Gedanken

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Martin Zürcher – Redaktor

Easy Rider im Kleinformat

Morgens um viertel nach 6 Uhr, der Wecker klingelt. Es braucht zuerst einen kalten Waschlappen, um einige meiner Lebensgeister in Bewegung zu bringen. Mit einem Kaffee und einer «Ankeschnitte» mit Erdbeer-Rhabarber-Konfi wecke ich auch den Rest der Geister, die lieber weiter schlafen würden. Muss das sein, höre ich sie jammern? Ja, es musste!

Ich habe mir das Ziel gesteckt, noch in diesen Sommerferien das Geld für ein Töffli zu verdienen. Wir schreiben das Jahr 1972, ich bin 14-jährig und die Ferien haben gerade erst begonnen. Von wegen Sommerferien. Harte körperliche Arbeit ist angesagt. In der Kölliker Ziegelhütte beseitige ich kaputte Lehmziegel, die schwer wie Blei sind. Putze Fensterscheiben, die seit mehr als 20 Jahren keinen feuchten Lappen mehr gesehen haben und erledige weitere unangenehme Arbeiten. Aber was tut man nicht alles, wenn man ein Ziel vor Augen hat.

Drei Wochen später. Mit zitternden Händen nehme ich mein erstes «Zahltagssäckli » entgegen. Bereits einen Tag später bin ich stolzer Besitzer eines «Puch Velux 30», zwar Occasion, aber das spielt keine Rolle. Der chromglänzende Tank, die in der Sonne glitzernden Speichenräder, der hohe Lenker und die leuchtende Goldfarbe des Rahmens sagen mir, ab sofort bist auch du ein Easy Rider. Wenn auch nur im Kleinformat. Im Dorf sind wir bald als «Töfflibuebe» bekannt.

Schon eine Woche nach dem Kauf meines «Pfupferlis» gehts mit meinen Kollegen «Hänsu» und «Petu» auf grosse Tour. Gotthard, Nufenen, Furka, Susten und Brünig sind angesagt. Das alles in drei Tagen. Bereits in Brunnen machte «Petus » Puch schlapp. Kurzerhand gibt es auf der Strasse eine Motorrevision. Neue Kolbenringe werden eingebaut. Es geht flott weiter. Auf dem Weg zum Nufenen übernachteten wir zum ersten Mal in der Herberge von Al Aqua. Das war ein Fest. Nufenen und Furka schaffen wir mit links. Auf dem Weg Richtung Sustenpasshöhe befreien wir morgens um halb sechs Uhr eine Gämse aus einem Drahtzaun. Das Tier wehrt sich wie wild, ist dann aber doch froh, als wir es in die Freiheit entliessen. Über den Brünig geht es zügig zurück nach Hause.

Heute fahre ich diese Tour mit meinem grossen Töff in ein paar Stunden. Mehr Emotionen weckt das allerdings nicht. Die «Töfflibuebe» von damals sind heute alle rund ein halbes Jahrhundert älter, grauer und auch einiges schwerer. Leider fehlen auch schon einige von ihnen. Die, die noch da sind, sind aber heute noch richtige «Töfflibuebe».