Gedanken

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger
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Kaspar Flückiger, Redaktor

Einmal durchkneten bitte!

An der Schönenwerderstrasse 7 in Oberentfelder verkaufte die Bäckerei Richner jahrzehntelang frische Backwaren und Konditorei-Leckereien. Vor zwei Jahren verkauften die Besitzer die Bäckerei und zogen in ihr Ferienhaus nach Arosa.

In die ehemalige Bäckerei in Entfelden zog stattdessen eine Praxis für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) ein. Ein grosser Unterschied, könnte man meinen. Auf den ersten Blick sind das zwei Welten, die nichts miteinander zu tun haben: Die Bäckerei Richner und Tao Ying Medi. Das habe ich mir am Anfang auch gedacht. Inzwischen weiss ich: Das stimmt nicht so ganz! Denn in der ehemaligen Backstube passiert auch heute im Grunde immer noch das gleiche: Dort wird immer noch geknetet! Und zwar kräftig. Ich weiss das aus eigener Erfahrung.

Bis vor zwei Jahren ging ich jeweils für ein Znüni und einen kurzen Schwatz so um neun, halb zehn Uhr morgens beschwingt die paar Schritte rüber in die Bäckerei zu Edith und Heinz Richner und zu ihrem Team. Wobei dann der Bäcker Heinz Richner meistens schon im Bett lag. Denn er arbeitete ja die ganze Nacht durch fleissig in der Backstube und hat dort auch den Teig für die kommenden Tage geknetet.

Heute liege ich genau dort, wo Heinz Richner 35 Jahre lang den Brot- und Gipfeliteig geknetet hat, bequem auf einer Liege in einem frisch gestrichenen hellen Raum, höre sanfte Musik und werde nach allen Regeln der Chinesischen TCM-Kunst durchgeknetet.

Unter den kräftigen Händen der Chinesischen Ärztin werde auch ich langsam aber sicher zu einem formbaren Teig. Gleich werde ich in den Ofen geschoben, fürchte ich. Morgen bin ich Brot! Doch die Chinesische Ärztin rettet mich. Sie beendet ihre erstaunlich kräftige und wohltuende Massage und setzt stattdessen geschickt und präzise ihre Nadeln, nach der Philosophie von Yin und Yang.

Sie trifft geübt jeden chinesischen Triggerpunkt, wie ich diese Nadel-Punkte für mich nenne, direkt bei meinen zuvor geschilderten Problemzonen und an weiteren Punkten überall am Körper, von ganz oben bis ganz unten. Wie das wohl aussieht, frage ich mich? Was schmerzhaft tönt, ist jedoch nur halb so wild. Dann werde ich gut eingepackt, die Wärmelampe über dem Bauch wird angeknipst, die Chinesische Entspannungsmusik läuft, das Licht wird gelöscht und die Ärztin verlässt den Raum mit den Worten: «Jetzt schlafen gut!»