Gedanken

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger
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Raphael Nadler, Chefredaktor

Danken, bevor es zu spät ist

Es ist Montagabend, die Sonne geht langsam unter und ich sitze auf einer vollen Zügelkiste in der Aarauer Telli. Dort bereite ich den Umzug für meine Mutter vor. Nach 46 Jahren muss sie ihre Wohnung räumen, da diese renoviert wird. Der Vermieter hat alles bestens vorbereitet. Meine Mutter hat es sich in ihrer Ersatzwohnung, an derselben Strasse, bereits gemütlich gemacht. Mitgenommen hat sie nur das Nötigste und was in zwei Koffern alles so Platz hat. Der Umbau dauert ja nur wenige Wochen.

In meinem ehemaligen Kinderzimmer hängen noch Bilder, die ich damals aufgehängt habe. In meinem ehemaligen Bett hat schon länger niemand mehr geschlafen. Mein alter Schultornister mit Fellüberzug ist noch am Schreibtisch angelehnt. Er hat etwas Staub angesetzt. Darin sind meine alten Zeugnisse. Über die Noten und die von den Lehrern hinzugefügten Bemerkungen schweige ich lieber. Der Satz «Aus dir wird nie was!» hallt noch heute in meinen Ohren.

Aus der Vergangenheit zurückgeholt, packe ich weitere Kisten zusammen. Ein Fotoalbum kommt mir in die Finger. Meine Mutter hat es in all den Jahren feinsäuberlich nachgetragen. Jedes Bild und jeden Schnipsel, den sie von mir gefunden hat, hat sie eingeklebt und aufbewahrt. Den Zeitungsausschnitten von Kadettenkonzerten folgten Bilder der Stadtmusik. Ein Mannschaftsfoto aus dem Handballverein und die Auszeichnung für den erfolgreichen Lehrabschluss. RS-Fotos, Beförderung, Abverdienen, Ferienbilder, alles mit Datum und Legenden versehen. Ein weiterer Berufsabschluss, die Jahre als Skipper in Griechenland. Kein neuer Job entging ihr, egal ob als Montageschreiner, bei Radio, TV oder der Zeitung. Und als sie dann noch Grossmutter wurde, war ihr Glück perfekt. Und der Sammeleifer weiterhin ungebrochen.

Nun sitze ich da und packe ihre Sachen zusammen. Mit jeder Kiste, die dazukommt, spüre ich die unendliche Liebe meiner Mutter, für ihr Kind. Was haben unsere Mütter nicht alles für uns auf sich genommen? Uns immer wieder geliebt, beschützt, gefördert, verteidigt, gelobt, bestaunt, getröstet und mit anderen geteilt. Uns immer wieder die Türen geöffnet, wegen uns geweint und uns doch immer den Vortritt gelassen. Danken wir unseren Müttern für ihre immense Liebe und Hingabe, bevor es zu spät ist. Danken wir heute, morgen und übermorgen und nicht nur am Muttertag.