Gedanken

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Raphael Nadler, Chefredaktor

Carbon statt Kondition

Seit meiner frühsten Kindheit bin ich ein begeisterter Fahrradfahrer. Noch vor dem ersten Kindergarten erlernte ich das Velofahren, obwohl ich noch gar kein eigenes Fahrrad besass, nicht mal ein Dreirad. Beigebracht hat es mir mein Nachbar, dessen Vater eine Velowerkstatt besass. Er war es dann auch, der immer darauf erpicht war, dass wir Licht am Velo hatten und – was er noch als viel wichtiger erachtete – gute Bremsen. Denn schon früh eiferten wir Ferdy Kübler oder Eddy Merckx nach. Im Jubeln waren wir früh Weltmeister, im richtig Bremsen zahlten wir immer wieder Schmerzensgeld.

Später fuhr ich zwar keine Rennen, dafür aber mit den verschiedensten Fahrrädern umher. Einige Jahre lang sogar mit gestohlenen. Mein Grossvater war Polizist auf dem Land. Auf seinem Posten sammelten sich immer wieder Fahrräder an, deren Besitzer nicht bekannt war. Nach einem Jahr in «Polizeigewahrsam» konnte ich mir jeweils ein Fahrrad aussuchen, beim nächsten Besuch tauschte ich sie jeweils wieder gegen ein anderes ein. So war ich mit Mini-Velos, Damenvelos, Kindervelos und sogar Militärvelos unterwegs.

Mit meinem ersten Lehrlingslohn kaufte ich mir mein erstes Fahrrad, einen Halbrenner, wie die modernen Mehrgangvelos damals hiessen. Obwohl ich mir später auch mal ein Töffli anschaffte, standen immer mehrere Velos bei uns im Keller. So kam zum Halbrenner bald eines der ersten City-Bikes in Aarau dazu, später ein richtiges Bike, ein Rennvelo und ein Militärvelo. Mit dem Eingänger kämpfte ich mich immer wieder mit grosser Freude die verschiedensten Anhöhen und Pässe hoch und natürlich auch wieder runter.

In der Zwischenzeit ist mein Velobestand wieder etwas kleiner geworden. Nebst einem Stadtvelo besitze ich auch noch ein Bike. Aus Carbon. Man gönnt sich ja sonst nichts. «Carbon statt Kondition», habe ich schon öfters zu hören bekommen und streite es in der Zwischenzeit auch gar nicht mehr ab.

Nun stehe ich aber vor der schwierigsten aller bisherigen Entscheidungen rund ums Velo: Soll ich mir tatsächlich ein E-Bike kaufen? Es müsste aus meiner Sicht ein schnelles sein, mit dem ich auch zur Arbeit fahren kann. «Papi, wenn du ein E-Bike kaufst, bist du kein richtiger Velofahrer mehr», drohte mir mein Sohn. Mein Ego ist angekratzt. Doch wer setzt sich am Ende durch: der Geniesser oder der Sportsmann?