Gedanken

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger
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Raphael Nadler, Chefredaktor

Ein Leben als Nomade

Immer öfters erwache ich nicht mehr dort, wo ich ins Bett gegangen bin. Halt, es ist nicht so, wie Sie jetzt vielleicht denken. Ich bin ein seriöser Familienvater, verheiratet und glücklich in unserem trauten Heim. Eigentlich bin ich mit wenig zufrieden.

Zu Hause ist das Bett eines meiner wichtigsten Möbel, nebst dem Grill. Im Bett will ich Platz, meine eigene Decke und ein hochstellbares Fussteil. Ist das alles vorhanden, kann ich überall schlafen.

Zur Rosenhochzeit, wie man das 10-Jahr- Jubiläum auch nennt, wünschten sich meine Frau und ich neue Betten. Angestachelt durch verlockende Rabattangebote gings an einem Samstag auf, das neue Bett der Träume zu finden. Im Möbelhaus trennten wir uns und jeder suchte sich sein Wunschobjekt aus. Dass sich unsere zwei Kinder plötzlich auch neue Schlafstätten wünschten, vereinfachte die Suche nicht wirklich. Das Einmischen des geschäftstüchtigen Verkäufers machte das Chaos perfekt. Wir fotografierten schnell einige in Frage kommende Objekte und weg waren wir wieder.

Zu Hause beriefen wir den Familienrat ein, das Mitspracherecht der Kinder wurde definiert und die Budgetobergrenze auf vierstellig gesenkt. Zwischen Nachtessen, Sportschau, Gutenachtgeschichten und Frühstück kam immer wieder das neue Bett zur Sprache. Weitere Besuche im Möbelhaus folgten. Im Duo, im Quartett und solo. Doch statt einer Lösung vor Augen, wurde es von Mal zu Mal schwieriger. Am Ende gabs sogar Streit.

Das bald endende Rabattangebot und das Wissen um die Notwendigkeit eines neuen Betts, führte am Ende zu einem gutschweizerischen Kompromiss. Meine Frau erhielt ihr dreimotoriges Bett. Ich dafür ein breiteres. Dass die Matratzen nicht dieselbe Höhe haben, störte nur in der ersten Nacht.

In der Zwischenzeit schlafe ich eh selten im neuen Bett. Nicht weil ich so viel arbeiten muss, nein, weil es unsere Kinder immer öfters in Beschlag nehmen. Schaffe ich es Mal vor ihnen ins Bett, gesellt sich bestimmt mitten in der Nacht eines von ihnen zu uns. Dann ziehe ich regelmässig aus.

Schlaftrunken gehts ab Richtung Kinderzimmer, Sofa oder Gästezimmer. Bevorzugt wird, was um diese Zeit noch oder wieder frei ist. Nicht selten erwachen meine Frau und ich nicht dort, wo wir ins Bett gegangen sind. Es fühlt sich an wie ein Leben als Nomade, jeden Tag ein anderes Nachtlager. Egal. Hauptsache schlafen, sag ich mir. Erholen kann ich mich ja im Büro wieder.