Gedanken

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger
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Raphael Nadler, Chefredaktor

Bremsen statt hupen

Am Neujahrstag habe ich mir den Vorsatz gefasst, mein Verhalten im Strassenverkehr etwas zu entschleunigen. Nun ist es an der Zeit, ein erstes Fazit zu ziehen: Schweren Herzens gebe ich es zu, es ist nicht so einfach, wie gedacht. Ich habe noch Luft nach oben. Trotzdem, das kleine Post-it am Armaturenbrett mit der Aufschrift «bremsen statt hupen» hat seine Wirkung nicht verfehlt. Öfters lass ich nun anderen Verkehrsteilnehmern den Vortritt, bremse regelmässig am Fussgängerstreifen, überhole Velofahrer mit grossem Abstand, gebe nicht mehr extra Gas, wenns gelb wird oder schenke anderen auf der Strasse ein Lächeln. Es wirkt Wunder.

Doch wie gesagt, es gelingt auch mir nicht immer. Neulich an der Kreuzung Schönenwerderstrasse/Engelplatz in Oberentfelden. Die WSB naht, ich will schleunigst vom Geleise, doch niemand lässt mir eine Lücke. Ich erzwinge den Vortritt. Der Fahrer einer grossen, schwarzen Limousine schwäbischer Bauart hupte kräftig. Er macht Handbewegungen und imitiert Wesen aus der Tierwelt. Gebremst hat er erst, als wir weiter vorne gemeinsam vor der Barriere stehen. Ich steige aus. Er auch. Seine Augen werden gross. Seine Halsmuskeln verkrampfen, seine rechte Faust ballt sich. «Es tut mir leid», sagte ich zu meinem Gegenüber, «es war mein Fehler. Sorry.» Der Mann beruhigt sich, nickt, richtet seine Goldketten um den Hals und steigt wieder ins Auto. Als er abzweigt, winkt er mir zu. Zwar nicht freudig, aber immerhin. «Bremsen statt hupen» lese ich einmal mehr auf dem in der Zwischenzeit etwas vergilbten Zettelchen.

Auf meinem Heimweg von der Arbeit fahre ich gern Überland. Auf dem «Bottensteiner », einem Übergang zwischen Bottenwil und Zofingen gibt es eine Stelle, dort äsen regelmässig Wildtiere am Waldrand. Bremsen und abblenden ist angesagt. Aber notfalls auch hupen und auf weitere Tiere gefasst sein, das rät jeder Wildhüter.

In Kürze entscheiden fünf Gemeinden in unserer Region, ob sie sich zum Zukunftsraum Aarau, der elftgrössten Stadt des Landes, zusammenschliessen wollen. Lange wars verdächtig ruhig, nun kommt Bewegung in den Abstimmungskampf. In den Leserbriefspalten malen die einen den (Fusions)-Teufel an die Wand, die anderen erzählen das Blaue vom Himmel. Der Ton wird rauer und lauter, die Argumente selten stichfester, je näher die Abstimmungen kommen. Nicht nur rund um den Zukunftsraum. Dabei wäre gerade in der heissen Abstimmungsphase öfters angebracht: Entschleunigen und bremsen statt hupen.