Gedanken

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger
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Raphael Nadler, Chefredaktor

Die Wahrheit ist oft schmerzhaft

Vor einer gefühlten Ewigkeit nahmen wir Erziehungsberechtigten – wie man uns Eltern in der Schulsprache nennt – am Elternabend unseres Drittklässlers teil. Die junge Lehrperson, die die «kleinen Wilden» frisch übernahm, stellte sich vor, präsentierte die Lernziele und ihre Vorstellung, wie sie diese zusammen mit den Kindern erreichen will. Motiviert und mit viel Freude schilderte die Lehrperson – die schon seit einigen Jahren unterrichtet – ihre ersten Eindrücke der Klasse und war voll des Lobes über den Einsatz, den Klassenzusammenhalt und den Teamgeist, den unsere Jüngsten in den ersten Wochen an den Tag legten. Innerlich freuten sich meine Frau und ich mit der Lehrperson und waren gedanklich schon beim vorbereiteten Apéro, als sich eine Mutter – mittleren Alters und mit strengem Blick – zu Wort meldete.

Sie war der Ansicht, dass der Unterricht viel zu anstrengend sei und ihr Sprössling tatsächlich bis zu dreissig Minuten Hausaufgaben zu erledigen habe – pro Tag! Ein jüngerer Vater fand, dass die Schule viel zu lasch sei, Ordnung und Disziplin fehlten und die Umsetzung der Anstandsregeln zu wünschen übrig lassen. Eine weitere Person bemängelte gar den vorgestellten Unterrichtsstil der Lehrperson.

Hoppla, dachte ich mir, hier sitzen alles Fachleute um uns rum. Die Verbesserungsvorschläge und Erwartungen an die Lehrperson und die Schule nehmen kein Ende. Die Lehrperson tat mir schon lange Leid. Auch auf den Apéro hatte wir in der Zwischenzeit keine Lust mehr. Dann ergriff ein älterer Mann das Wort und machte dem übelsten, aller schon erlebten Wunschkonzerte ein Ende. Mit ruhiger Stimme motivierte er die Lehrperson, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen. Den Erziehungsberechtigten gab er mit auf den Weg, sich mehr um ihre Kinder zu kümmern, statt alle Verantwortung an die Schule abgeben zu wollen. Päng, das sass.

Seit mehr als zwei Wochen sind die Schulen im Land nun geschlossen. Die Eltern dürfen, können oder müssen nun zu Hause ihren Kindern den Schulstoff vermitteln. Sie müssen sich auch vertieft mit ihnen abgeben. Dabei dürften manche Eltern schmerzlich festgestellt haben: Nicht der Lehrer war das Problem …