Gedanken

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger
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Kaspar Flückiger, Redaktor

Das Wurst-Case-Szenario

Ob ich schon vom Wurst-Case-Szenario gehört habe, fragt mich mein Freund Fredy, den ich nach längerer Pause endlich wieder mal treffe. Seine Einstiegsfrage erstaunt mich etwas. Innerlich habe ich mich auf ganz andere Themen eingestellt. Schliesslich ist Fredy seit unserem letzten Treffen Vater geworden, ist deshalb umgezogen in eine grössere Wohnung und hat den Job gewechselt. Das wäre ziemlich viel Erzählstoff: Wie geht es seinem Sohn, seiner Frau und wie läufts im neuen Job: Fredy macht jetzt Nachtdienst beim Teletext, den es seit 40 Jahren gibt.

Also gut, Fredy, Worst-Case-Szenario kenne ich: das schlimmst-mögliche Szenario. Was soll das jetzt mit der Wurst? Das sei so, erklärt er mir auf dem Weg von der Küche nach draussen, zwei Kaltgetränke und Knabberzeugs unter dem Arm. Die grüne Nationalrätin Meret Schneider habe dieses neue Wort kreiert. Stand in der Zeitung. Die Politikerin lieferte auch gleich die Definition: Der Fleischverband Proviande sei in Panik, weil immer mehr Tofu und immer weniger Cervelat gegessen wird. Das Wurst-Case-Szenario!

Darauf müsse man auch erst mal kommen, lache ich anerkennend und drehe mich zu Fredy um. «So, und jetzt erzähl endlich von dir, Euer Leben hat sich ja total verändert: Ihr seid Eltern geworden, habt eine neue Wohnung, du arbeitest in Bern beim Teletext!»

Ja, sagt Fredy, etwa ein halbes Jahr lang will sich Maya nun zuhause um Jonas kümmern und hat deshalb bei der Bank gekündigt. Er konnte zum Glück sein Arbeitspensum beim Teletext schon kurz nach seinem Einstieg erhöhen, erzählt der frischgebackene Vater.

Seine Work-Life-Balance habe sich dadurch natürlich völlig verändert. Moment, unterbreche ich ihn, sollte es nicht Life-Work-Balance heissen? Das Leben sei doch wichtiger als die Arbeit, deshalb muss das Leben vorne stehen. Schon wieder also stolpern wir über einen englischen Begriff. Das sei doch wurst, lacht er.

«Wie sieht es denn eigentlich mit deiner Tofu-Wurst-Balance aus?», frage ich frech mit einem Seitenblick auf seinen Bauch. Er lacht und entgegnet: «Du meinst: meine Wurst-Tofu-Balance?»