Wir sind wieder dicker geworden

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Mein Freund Freddy ist am Jammern. Er habe in der Corona-Zeit mehr als fünf Kilo zugenommen. Freddy, der auf ein Feierabendbier vorbeigekommen ist, klopft sich auf den Bauch, um seine Aussage zu bestätigen. Wie das komme, frage ich ihn. Nun, er sei im Homeoffice halt öfters zum Kühlschrank gegangen und hätte mehr als sonst gegessen. Nicht so gesunde Sachen halt. Aber eben, die viele freie Zeit und die Sorgen wegen Corona hätten zu einer «Frust-Futterei» geführt, wie er es nennt. Er solle doch mehr Sport treiben, fordere ich ihn auf. «Du hättest heute mit deinem schicken Bike zu mir fahren können. Aber der bequeme Herr nahm ja das Automobil.» 

Freddy nickt, murmelt etwas von Zeitnot und nimmt einen Schluck von seinem «Birra Moretti». Dann wechselt er das Thema: Ob ich gewusst hätte, dass «Moretti » das italienische Wort für Mohr oder Mohrenkopf sei, fragt er. Wusste ich nicht. Aber als wir zwei Nicht-Rassisten eine Zeit lang schweigend Herrn Moretti auf der Bierdose angeschaut hatten, fällt mir etwas auf. «Erinnerst Du Dich an Kommissar Rex, der mit dem Hund?», frage ich. «Natürlich», sagt er. «Nun, der Schauspieler, der den Kommissar spielt, heisst auch Moretti, Tobias Moretti, findest Du nicht, der hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Herrn auf der Bierdose? » «Jetzt, wo Du es sagst, sehe ich es auch, wobei der Bier-Moretti dicker ist.» 

«Wir sind auch wieder dicker geworden! », fällt es mir ein. Freddy ist irritiert: «Wer ist wir?», will er wissen. «Ja wir, der Landanzeiger! Wir haben jetzt wieder viel mehr Seiten! Letzte Woche freuten wir uns alle wie Kinder, dass wir wieder eine Zwei-Bund-Zeitung geworden sind.» Das freue ihn sehr, aber was soll daran gut sein, fragt er. 

Ich erkläre ihm, dass mehr Seiten bedeuten, dass wieder mehr Inserate gebucht werden. Veranstaltungen! Kinos! Restaurants! Geschäfte! War ja alles geschlossen. Jetzt kommt alles wieder ins Laufen. Der Landanzeiger flattert deshalb gratis ins Haus, weil wir – im Gegensatz zu Abo-Zeitungen – voll durch Inserate finanziert sind. Die letzte Zeit war für uns ähnlich hart wie für viele unserer Inserenten. «Für euch gilt also: je dicker desto besser!», lacht Freddy und klopft sich nochmals auf seinen Bauch. Er hat unser Geschäftsmodell offenbar verstanden. 

Die Kunden und wir, so erkläre ich ihm, wir gehen sozusagen gemeinsam durch dick und dünn! «Also genau so wie wir zwei», entgegnet er. «Genau so wie wir zwei! Mein lieber Freund Freddy, jetzt spendier ich uns noch ein Moretti!»

Kein Sommer ohne Musik

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Vor zwei Wochen hätte das Greenfield- Festival gestartet. In zwei Wochen hätte es das Sommerloch Open Air gegeben. Die Festivals Mutterschiff, Musig i de Altstadt, Heitere – alles abgesagt. Es schien einen Sommer ohne Musik zu geben. Eine furchtbare Vorstellung!

Doch der Lockdown ist vorbei. Zwar gibt es noch keine grösseren Veranstaltungen, aber immerhin dürfen Konzertlokale wieder öffnen, Bands wieder spielen und ich kann endlich wieder Musik hören. Am vergangenen Samstag war es dann für mich auch endlich soweit. Mein erstes Konzert nach einer gefühlten Ewigkeit. Unique Strives im Böröm – und es war unglaublich. Mitsingen, tanzen, dazu ein Bierchen trinken und einfach das Ambiente geniessen. Wie ich das vermisst habe! Und ich habe gespürt, dass es jedem im Publikum so ging wie mir.

Doch es war nicht nur das Publikum. Es war auch die Band, die es so genoss, endlich wieder auftreten zu können, endlich wieder auf einer Bühne zu stehen. Ihnen war es egal, dass sie an diesem Abend auf Kollekte spielten, es war ihnen egal, wie viel Geld sie einnehmen würden. Das Gefühl wieder auf der Bühne stehen zu können, war an diesem Abend viel mehr Wert als alles Geld der Welt. Und das haben sie dem Publikum zu spüren gegeben.

Doch es war auch nicht nur das Publikum oder die Band. Es war das ganze Böröm-Team, das so glücklich war, wieder Gäste begrüssen und Livemusik anbieten zu dürfen. Das Böröm-Team, das bastelte und werkelte, um das Schutzkonzept genau einhalten zu können. Keine Mühen scheute, um wieder öffnen zu können. Das Böröm-Team, das sich mit den Bareinnahmen über Wasser hält, darauf angewiesen ist, so die Miete bezahlen zu können.

Es ist ein Kampf um die Existenz, die die ganze Kulturszene führen muss. Durch Corona noch viel mehr als sonst auch. Doch dieser Kampf wird mit so viel Freude und Leidenschaft geführt, da will man automatisch mithelfen.

Deswegen mein Appell an jeden Kulturliebhaber: Jetzt erst recht! Besucht so viele Auftritte wie möglich, gebt einen Batzen mehr in die Kollekte und seid grosszügig mit Trinkgeld. Unterstützt, was das Zeug hält und lasst uns so alle zusammen den Kampf um die Existenz gewinnen. So müssen wir uns nie mehr vor einem Sommer ohne Musik fürchten.

Ein Trend, den es zu stoppen gilt

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

In der letzten Woche gab es einen Moment, da glaubte ich, die Ohren lügen mich an. Es war, als bekannt wurde, dass der Gemischtwarenladen mit dem grossen M, die Mohrenköpfe der Marke Dubler aus seinen Regalen verbannt. Gegner und Befürworter schiessen seither für und gegen die Süssigkeiten aus vollen Rohren.

Die Meinungen kurz zusammengefasst: Wer für die Verbannung der «Dubler» und Seinesgleichen aus den Regalen ist, ist ein Landesverräter, wer dagegen ist, ist ein Rassist. Etwas dazwischen gibt es kaum.

Seit Tagen beherrscht das Thema auch Frauenchränzli und Stammtischrunden, Kolumnisten, Cartoonisten und Kommentarschreiber. Die Medien sind voll davon, sogar im Ausland berichten sie über die Süssigkeiten und den in unserem Land entfachten Streit. Beim Wochenendeinkauf ist mir aufgefallen, dass die «Dubler» aber noch in anderen Geschäften wie der Migros fehlen. Doch nicht, weil sie ebenfalls verbannt wurden, sondern weil sie ausverkauft waren.

Die Süssigkeit aus dem Freiamt nenne ich übrigens schon seit Jahren einfach «Dubler» und ich esse sie ohne schlechtes Gewissen. Einfach, weil ich sie mag. Bin ich deshalb ein Rassist? «Nein, ich bin kein Rassist, aber …». Diesen Satz kann ich nicht mehr hören, denn zu 99 Prozent folgen danach negative Äusserungen gegen Ausländer.

Seien wir doch ehrlich und geben zu, dass uns Ausländer oft Angst machen. Mehr als uns lieb ist. Doch warum ist das so? Vielleicht, weil wir ihre Sprache nicht sprechen? Sie nicht verstehen? Weil sie viel temperamentvoller sind, als wir eher zurückhaltenden Schweizer? Weil sie uns verdächtig vorkommen, wenn sie in Gruppen am Bahnhof unterwegs sind? Weil sie ständig laut und fröhlich am Handy telefonieren? Oder doch, weil sie halt auch relativ oft in Polizeimeldungen vorkommen?

Dass sich nun auch die Aargauer Polizei Rassismusvorwürfe gefallen lassen muss, verstehe ich ganz und gar nicht. Wer sich bei uns gesetzeskonform verhält, dem kommt die Polizei selten in die Quere. Unsere Sicherheitskräfte halten sich sehr strikte an unsere Gesetze. Da habe ich in mehreren europäischen Ländern schon anderes erlebt. Zurzeit liegt es wieder im Trend, gegen die Menschen zu sein, die sich Tag und Nacht für unsere Sicherheit einsetzen. Ein Trend, den es schnellstens zu stoppen gilt.

Fernbeziehung in den eigenen vier Wänden

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

In dieser Ausgabe des Landanzeigers sind wir «Zu Gast in Olten». Und auch ich war in den vergangenen Jahren sehr oft zu Gast in Olten. Denn ich habe mir einen waschechten Oltner geangelt, in den ich mich Hals über Kopf verliebt habe. Vor mehr als zwei Jahren sind wir dann auch zusammengezogen – nach Aarau natürlich, etwas anderes kam für mich nicht in Frage. Seither versuche ich, meinen Oltner zum Aarauer «umzuerziehen ». Vergeblich.

Weshalb wir mit Faszination und auch etwas Wehmut den Abriss der Kettenbrücke mitverfolgen, versteht mein Oltner nicht. Dass der Maienzug das Fest der Feste ist, fühlt er nicht. Wie viele Schwanenbabys auf der Aare schwimmen, ist ihm doch egal. Ein neues Fussballstadion? – Schulterzucken. Und was ist überhaupt dieser Zukunftraum, von dem alle sprechen? Keine Ahnung. Noch immer sind ihm die Themen in Olten wichtiger. Da kann er mitreden. Und noch immer spricht er von «wir in Olten …». Naja, so muss ich mich wohl langsam aber sicher damit abfinden, dass wir eine Fernbeziehung in den eigenen vier Wänden führen. Die Aarauerin und der Oltner.

Ich muss aber eingestehen, wäre es umgekehrt und ich würde mit ihm in Olten wohnen, Aarau würde genau so meine wahre Heimat bleiben. Trotzdem bin ich froh, dass ich durch ihn Olten kennenlernen durfte. Denn das Städtchen ist wahrlich unterschätzt und hat eine Menge zu bieten. Ja, ich wage sogar zu sagen, dass mir Olten in einigen (wenigen) Dingen sogar besser gefällt. Während man am Wochenende in Aarau Mühe hat, um noch irgendwo ein Plätzchen in einer Beiz zu ergattern, kann man es sich in Olten aussuchen. Auch vom Aarebistro bin ich total Fan. Eine Beiz wirklich direkt an der Aare, wo man die Füsse baden kann, während man seinen Cocktail schlürft, das fehlt hier in Aarau. Und auch die 23 Sternschnuppen, der Kultur- Adventskalender, für den sich die Kulturvereine zusammenschliessen, warum ist das Aarau noch nie in den Sinn gekommen? Wir hätten doch auch das Potential dazu.

Bis auf das Stadthaus (das ist wirklich das hässlichste Gebäude der Dreitannenstadt) ist Olten wunderschön. Olten hat seine Qualitäten und es lohnt sich wirklich, die Stadt zu entdecken und seine Menschen etwas besser kennenzulernen. Hat man dann aber genug von «zu Gast in Olten», ist man schnurstracks in nur elf Zug-Minuten wieder zurück in der Heimat – da wo es halt trotzdem am Schönsten ist.

Sind Sie mehr Roger Federer oder mehr Ferdy Kübler?

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Was kommt Ihnen als erstes in den Sinn, wenn Sie an Roger Federer denken? Ist es Tennis, eine spezielle Kaffeemaschine, ein Telekommunikations-Unternehmen, eine Teigwarenmarke, eine teure Uhr, eine Luxusautomarke, Schweizer Schockolade oder eine Bank? Früher oder später denken Sie bestimmt auch an das viele Geld, das der Tennis-Star schon bekommen hat. Roger Federer ist zum ersten Mal der Krösus aller Sportler auf der ganzen Welt. Kein anderer Athlet hat in den letzten 12 Monaten so viel Geld erhalten wie er: 106,3 Millionen US-Dollar. 6,3 Millionen davon hat er sich auf dem Tennisplatz erspielt. Der Rest kommt aus der Werbung. Das hat er sich verdient, werden Sie sagen, er ist ja ein so guter Mensch. Roger Federer und seine Frau Mirka spendeten ja zu Beginn der Corona-Zeit eine Million Franken an ein Schweizer Hilfswerk. Das ist rund 1 Prozent ihres Jahreseinkommens. Dazu unterstützt das Paar mit ihrer Founda-tion Kinder im Süden Afrikas.

Der erste Sportler in unserem Land, der mit Werbung mehr Geld verdiente, als mit seinen sportlichen Erfolgen, war die Radsportlegende «Ferdy National» Kübler (97†). Beiden Sportlern bin ich mehrfach begegnet. Roger Federer bestellte nach den Olympischen Spielen in Athen 2004 bei mir ein Bild für seinen Kalender. Das damals übliche Bildhonorar von 200 Franken wollte er nicht bezahlen, 150 Franken müssen reichen, war er der Ansicht. Ich willigte ungern aber trotzdem ein. Schliesslich hat man ja nicht alle Tage diese Ehre, vom Tennis-Champ für Bilder angefragt zu werden. Das Geld kam drei Monate nach der Lieferung des Bildes. Der Kalender wusste zu gefallen, nicht nur meines Bildes wegen.

Als ich Ferdy Kübler zu dessen Lebzeiten das Buch «Ferdy Kübler und die goldenen Jahre des Schweizer Radsports» zum Signieren per Post zukommen liess, legte ich 10 Franken für das Rückporto bei. Wenige Tage später lag das Buch, signiert und mit einer lieben Widmung versehen, wieder in meinem Briefkasten. Im Buch selbst waren eine weitere signierte Autogrammkarte und ein handgeschriebener Zettel. Darauf aufgeklebt, zwei Zweifränkler. Es war der Rest des nicht gebrauchten Rückportos.

Ferdy Kübler ist nach seinem Tod Ende 2016 etwas in Vergessenheit geraten. Doch nicht bei mir. Seine Geste ist mir allgegenwärtig. Übrigens, den Kalender von Roger Federer habe ich in der Zwischenzeit entsorgt. Das Buch von Ferdy Kübler mit der Autogrammkarte und den zwei aufgeklebten Zweifränklern steht noch immer griffbereit in meinem Bücherregal.

Wenn der Wirt und der Gast glücklich sind

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Es war mein Glücksmoment der letzten Woche: Im Restaurant auf der Speisekarte einfach auf eine leckere Vorspeise und einen gluschtigen Hauptgang zeigen und sich darauf freuen, dass man nicht mehr jeden Tag selber kochen muss. 

Unser erster Restaurantbesuch seit Wochen war wie immer und doch irgendwie neu. Uns schien, auch das Restaurant habe sich extra herausgeputzt: Der Gastgeber besonders freundlich, die Bedienung ebenfalls, die Köche hochmotiviert, bereits der «Gruss aus der Küche» ein Traum.

Dass die Restaurants wieder offen sind, ist gut fürs Herz und das Gemüt. Nach etlichen Wochen zuhause wusste man ja gar nicht mehr, was man kochen soll. 

Deshalb machten wir daheim ein Spiel daraus, eine «Corona-Koch-Challenge»: Jeder musste einmal pro Woche etwas kochen, das er noch nie gemacht hat. 

Fleissig wurden Rezepte gesucht, im Internet zum Beispiel oder in einem von unzähligen Kochbüchern, die sich in unserer Küche stapeln – und dann wurde gekocht: überraschend, kreativ, auch mal ganz einfach; aber immer mit irgendetwas Neuem. 

Bei mir stand einmal ein Spargel-Shak-shuka auf dem Menüplan, offenbar ein Nationalgericht in Nordafrika und in Israel. Ich wählte es aus, weil es simpel einfach zu kochen ist und wir fast alle Zutaten im Haus hatten. Es geht so: im Wok Spargeln in Öl anbraten, jungen Spinat dazugeben, dann eine Dose gehackte Tomaten hineingeben, alles einkochen lassen und ganz am Schluss mit dem Löffel vier Mulden in die Sauce eindrücken und dort vier Eier einzeln aufschlagen und stocken lassen. Gefunden hatte ich das Rezept zufällig auf einer Koch-App. Selten bekam ich mehr Komplimente für meine «Kochkünste».

Doch jetzt bin ich froh, dass die Profis wieder die Kochlöffel schwingen dürfen. Das Restaurant ist momentan auch fast die einzige Ausgehmöglichkeit. Dies erlebten wir am Samstagabend: Im «Ochsen» in Schöftland war jeder Tisch besetzt. Und das freute mich. Denn dem Wirt ist dies sehr zu gönnen, hat er doch im März, kaum angefangen, wegen Corona schon wieder schliessen müssen. Seinen Start in Schöftland hat er sich wohl anders vorgestellt. Nun erfolgt ein zweiter Start für ihn, seine junge Familie und sein Team. 

So war die Freude auf beiden Seiten spürbar: Der Wirt endlich in der vollen Gaststube und auch für die Gäste, welche, so bin ich überzeugt, die schönen Teller mehr wertschätzen als «früher». 

«En kreative Maiezog allersiits!»

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Es ist nass und grau als ich durch die Altstadt schlendere. Auch wenn viele Läden und Beizen wieder geöffnet haben, es herrscht gespenstische Ruhe. Wird auch der Tag des Aarauer Maienzugs so sein? Mehr verlassen als ausgelassen? Oh nein, das darf nicht sein!

Im Kopfkino startet mein Maienzug-Film 2020. Es ist der 3. Juli, angenehme 23 Grad, die Sonne scheint. Nachdem ich von den Böllerschüssen geweckt wurde, beginne ich meinen Spaziergang am Graben. Beim wunderschön geschmückten Fischlibrunnen treffe ich auf eine Gruppe junger Menschen. Eine Kühlbox steht auf dem Boden, Klappstühle haben sie selbst mitgebracht. Fröhlich feiernd stossen sie miteinander an und wünschen sich «en schöne Maiezog». Vor der Markthalle steht eine Schulklasse mit ihren Lehrpersonen. Sie singen: «D’Gibel vo der Altstadt, s’Naturama, s’Schlössli, d’Aare, d’Gärte, d’Wälder, das isch Aarau eusi Stadt …» Der ganze Gesang wird vom Carillon aus dem Oberturm und den Turmbläsern begleitet. Den Stadtsong summend spaziere ich weiter und halte an der Verzweigung Pelzgasse, Metzgergasse, Kronengasse inne. Die Fahnen über den Strassen wehen leicht im Wind, die Geschäfte sind alle geöffnet, die Schaufenster blumig dekoriert.

Trifft man sich in diesem Jahr nicht am Bankett, so trifft man sich eben in den Restaurants. Die Frauen tragen weisse Kleidung, die Männer haben Granatapfel-Anstecker, von weitem hört man das Gejohle einer Verbindung.

In der Rathausgasse sehe ich Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker auf dem Balkon des Rathauses stehen, neben ihm die Stadtweibelin mit Talar und Hut. Davor haben sich einige Maienzügler versammelt. Gut verteilt und mit sicherem Abstand lauschen sie seiner Rede, bevor alle das Glas erheben und auf diesen ganz speziellen Maienzug anstossen.

Über das Adelbähnli gelange ich auf den Kirchplatz. Um den Brunnen stehen mehrere Festbänke. Die Familien an den Tischen geniessen das Bankettessen. Es wurde ihnen hierher geliefert. Plötzlich marschieren die Kadetten auf und spielen ein Platzkonzert vor der Kirche. Es ist anders als sonst. Doch ich geniesse den Maienzug 2020. Der Film macht Pause. Bin gespannt, wies weitergeht.

Auf, ihr erfinderischen Köpfe, lasst uns nach Ideen suchen, wie wir aus dem abgesagten Maienzug trotz allem ein unvergessliches Fest machen können. Mit etwas mehr Abstand zwar, aber nicht weniger Freude am schönsten Tag des Jahres. «En kreative Maiezog allersiits!»

Das Spiel mit den Geistern

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Endlich wieder Fussball dachte ich mir, als Bundesrätin Viola Amherd Ende April grünes Licht für Teile des Sports gab.

«Geplant ist, dass ab 8. Juni mit dem Wettkampfbetrieb im Spitzensport angefangen werden kann», sagt die Walliserin. Mein Fussballherz begann zu hüpfen, doch nicht für lange. Denn während ich die Bundesrats-Pressekonferenz nur noch halbherzig weiter verfolgte, poppte bereits die erste Kurzmeldung auf meinem Handy auf: «Geisterspiele in der Super League am 8. Juni möglich!»

Geisterspiel? Früher wurden Vereine, deren Fans oder Verantwortlichen sich etwas zu Schulden haben kommen lassen, mit Geisterspielen bestraft. Und nun sollen Geisterspiele eine Belohnung sein? Das Basler Joggeli, ganz leer? Das Wankdorf und das Letzigrund auch? Alle Stadien der zwei höchsten Ligen leer? Rund um das Brügglifeld in Aarau könnten wenigstens noch einige Zaungäste das Geschehen auf dem Feld mitverfolgen.

Müsste die Polizei die Stadien abriegeln, dass sich niemand unerlaubt Eintritt verschafft? Würden Fangruppen von den Sicherheitskräften auseinandergetrieben, falls sie vor dem Stadion Stimmung machen? Bekämen die Unparteiischen Polizeischutz, wenn die Fans vor dem Stadion «Schiri, wir wissen wo dein Auto steht» rufen?

In den Fanforen wird eifrig über Pro und Contra von Geisterspielen diskutiert. Während die einen für Saisonabbruch tendieren, kämpfen andere wortgewaltig für eine Fortsetzung der Meisterschaft. Erste Spieler melden sich über Onlinemedien zu Wort. Sie betteln förmlich: «Lasst uns wieder spielen, die Bundesliga tuts auch.» Tatsächlich, diese startet am Samstag wieder. Die Spiele gibt es live und kostenlos im TV.

Bekomme ich jetzt einen Teil meiner Saisonkarte zurückerstattet, wollen erst Zuschauer hierzulande wissen. Richtige Fans würden das nie fragen. Denn sie wissen, dass ihr Verein jetzt jede Unterstützung, und ist sie noch so klein, gebrauchen kann.

In den zwei höchsten Ligen ist noch nicht entschieden, ob und wann die Meisterschaft weitergeht. Anders in den unteren Ligen. Die wurden abgebrochen, ohne Meister, ohne Auf- und Absteiger. Das akzeptiert der Promotion-League-Leader Yverdon Sport nicht und will sich den Aufstieg am Internationalen Sportgerichtshof (TAS) erstreiten. Wie schrieb schon Johann Wolfgang von Goethe vor über 220 Jahren im «Zauberlehrling »: «Die Geister, die ich rief, werd ich nun nicht mehr los …»

Endlich wieder Schule – besonders in Muhen!

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Was wird das für ein Moment sein: Am Montag gehen die Schülerinnen und Schüler im Kanton Aargau erstmals seit vielen Wochen wieder in die «richtige Schule». In Muhen kommt es dann sogar zu einem doppelten Neustart: Erstmals werden die Schülerinnen und Schüler im nigelnagelneuen Schulhaus unterrichtet. Sie werden die ersten sein im neuen Schulhaus und dies werden sie ihr Leben lang wohl nicht vergessen.

Vorbei ist in Muhen die Zeit, in der die Schule vor allem eine grosse Baustelle war, mit Lärm, Umwegen, grossen Baggern und vielen Bauarbeitern. Die Unterstufe zieht aus dem alten Gasthof Waldeck aus, dem Provisorium, und hinein in das neue Schulhaus auf der anderen Seite der Hauptstrasse. Zweieinhalb Jahre lang dauerte es bis zur Fertigstellung des 23-Millionen- Projektes. Wie das neue Schulhaus aussieht, sehen Sie heute in unserer grossen Baureportage. Die Bevölkerung kann das neue Schulhaus vorerst nicht von innen sehen. Das für Mitte Juni geplante viertägige, grosse Einweihungs- und Dorffest wurde aus bekannten Gründen abgesagt.

Laut dem Gemeindeammann wird es aber schon irgendwann noch eine offizielle Eröffnung geben mit Apéro und Rundgang durch die neuen Schulräumlichkeiten – sobald dies wieder möglich ist.

Am Sonntag war ich beim Schulhaus. Für unsere Baureportage brauchte es noch ein aktuelles Foto von Aussen, als Vergleichsbild zur Visualisierungs-CD des Architekten aus dem Jahr 2016. Es verblüfft mich, wie nahe das heutige Bild an die Planungsidee herankommt.

Ich war nicht alleine: Viele Mühelerinnen und Müheler nutzten ihren Sonntagsspaziergung, um sich das neue Schulhaus mit eigenen Augen anzusehen. Auch eine Familie mit drei Kindern schaute sich das fertige Bauwerk von aussen an. «Weisst Du Mami, nichts gegen Dich, aber ich freue mich sehr, wenn ich am Montag wieder in die Schule gehen kann!», sagte die grössere Tochter. Die Mutter nickt. Auch sie freut sich. Für sie und viele Eltern endet die wochenlange Zeit des «Homeschooling». Es war, so gesteht die Mutter, nicht immer einfach und eine Herausforderung.

Jetzt also geht es wieder in die Schule. Die Eltern sind raus aus der Nummer und die Kinder sehen endlich ihre Klassengspändli und die Lehrer wieder. Was ich mir in meiner Schulzeit nie hätte vorstellen können, passiert am Montag: Schülerinnen und Schüler freuen sich, wieder in die Schule zu gehen!

Frag doch mal den Landanzeiger!

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Beim Landanzeiger erhalten wir viele Anfragen. Anfragen oder Ideen für Berichte, Themen, die wir doch mal aufgreifen sollten oder auch Fragen zu unserem Archiv. Doch noch nie war die Frage so aussergewöhnlich wie am vergangenen Donnerstag.

«Wie viele Buchstaben hat es in Ihrer Zeitung?», fragt uns eine Bezirksschülerin aus Buchs. Sie erklärt, ihr Mathematiklehrer hätte ihnen diese Aufgabe gestellt. Da sie mehrere Lösungswege ausprobieren soll, dachte sie sich, sie frage direkt mal bei uns nach. Ein unlösbares Rätsel, denke ich mir im ersten Moment. Was hat sich der Lehrer nur dabei gedacht? Im zweiten Moment sehe ich aber durchwegs auch das Positive an der Sache. Klar, mir wäre es lieber die Schüler müssten unsere Artikel lesen, sich damit auseinandersetzten und nicht einfach Buchstaben zählen. Aber immerhin kommen sie so mit dem Medium Zeitung in Berührung, sie beschäftigen sich damit. Und irgendwie hat mich die Frage auch selbst gepackt. Wie viele Buchstaben verwenden wir in unserer Zeitung? Keinen blassen Schimmer. Aber jetzt will ich es selbst wissen.

Ich will ihr also helfen. Aber wie löst man diese scheinbar unlösbare Aufgabe? Mathematik war noch nie so meine Stärke, selbst Berechnungen anstellen, damit komme ich nicht weit. Und wer nennt mir jeweils meine Zeichenanzahl? Word, natürlich! Also beginne ich jeden einzelnen Artikel in ein Word-Dokument zu kopieren. Control-C, Control-V, Control- C, Control-V. Nach einer dreiviertel Stunde verfluche ich zwar meinen Wissensdurst, aber ich habe es geschafft. Stolz schreibe ich ihr zurück: Es sind 119’898 Buchstaben. Mitgezählt sind auch alle Buchstaben in Kontaktböxchen, alle Buchstaben in Publireportagen und Bildlegenden. Sogar an jedes Datum und an jedes «Der Landanzeiger» am oberen Seitenrand habe ich gedacht. Nur mit den Buchstaben in den Inseraten konnte ich ihr nicht weiterhelfen und dummerweise sind auch Zahlen und Satzzeichen in den 119’898 Buchstaben inbegriffen.

Trotzdem hoffe ich, ich konnte der Schülerin weiterhelfen und noch mehr hoffe ich, dass sie daraus auch etwas lernen konnte. Nein, sie soll sich nicht ein Leben lang daran erinnern, dass der Landanzeiger 119’898 Buchstaben verwendet hat. Aber sie soll sich daran erinnern, dass wenn sie einmal bei einer Frage nicht weiter kommt, einfach mal den Landanzeiger fragen kann. Wir werden auf jeden Fall weiterhin versuchen auf alle Fragen, auch wenn sie noch so aussergewöhnlich klingen mögen, eine Antwort zu finden.

Kann und will es nicht glauben

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

In den letzten Wochen habe ich meinen Keller entrümpelt. Es ist einiges zusammengekommen, das ich mir in den letzten Jahren angeschafft, es aber selten bis nie benutzt habe. Wohlstandsmüll nennt es mein bester Freund. Meine Segeltuch-Hängematte gehört nicht dazu. Sie stammt aus der Zeit, als ich während mehreren Jahren zur See fuhr. Am Wochenende habe ich mich im Garten mal wieder darin entspannt.

Während ich hin- und herschaukelte und die Grillen zirpten, sinnierte ich in der Nachmittagssonne darüber, was ich als Erstes machen möchte, wenn der Alltag wieder Einzug gehalten hat. Meine Mutter, sie wird im Dezember 85, möchte ich so schnell wie möglich wieder sehen und sie umarmen. Auch Treffen mit Freunden und deren Familien stehen weit oben auf meiner Wunschliste.

So schnell wird das wohl nicht möglich sein, auch wenn es in den kommenden Wochen und Monaten zu Lockerungen kommen wird. Der Zwei-Meter-Abstand wird bleiben. Das sei wichtig, betonen Fachleute aus vielen Bereichen. Auch Disziplin sei weiterhin gefragt, vor allem beim Händewaschen und dem Zuhause bleiben.

Unsere geplanten Herbstferien im Ausland habe ich schon Mal verworfen. Kein Problem, das Engadin ist im Oktober auch wunderschön. Doch kann ich überhaupt wieder campieren in den kommenden Monaten? Dann gehen wir halt öfters in die Badi. Doch auch die öffnen nicht so schnell, wie von vielen gewünscht. Und wann mein Lieblingsgartenrestaurant wieder öffnet, steht auch noch auf keiner Speisekarte.

Dass das Oktoberfest in München nicht stattfindet, stört mich weniger, auch wenn ich als Mitglied der Aarauer Stadtmusik schon die Ehre hatte, am grossen Festumzug in Bayerns Metropole mitzulaufen. Wird der Circus Knie in diesem Jahr seine Tournee überhaupt starten können? Nur allzugerne würde ich Ursus – ein alter Kadettenmusikkumpel – und Nadeschkin und die anderen Zirkusartisten im neuen Zelt im Aarauer Schachen beklatschen. Wenn nicht in diesem Jahr, dann halt vielleicht später. 2021 oder so.

Meine Hängematte schwingt immer noch langsam hin und her. Ich döse fast, bis mir ein Gedanke durch den Kopf schiesst: «Aarauer Maienzug». Ich kann und will mir irgendwie nicht vorstellen, dass er dieses Jahr, erstmals seit ich denken und laufen kann, nicht stattfinden könnte. Noch besteht Hoffnung.

Tanz den «Dis-Tanz»

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Mein Freund Freddy erzählt mir vor ein paar Tagen, er habe jetzt aus dem Home Office via die Home Ostern direkt in die Home Ferien gewechselt – und dabei habe sich eigentlich nichts verändert, weil all das habe sich am selben Ort abgespielt: in seinen eigenen vier Wänden. Arbeiten, Ostern, Ferien.

Als Single ist er am vereinsamen. Keine Fahrt mit dem öV an den Arbeitsort. Keinen direkten Kontakt mehr mit Arbeitskollegen und Freunden. Kein gemeinsames Mittagessen, kein Vereinsleben und kein Stammtisch. Der Osterbrunch seiner Familie wurde abgesagt und die Ferien verbringt er auch zu Hause statt mit der Velogruppe auf einer Insel im Süden.

Das schmerzt, denn darauf hat sich Freddy besonders gefreut. Die Gruppe bucht diese Radsportwoche jedes Jahr. Längst seien daraus Freundschaften entstanden. Gebucht waren diese Veloferien schon seit Monaten. Sie wurden längst abgesagt. Die Ferien musste er trotzdem beziehen, seine Firma bestand darauf. Zum Glück ist Freddy eine Frohnatur. Trübsal blasen ist nicht sein Ding. Er versucht sich mit Tagesausflügen und mit Besuchen bei Freunden bei Laune zu halten. Wie richtige Ferien fühle sich das jedoch überhaupt nicht an, erzählt er mir beim Bier, das wir irgendwo am Waldrand aus mitgebrachten Dosen trinken, in zwei Metern Corona-Abstand natürlich. Nur beim Prost verkürzen wir diese Distanz.

Dann schwingen wir uns wieder aufs Rad, er mit dem Rennrad in diese Richtung, ich mit dem E-Bike in die andere. Auf der Heimfahrt denke ich noch lange über Freddy nach und dass wir in diesen Zeiten nicht nur an die Seniorinnen und Senioren, sondern auch an jene denken sollten, die alleine sind.

Unterwegs fällt mir ein, dass ich noch einkaufen sollte. Beim Grossverteiler in Unterentfelden halte ich an. Zu meiner Freude schaffe ich es beim Eingang zum ersten Mal seit Wochen, dass das Desinfektionsmittel tatsächlich auf den Händen und nicht auf meinen Kleidern landet. Aber dann kommt es in der Frischgemüse-Abteilung zu einem Stau. Die Einhaltung der bundesrätlich geforderten Abstände ist hier kurzzeitig nicht möglich. Alle bemerken wir das, reagieren besorgt und versuchen, uns tänzelnd in die Zwei-Meter-Distanz zu manövrieren – bis es uns bewusst wird und wir alle zu Lachen anfangen.

Wieder zu Hause fällt mir auf, dass das Wort «Tanz» im Wort «Distanz» vorkommt. Ich befürchte, wir tanzen noch ein Weilchen den «Sozialen Dis-Tanz»

Homeoffice ist der Wahnsinn!

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Homeoffice, 1. Woche:
Homeoffice ist der absolute Wahnsinn! Ich kann morgens eine halbe Stunde länger schlafen bin aber trotzdem zur selben Zeit bereit für die Arbeit. Auch der Weg in den Feierabend verkürzt sich enorm. Ein paar Schritte nur und ich bin mit einem Bierchen auf dem Balkon. Mit Homeoffice lässt es sich super gut Zeit sparen. Zudem staune ich über die Wunder der Technik. Meine ganze Arbeit kann ich tatsächlich genau wie im Büro auch von Zuhause aus erledigen. Und drücke ich hier in Aarau auf «Drucken», dann kommt das Material tatsächlich auf der Redaktion in Oberentfelden heraus. Homeoffice – einfach der Wahnsinn!

Homeoffice, 2. Woche:
Weshalb mir überhaupt noch die Mühe machen mich umzuziehen? Ich schlendere nun jeden Morgen in den Trainerhosen an den Laptop. Ob meine Frisur sitzt oder ob ich frisch geduscht bin, wen kümmerts? Hauptsache meine Arbeit ist am Ende des Tages erledigt. Gestern zum Beispiel standen meine Haare in alle Richtungen. So hätte ich mich niemals unter Leute getraut. Trotzdem habe ich mit dieser Frise ein Telefon-Interview geführt. Homeoffice ist einfach der Wahnsinn! Doch langsam aber sicher fehlen mir andere Kontakte. Ich freue mich jedes Mal riesig, wenn mich jemand anruft oder ich jemanden anrufen darf. Das koste ich total aus. Ich erzähle und frage, ganz egal, wenn es auch ein Werbeanruf ist. Trotzdem fühle ich mich mehr und mehr alleine, abgeschottet, eingesperrt. Wie es wohl den anderen im Büro im Moment geht? Fehle ich ihnen auch? Was machen sie gerade? Ob ich schnell anrufen soll? Vielleicht haben auch sie das Bedürfnis eine vertraute Stimme zu hören?

Homeoffice, seit der 3. Woche:
Die ersten Signale von Einsamkeit aus der zweiten Woche sind verflogen. Denn ich bin nun auch nicht mehr alleine. Wenn ich morgens aufstehe, mir den Bademantel überziehe und Richtung Laptop watschle, warten sie schon alle auf mich: Um meinen Laptop herum reihen sich Redbull-Dose, Kleiderbügel, Haarbürste, WC-Rolle und Wörterbuch. Ich nenne sie liebevoll Fritz, Ninjelle, Brige, Rolf und Raphael (alles Namen von Landanzeiger- Mitarbeitern). Täglich forden sie mich aufs Neue: So sagt die Redbull- Dose, «wir brauchen noch einen Auto- Text», «der Titel ist zu lang», meint die WC-Rolle, «hat es noch Platz auf der Aarau-Seite?», fragt der Kleiderbügel und «könntest du noch diesen Text kürzen? », bittet das Wörterbuch. Ah, so lässt es sich doch gleich viel besser arbeiten als in einsamer Stille. Homeoffice – und mein absoluter Wahnsinn!

Die Wahrheit ist oft schmerzhaft

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Vor einer gefühlten Ewigkeit nahmen wir Erziehungsberechtigten – wie man uns Eltern in der Schulsprache nennt – am Elternabend unseres Drittklässlers teil. Die junge Lehrperson, die die «kleinen Wilden» frisch übernahm, stellte sich vor, präsentierte die Lernziele und ihre Vorstellung, wie sie diese zusammen mit den Kindern erreichen will. Motiviert und mit viel Freude schilderte die Lehrperson – die schon seit einigen Jahren unterrichtet – ihre ersten Eindrücke der Klasse und war voll des Lobes über den Einsatz, den Klassenzusammenhalt und den Teamgeist, den unsere Jüngsten in den ersten Wochen an den Tag legten. Innerlich freuten sich meine Frau und ich mit der Lehrperson und waren gedanklich schon beim vorbereiteten Apéro, als sich eine Mutter – mittleren Alters und mit strengem Blick – zu Wort meldete.

Sie war der Ansicht, dass der Unterricht viel zu anstrengend sei und ihr Sprössling tatsächlich bis zu dreissig Minuten Hausaufgaben zu erledigen habe – pro Tag! Ein jüngerer Vater fand, dass die Schule viel zu lasch sei, Ordnung und Disziplin fehlten und die Umsetzung der Anstandsregeln zu wünschen übrig lassen. Eine weitere Person bemängelte gar den vorgestellten Unterrichtsstil der Lehrperson.

Hoppla, dachte ich mir, hier sitzen alles Fachleute um uns rum. Die Verbesserungsvorschläge und Erwartungen an die Lehrperson und die Schule nehmen kein Ende. Die Lehrperson tat mir schon lange Leid. Auch auf den Apéro hatte wir in der Zwischenzeit keine Lust mehr. Dann ergriff ein älterer Mann das Wort und machte dem übelsten, aller schon erlebten Wunschkonzerte ein Ende. Mit ruhiger Stimme motivierte er die Lehrperson, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen. Den Erziehungsberechtigten gab er mit auf den Weg, sich mehr um ihre Kinder zu kümmern, statt alle Verantwortung an die Schule abgeben zu wollen. Päng, das sass.

Seit mehr als zwei Wochen sind die Schulen im Land nun geschlossen. Die Eltern dürfen, können oder müssen nun zu Hause ihren Kindern den Schulstoff vermitteln. Sie müssen sich auch vertieft mit ihnen abgeben. Dabei dürften manche Eltern schmerzlich festgestellt haben: Nicht der Lehrer war das Problem …

Wann haben Sie zuletzt gelästert?

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Mehr als ein Drittel der Zeit, die wir miteinander reden, geht es um Personen, die nicht anwesend sind. Das hat der Psychologe Robin Dunbar im letzten Jahrtausend herausgefunden. Er hatte mit seinem Forscherteam fremde Gespräche zu wissenschaftlichen Zwecken belauscht.Wissenschaftlich analysiert habe ich das Gespräch der zwei Deutschen nicht, die neulich neben unserem Wohnwagen ihr Wohnmobil platzierten und trotz Schnee und Eis bei untergehender Sonne die Grillsaison eröffneten.

Du bist kein richtiger Schweizer, spottete der Eine, als sein Kollege das Essen aus dem Volg-Sack nahm. Ein richtiger Schweizer ist entweder ein Migros- oder ein Coop-Kind. Dafür habe ich Aromat gekauft, konterte sein Kollege, das gehört in diesem Land zu jedem Essen. Bierdosen gehören auch ausgewaschen, bevor man sie entsorgt, genauso wie das Altpapier. Das bündeln sie hier, bevor sie es weggeben. Beide grölen.

Genussvoll verspeisen die Deutschen Billig-Chips und schlürfen Dosenbier. Während auf dem Grill die erste ungehäutete Servelas geplatzt ist. Wo versteckt ein Schweizer im Schwimmbad seine Wertsachen, fragt der Griller. Natürlich unter dem Badetuch … Beide klatschen sich ab. Jetzt kommen sie richtig in Fahrt.

Die Schweizer werden schon nervös, wenn ihr Zug zwei Minuten Verspätung hat, weiss der Eine. Und noch nervöser werden sie, wenn im Zug der Schaffner kommt, und das obwohl sie ein Ticket haben. Haben Sie eine Bewilligung zum Grillieren, fotzelt der Eine den Andern an, hier in der Schweiz braucht man für alles eine Bewilligung!

Das Land ist so klein und doch haben die hier vier Landessprachen, stellt der Eine seine Schweiz-Kenntnisse unter Beweis. Ich wollte schon anerkennend nicken, als der Andere nachschob: Aber kaum einer kann alle vier Sprachen sprechen, geschweige denn schreiben.

Schweizer haben auf der Strasse panische Angst, geblitzt zu werden. Deshalb überholen sie auf der Autobahn auch meist nur mit 125 km/h. Sie freuen sich aber diebisch, wenn sie jemanden vor einem Blitzer zum Überholen herausfordern können und dieser dann ein «Erinnerungsfoto der Polizei» bekommt.

Obwohl ich mich beim Zuhören im Vorzelt ab und zu ertappt fühlte, amüsierte ich mich köstlich. Vor allem als der Eine zum Schlusspunkt ansetzte: Was sagt ein Schweizer, wenn Aliens bei ihnen im Garten landen? «Hoi zäme, säged emol Chuchichäschtli!»

Und wann haben Sie zuletzt so «richtig schön» über andere gelästert?

Einmal durchkneten bitte!

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

An der Schönenwerderstrasse 7 in Oberentfelder verkaufte die Bäckerei Richner jahrzehntelang frische Backwaren und Konditorei-Leckereien. Vor zwei Jahren verkauften die Besitzer die Bäckerei und zogen in ihr Ferienhaus nach Arosa.

In die ehemalige Bäckerei in Entfelden zog stattdessen eine Praxis für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) ein. Ein grosser Unterschied, könnte man meinen. Auf den ersten Blick sind das zwei Welten, die nichts miteinander zu tun haben: Die Bäckerei Richner und Tao Ying Medi. Das habe ich mir am Anfang auch gedacht. Inzwischen weiss ich: Das stimmt nicht so ganz! Denn in der ehemaligen Backstube passiert auch heute im Grunde immer noch das gleiche: Dort wird immer noch geknetet! Und zwar kräftig. Ich weiss das aus eigener Erfahrung.

Bis vor zwei Jahren ging ich jeweils für ein Znüni und einen kurzen Schwatz so um neun, halb zehn Uhr morgens beschwingt die paar Schritte rüber in die Bäckerei zu Edith und Heinz Richner und zu ihrem Team. Wobei dann der Bäcker Heinz Richner meistens schon im Bett lag. Denn er arbeitete ja die ganze Nacht durch fleissig in der Backstube und hat dort auch den Teig für die kommenden Tage geknetet.

Heute liege ich genau dort, wo Heinz Richner 35 Jahre lang den Brot- und Gipfeliteig geknetet hat, bequem auf einer Liege in einem frisch gestrichenen hellen Raum, höre sanfte Musik und werde nach allen Regeln der Chinesischen TCM-Kunst durchgeknetet.

Unter den kräftigen Händen der Chinesischen Ärztin werde auch ich langsam aber sicher zu einem formbaren Teig. Gleich werde ich in den Ofen geschoben, fürchte ich. Morgen bin ich Brot! Doch die Chinesische Ärztin rettet mich. Sie beendet ihre erstaunlich kräftige und wohltuende Massage und setzt stattdessen geschickt und präzise ihre Nadeln, nach der Philosophie von Yin und Yang.

Sie trifft geübt jeden chinesischen Triggerpunkt, wie ich diese Nadel-Punkte für mich nenne, direkt bei meinen zuvor geschilderten Problemzonen und an weiteren Punkten überall am Körper, von ganz oben bis ganz unten. Wie das wohl aussieht, frage ich mich? Was schmerzhaft tönt, ist jedoch nur halb so wild. Dann werde ich gut eingepackt, die Wärmelampe über dem Bauch wird angeknipst, die Chinesische Entspannungsmusik läuft, das Licht wird gelöscht und die Ärztin verlässt den Raum mit den Worten: «Jetzt schlafen gut!»