Gedanken

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger
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Sarah Künzli – Redaktorin

Abschalten

Heute Abend ist es endlich wieder so weit: Es geht an ein Konzert. Starke Gitarrenriffs, mitgrölendes Publikum, tanzende Menschen. Judihui, ich freue mich richtig. Die Arbeitswoche war anstrengend, umso mehr wird es guttun, sich beim Konzert einfach treiben zu lassen.

Abschalten. Abschalten möchte ich aber auch schon bei der Zugreise zum Konzertort. Und tatsächlich hält direkt vor meiner Nase der Wagon mit den Ruheabteilen. Herrlich! So kann ich die Ruhe vor dem Sturm so richtig auskosten. Ich betrete also den Wagon. Es hat noch viele freie Plätze. Im Abteil neben mir sitzt eine ältere Dame, im Abteil vor mir ein Mädchen im Teenageralter.

Ich setz mich, atme tief durch, rutsche noch etwas auf dem Sitz hin und her, bis mir richtig bequem ist, und wäre eigentlich zum Abschalten bereit, da nimmt das Mädchen im vorderen Abteil einen Anruf entgegen. «Du wirst nicht glauben, was er getan hat», erzählt sie aufgebracht und mit dementsprechender Lautstärke. Und ich muss mir eine abstruse Geschichte über Eifersucht, Betrügereien, ein Handgemenge und anschliessenden Trennungschmerz anhören. Sehr wahrscheinlich hatte sich auch die Frau neben mir aufs Abschalten gefreut. Sie hält es auf jeden Fall nicht mehr länger aus, steht auf und weist das Mädchen sehr ruhig und freundlich auf den Ruhewagen hin und bittet sie, mit Telefonieren aufzuhören. Das Mädchen zeigt vollstes Verständnis, entschuldigt sich ebenso freundlich und sie beendet auch sofort ihr Telefongespräch.

Wir konnten tatsächlich für ungefähr zehn Minuten die Stille geniessen, da ertönt die Stimme des Mädchens schon wieder durch den Wagon. «Und dann hat sie ihm eine geklatscht», fährt sie quasi da weiter, wo sie aufgehört hat. Ja, das Mädchen hat zwar aufgehört zu telefonieren, sie verschickt nun stattdessen aber Sprachnachrichten. Ist ja auch ganz was anderes als telefonieren. Die ältere Dame und ich schauen uns kopfschüttelnd an und können uns ein Lachen über diese absurde Situation nicht verkneifen. Dann ist da aber auch schon meine Haltestelle. Ich nicke der älteren Dame zum Abschied schweigend zu, gehe am Abteil des Mädchens vorbei und sage: «Abschalten wäre toll gewesen.» Ich bezweifle, dass sie verstand, auf was ich hinauswollte.