Gedanken

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger
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Sarah Künzli – Redaktorin

Die Magie ist zurückgekehrt

«Chom schnell. I gseh grad s’Christchindli doreflüüge!», rief meine Grossmutter mir immer zu, als ich fünf Jahre alt war. Jedes Mal pünktlich um 17 Uhr sputete und hetzte Klein-Sarah, doch nie ist es ihr gelungen, das Christchindli ebenfalls beim Entzünden der Weihnachtsbeleuchtung beobachten zu können. Das gelang komischerweise immer nur den Erwachsenen. Doch das machte ihr eigentlich nichts. Denn mit jedem Mal wuchs die Vorfreude auf das Weihnachtsfest. Ihr genügte die Vorstellung vom vorbeifliegenden Christchindli, um die Magie von Weihnachten zu spüren.

15 Jahre später war diese Magie futsch. Ab November jede Woche Weihnachtsmärkte, Weihnachtsausstellungen, Weihnachtsgesänge, Weihnachtstheater, Weihnachtsessen, Weihnachtskonzerte, Weihnachtsbäume, Weihnachtsgeschenke, Weihnachtsdeko, Weihnachtsfilme, Weihnachtsguetzli. Das war einfach zu viel. So kam mit der Liebe zum Lokaljournalismus die Verachtung für Weihnachten. Im Alter von 20 Jahren hatte ich Weihnachten spätestens anfangs Dezember satt. Die übertriebene Herrlichkeit und Fröhlichkeit, der Kitsch und die vorgegaukelte Liebe überall – einfach schrecklich, fand die Weihnachtsmuffel-Sarah. Sie spottete über all jene, die sich auf Weihnachten freuten und wurde zum unausstehlichen Grinch, die den Leuten am liebsten Weihnachten gestohlen hätte.

Doch dann kam das Jahr 2020, ein Jahr in dem alles anders ist. Nicht nur die Welt scheint Kopf zu stehen, sondern auch ich. Denn nun vermisse ich plötzlich den ganzen Vorweihnachtstrubel und das erste Mal seit vielen Jahren freue ich mich wieder wie ein kleines Kind auf Weihnachten. Ich will meine Familie endlich wieder sehen, ich will wieder einmal Raclette, ich sehne mich nach Besinnlichkeit.

Um das Ausmass etwas genauer zu beschreiben: Zum ersten Mal überhaupt habe ich unsere Wohnung weihnachtlich dekoriert, ich zünde abends Kerzen an, trinke eine heisse Schokolade und vor allem schaue ich Weihnachtsfilme! Ja, Weihnachtsfilme! «Tatsächlich… Liebe», «Kevin allein zu Haus», «Über Weihnachten» – alles schon durch. «Sissi» und «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel» werden natürlich noch folgen. Mein 20-jähriges Ich hätte gerade einen Schreikrampf. Doch ich bin einfach von Wärme erfüllt, geniesse jede Weihnachtsbeleuchtung und halte an, wenn ich irgendwo Weihnachtsmusik höre. Ich habe sogar all meine Weihnachtseinkäufe schon seit Wochen erledigt. Nicht wie sonst erst auf den letzten Drücker. Irgendwie war es in diesem Jahr ganz leicht. Irgendwie magisch …