten Viren aus dem Wallis und dem Bündnerland? Wie auch immer: Allen schöne Skiferien und bitte Hände desinfizieren vor der Heimreise.

Ein Hoch auf Wikipedia!

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Im Januar durfte eine ganz spezielle Freundin meinerseits ihren 20. Geburtstag feiern. Es gibt wohl keine andere, die so hilfsbereit ist wie sie. Es gibt wohl keine andere, die so gerne ihr Wissen teilt wie sie. Sie hat mir und wahrscheinlich Millionen anderen bei Schulvorträgen geholfen, hat mir Chemie und Geschichte erklärt. Sie hat es absolut verdient, an dieser Stelle gewürdigt zu werden. Deswegen: Happy Birthday Wikipedia!

Seit zwei Jahrzehnten suchen Menschen im Online-Lexikon Wikipedia Informationen, die wiederum von vielen anderen Menschen bereitgestellt werden. So kommen über 53 Millionen Artikel in fast 300 Sprachen zusammen. Allein die deutschsprachige Wikipedia umfasst inzwischen über 2,5 Millionen Artikel und belegt Platz vier aller Sprachausgaben.

Die deutschsprachigen Seiten werden täglich im Durchschnitt etwa 15 Millionen Mal aufgerufen. Und auch ich nutze Wikipedia fast täglich. Nicht aber nur, weil ich an Informationen gelangen will, sondern weil mich Wikipedia auch köstlich unterhalten kann. So füttert mich Wikipedia mit einer täglichen Portion unnützem Wissen. Oder wussten Sie etwa, dass der Buchstabe W in deutschen Texten eine relative Häufigkeit von 1,89% hat und er somit der 17.-häufigste Buchstabe in deutschen Texten ist? Oder hätten Sie gewusst, dass bislang über keinen Fall von Sex im Weltraum berichtet wurde? Ach Wikipedia, ich danke dir für dieses Wissen, das keinem etwas bringt.

Wunderschön ist auch die Sprache, die für Wikipedia-Artikel verwendet wird. «Das verstärkte rektale Entweichen von Darmgasen», niemand könnte einen Furz schöner beschreiben als Wikipedia. Weil jeder Autor von Wikipedia-Artikeln sein kann, werden auch skurrile Themen aufgegriffen, wie zum Beispiel jenes übers «Ampeln beschimpfen». Oder über «Socke». Nein, nicht das, was wir am Fuss tragen. Sondern die Katze namens «Socke». Ganze 2600 Zeichen lang erfahre ich alles über das Leben dieser Katze. Lachen musste ich auch bei der Liste von Berufen, «die nach heutiger Erkenntnis nur geringe Zukunftschancen haben». Von der Wahl eines dieser Berufe sei deshalb abgeraten, heisst es. Glücklicherweise befindet sich die Journalistin nicht auf dieser Liste, dafür aber Berufe wie der Brillenträger, der Dobermann oder der Uhrzeiger.

Ja, Humor hat sie! Und deshalb, liebe Wikipedia, ein Hoch auf dich und auf viele weitere Jahre Hilfsbereitschaft, komplizierte Sätze und unnützes Wissen!

Mit anderen Augen sehen

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Not macht erfinderisch. Im vergangenen Jahr traf dies auf viele von uns zu. Kaum jemand konnte umsetzen, was er sich Anfang Jahr vorgenommen hat. Keine grossen Familientreffen, keine weiten Reisen, kein Maienzug, kein Dorffest, kein Open Air, kein Besuch bei den Grosseltern. Die Liste könnte noch beliebig weitergeführt werden.

Doch war im Jahr 2020 wirklich alles schlecht? Ich finde nicht. Es gab durchwegs Ereignisse, die ich nicht missen möchte, die bereichernd waren. Oder es heute noch sind.

So zum Beispiel das Home-Schooling unserer beiden Kinder. Während sich die Kleine (8) einen strikten Stundenplan aufstellte, genoss der Grössere (10) die Freiheiten, dann zu arbeiten, wenn er gerade Lust dazu hatte. So kam es vor, dass der Schultag zu Hause mit einer langen Pause begann, bevor es mit Schlagzeug, der grossen Pause und einer Lektion Sport weiterging. Wir hatten jedenfalls alle unseren Spass und erstmals wirklich viel Zeit für- und miteinander.

Wurde das Thema Computer zu Weihnachten 2019 noch verdrängt, so waren es einige Monate später die Eltern, die dafür sorgten, dass die Kids ihre eigenen Laptops bekamen, Occasion, versteht sich. Nebst Schulaufgaben und einfachen Computerspielen hatten die Kinder plötzlich die Möglichkeit, mit den Grosseltern «Videokonferenzen » zu führen. Nicht nur zum Spass der Kinder.

Ich persönlich genoss die Arbeit zu Hause. Auch mal auf dem Balkon zu sitzen und bei einem Schreibstau den Vögeln im Garten zuzuhören. Auch entdeckte ich das Kochen neu. Zwar wird aus mir nie ein Sternekoch, doch die Familie setzt sich immer noch ohne Zwang an den Tisch und über Magenverstimmung hat noch niemand geklagt. Zugenommen haben im 2020 bei uns jedenfalls alle.

Dass wir unsere Sommer- und Herbstferien in der Schweiz verbringen, war schon vor Corona so geplant. Dass ich aber plötzlich wieder alte Bücher las, eher nicht. Ich genoss auch mal das Nichtstun. Das Leben wurde entschleunigt, weniger gearbeitet habe ich aber nicht. Einfach anders und zu anderen Zeiten. Es blieb mehr Zeit für jeden von uns und die Familie. Und für kleine Dinge, die wir früher kaum mehr beachteten.

Traurig ist nur, dass eine Pandemie kommen musste, damit wir uns vom ewigen «schneller, höher, weiter» verabschieden konnten. Das Ganze, und noch viel mehr, wäre auch ohne Corona möglich gewesen und hätte uns bestimmt auch noch viel mehr Spass gemacht.

Mal wieder auswärts essen wäre wunderbar

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Früher, als die Welt noch eine andere war – also vor ein paar Monaten – da traf ich meinen Freund Fredy alle zwei Wochen im Restaurant. Diese Zeiten sind vorbei. Wenn wir uns heute sehen wollen, dann machen wir das von zuhause aus per Videokonferenz. Anstelle eines perfekt gezapften Biers steht dann in seinem und meinem Wohnzimmer ein Dosenbier. Zu essen gibts, wenn überhaupt, höchstens eine Tüte Chips.

Unsere Videokonferenz ist irgendwie nicht der richtige Ersatz. Das sorgt von Beginn an für eine eher negative Grundstimmung. Sobald wir uns auf den Laptop-Bildschirmen zugewinkt haben, legt Fredy los: «Findest du nicht auch, dass man die Restaurants wieder öffnen sollte?» Ja unbedingt, stimme ich ihm zu. «Wenn alle Läden zu sind und nur die Lebensmittelgeschäfte offen sein dürfen, dann müssten logischerweise auch alle Beizen offen sein», findet Fredy. Auch hier ginge es doch streng genommen um Lebensmittel. «Damit das Volk nicht verhungert!»

Ob ich noch wüsste, wie schön das früher war bei unseren Treffen, will er wissen. Natürlich, wie wenn es gestern gewesen wäre: Wir sassen meistens in der gleichen Ecke des Restaurants, bestellten ein Feierabendbier, plauderten über das Neuste in unserem Berufsund Privatleben. Irgendwann kam ein «Hüngerchen», wir schnappten uns die Speisekarte, bestellten einen schönen Teller und waren glücklich, als uns dieser serviert wurde.

«Weisst du, wie sehr ich das vermisse!», ächzt Fredy. «Es geht mir doch genauso!», stöhne auch ich. Ein Restaurant sei doch viel mehr als nur ein Ort der reinen Nahrungsaufnahme, kommt Fredy in Fahrt. «Es ist ein Ort, wo man sich trifft, hier wird gestritten, geliebt und gefeiert, hier finden Versammlungen, Hochzeiten, Familienund Trauerfeiern statt. Ein Restaurant ist für die Menschen ein wichtiger Ort der Begegnung, das ist Kulturgut! Also ist es, wie man heute sagt: total systemrelevant! Verstehst du? Sag mir, wie viele Leute sich im Restaurant angesteckt haben – na, wahrscheinlich keine, oder?»

«Warum nur hat man sie geschlossen? », fragt Fredy nach einer Atempause. «Ach Fredy, ich verstehe es doch auch nicht! Mal wieder auswärts essen wäre wunderbar!», seufze ich wehmütig.

«Du schreibst doch für die Zeitung», hebt er den Finger. «Jetzt schreib doch mal folgendes nach Bern: ‹Herr Berset, öffnen Sie die Beizen!›»

Hier mit dem lesen beginnen

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Na, noch fleissig mit den Neujahrsvorsätzen beschäftigt, oder haben Sie diese bereits wieder über Bord geworfen? Gesünder leben, Geld sparen, mehr Zeit mit der Familie – jedes Jahr sind es doch etwa die gleichen Vorsätze. Ich bin auf dem Weg zu einem Arzttermin. Vorbei an Aschenbecher und Fitnessstudio frage ich mich, ob in genau diesem Moment wirklich weniger Menschen rauchen, dafür aber mehr Sport machen. Will auch ich mir einen Vorsatz nehmen? Darf man das überhaupt noch, wenn das neue Jahr schon begonnen hat? Ach, papperlapapp, das wird sicher noch akzeptiert.

Was aber ist der perfekte Vorsatz für mich? Das frage ich mich, als ich mit dem Lift nach oben zur Arztpraxis fahre. So etwas Gewöhnliches wie mit dem Rauchen aufzuhören oder mehr Sport zu treiben, ist mir zu langweilig. Ausserdem sehe ich bei beidem keine Chance, es durchzuziehen. Etwas aussergewöhnlicher muss mein Vorsatz schon sein. Und er muss realisierbar sein.

Als ich vor der Tür der Arztpraxis stehe, werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Fünf Poster weisen darauf hin, wie ich mich vor und in der Praxis coronamässig zu verhalten habe. Auf dem ersten steht: «Hier mit dem lesen beginnen.» Mir wird ganz heiss. Mit dem lesen? Mit dem Lesen! Angestrengt versuche ich mich auf den Inhalt der nächsten vier Blätter zu konzentrieren. Es gelingt mir nicht. Immer wieder schweife ich ab und starre stattdessen auf den Schreibfehler auf dem ersten Blatt. Eine Berufskrankheit. Aber dafür der perfekte Vorsatz für mich, denk ich mir. Lass dich im Privaten nicht von Rechtschreibfehlern aus dem Konzept bringen und korrigier nur, wenn du danach gefragt wirst.

Das mag simpel klingen, ist es für mich aber nicht. Weihnachtskarten, Hochzeitseinladungen, Glückwunschkarten, die Fehler springen mich an und ich sehe nur noch sie. Ich kann dann einfach nicht anders, als den Verfasser darauf hinzuweisen. Vielleicht ist auch das der Grund, weshalb ich keine Karten mehr bekomme …

Meinen Vorsatz fest im Kopf versuche ich mich abzulenken. Ich ziehe meine Jacke schon mal aus, tänzle so vor mich hin, drücke den Liftknopf, tänzle weiter, drücke wieder den Liftknopf, tänzle weiter … Plötzlich öffnet die Praxisassistentin die Eingangstür. Es platzt so richtig aus mir heraus: «Lesen schreibt man gross!» Verdammt, fühlt sich das gut an! Vielleicht beginne ich besser erst morgen mit meinem Vorsatz.

2021 wird mein Jahr

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

In wenigen Stunden gehört dieses ominöse 2020 endlich der Vergangenheit an. So Vieles war nicht, wie wir es uns erhofft oder gewünscht haben. Dabei wäre mein Jahr laut der Astrologin Elizabeth Teissier unter einem guten Stern gestanden. Oder habe ich das Horoskop einfach falsch verstanden? Sie sagte mir nämlich aufregende Begegnungen voraus. Das traf ein. So liess ich mir erstmals von einer mir gänzlich unbekannten und erst noch total verhüllten Frau – oder war es doch ein Mann – mit einem übergrossen Ohrenstäbchen in der Nase bohren, bis mir die Tränen kamen. Aufregend war diese Begegnung nicht, aber unvergesslich und negativ.

Der positive Mars im Widder stimuliert während der zweiten Jahreshälfte viele Begegnungen, hiess es weiter. Tatsächlich waren während der zweiten Jahreshälfte mehr Leute positiv, als noch im ersten Halbjahr, nicht nur in meinem Sternzeichen.

Im 2020 dürfen Sie sich auf den Lorbeeren ausruhen, verriet mir das Horoskop weiter. Kommt selten gut, wenn man im Garten rumliegt und nichts tut … Als beste Perioden für Meetings und Auslandskontakte wurden mir die Monate April, August, zweite September- und erste November-Hälfte vorgeschlagen. Stimmt auch nicht. Bleiben Sie zu Hause, predigt Bundesrat Berset immer wieder. Er wusste warum, auch er hatte die Voraussagen der Astrologin gelesen: Neptun verleitet sie zu leichtsinnigen Aktionen.

Die Voraussage, ein guter Jahrgang, um Ihre Figur auf Vordermann zu bringen, habe ich bereits nach dem ersten Monat Home-Office als Lüge erkannt. Ebenso die Vorhersage, ihre Kondition bessert sich besonders im November und Dezember. Und dann doch ein Hinweis, den ich beim Lesen Anfang Januar noch in den Wind schlug: Neptun kann Ihre Abwehrkräfte schwächen. Und, gewisse Nahrungsmittel oder der Wasserkonsum im Ausland machen Sie anfälliger auf Viren (Ende Januar, Mitte März, erste April-Woche, Ende August und Anfang September). Ich gebe zu, das wollte ich nicht lesen und habs schnell wieder vergessen.

Das passiert mir beim Horoskop 2021 nicht mehr. Es ist auch nicht nötig, denn auch in diesem Jahr stehen die Sterne gut für mich. Im Sommer läuft Jupiter durch die Fische und hat Wolke sieben im Schlepptau, auf der Sie für den Rest des Jahres schweben, wird mir vorausgesagt. Zudem soll ich bald Energie für zwei haben und mit gutem Gewissen mehrere grössere Anschaffungen tätigen können. Das 2021 wird meine Jahr? Dies aber nur, sofern ich mich nicht schon wieder im Sternzeichen geirrt habe.

Last Christmas

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Letzte Weihnacht war alles noch ganz anders: Die Familien zwängten sich um den grossen Tisch. Nach dem Essen wurde «geblockflötlet» und gesungen. Alle Weihnachtslieder rauf und runter. Vom Himmel hoch, da komm ich her, Stille Nacht, heilige Nacht – das volle Programm.

Aber das Singen, das ist ja nun verboten. «Blockflötlen» wohl auch. Es dürfte heute Abend auch kein Gedränge geben am Esstisch. Exakt Schweizerisch werden wir mit dem Doppelmeter die -Distanz von Teller zu Teller abmessen: einmeterfünfzig. Oh Du Fröhliche!

Wie soll man das feiern, heute und morgen? Und vor allem: mit wem – und mit wem nicht? Wieviele dürfen überhaupt noch und aus wievielen Haushalten? Wer hat da noch den Überblick? Ja, da gibt es viele, die sich ob dieser Fragen in den letzten Tagen am Kopf gekratzt haben und ihr Xmas-Programm xmal in Gedanken drehten und wendeten.

Vielleicht sollte man die ganzen Festtage dieses Jahr anders angehen als sonst: viel lockerer, ohne Ansprüche an Perfektion und einfach das geniessen, was in diesen speziellen Zeiten möglich ist.

Onkel Ruedi kommt mir in den Sinn. Der Bruder meiner Mutter sass bei uns immer hinten in der Ecke. Anstatt Rotwein trank er lieber eine Flasche Bier, schaute sich in unserer guten Stube um und sagte fast jedes Jahr: «Wieso macht alle Welt nur so ein Theater um Weihnachten?» Aber er spielte brav mit und erhielt noch eine zweite Flasche Bier.

Theater ist ein gutes Stichwort. Onkel Ruedi zu Ehren habe ich mir ein mögliches Drehbuch für heute und morgen Abend ausgedacht: Wir spielen Weihnachten, als ob nichts wäre. Aufgeführt wird ein Familien-Schwank in drei -Akten in den eigenen vier Wänden. Die auftretenden Personen spielen sich -selber. Ausnahme: Diejenigen, welche nicht dabei sein dürfen, weil überzählig. Diese werden von einer zu bestimmenden Person vertreten, genau so wie jeweils an Silvester beim «Dinner for one».

Drehbuch: 1. Akt: Baum schmücken, dezente Musik («Last Christmas»), freundlicher Smalltalk, Apéritif. 2. Akt: Vorspeise, Hauptgang, freundlicher Smalltalk, Rotwein. 3. Akt: Blockflöten-Familienkonzert, Geschenke, Singen
(Jawoll!), dann Dessert, immer noch freundlicher Smalltalk, Kaffee und Hochprozentiges (zum Desinfizieren!).

Frohe Festtage, bleiben Sie gesund!