Gedanken

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger
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Kaspar Flückiger, Redaktor

Der Samichlaus, das war mein Vater

In ein paar Tagen, am 6. Dezember, dem Samichlaustag also, wäre mein Vater sagenhafte 100 Jahre alt geworden. Bevor Sie nun anfangen zu rechnen: Ich bin ein klassischer «Nachzügler», der Vater war bei meiner Geburt schon «uralt» und ich bin mehr als zehn Jahre jünger als meine drei Geschwister.

Als Kind war ich sicher: wer am 6. Dezember Geburtstag hat, der muss irgendetwas zu tun haben mit dem Samichlaus. Ein Beispiel: Als ich acht oder neun Jahre alt war, kam der Samichlaus einmal mitten im Sommer! An diesem Tag war ich sehr flegelhaft und habe nur gelacht, als Vater und Mutter eindringlich mit dem Samichlaus drohten. 

Dann, keine Viertelstunde später, läutete das vertraute Glöckchen und ein Mann mit einer tiefen Stimme rief nach mir: Der Samichlaus – in voller Montur! Roter Rock, weisser Bart, alles wie immer; aber mitten im Sommer! Ich verstand die Welt nicht mehr. Der Schreck fuhr mir in die Knochen, die Knie zitterten. 

Seit diesem Tag habe ich einen gewissen Respekt vor dem Samichlaus. Auch heute noch.

Mein Vater also. Geboren am 6. Dezember 1920. Aktivdienst im zweiten Weltkrieg an der deutschen Grenze in Schaffhausen. Chefmechaniker in der Maschinenfabrik des Dorfes, wo wir wohnten. Gemeinderat, Gewerkschafter, Präsident des Turnvereins, Redaktor beim damaligen «Freien Aargauer», Hüttenwart im Naturfreundehaus hinter der Gislifluh.

Für mich war er vor allem: ein Vorbild und ein toller Vater. Von ihm erbte ich so einiges: den Gerechtigkeitssinn, das schreiberische Talent, die Liebe zur Natur, das Bestreben, ein guter Mensch zu werden – und die Glatze mit 30.

In meiner Erinnerung bleiben die alljährlichen Wanderferien im Herbst im Bündnerland, Skiferien bei der Tante im Simmental und unzählige Sonntage im Restaurant National in Schöftland, wo seine Schwester wirtete. Meine Eltern halfen dort mit bei Grossanlässen wie dem Schöftler Märt. Feine Pastetli gabs dann immer.

Mein Vater erlebt seinen 100. Geburtstag nicht mehr. Nach einem Leben voller Arbeit freute er sich auf den Ruhestand. Doch mit 65 wurde er krank und starb kurz darauf. Das kann es nicht sein, fand ich damals, vor 23 Jahren. Diese Ungerechtigkeit konnte auch der Samichlaus nicht verhindern. Doch manchmal am 6. Dezember, wenn ich das Glöckchen höre und die tiefe Stimme, dann ist mir, als hörte ich meinen Vater.