Gedanken

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger
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Raphael Nadler, Chefredaktor

Endlich wieder shoppen, aber …

Ist es nicht ein befreiendes, tolles Gefühl, dass die Läden wieder offen sind? Nach fast 70 Tagen fühlt es sich an wie Weihnachten und Geburtstag zusammen. Der 1. März 2021, der Tag der Wiedereröffnung, war wie sonst der 24. Dezember, kurz vor Ladenschluss: Jeder muss noch einkaufen, als ob es kein Morgen mehr gäbe.

Auch ich habe mich auf die Wiedereröffnung gefreut. Und vorbereitet. Ausgerüstet mit Einkaufsliste, Maske, Ellbogenschonern und der frisch geladenen Kreditkarte fuhr ich – aus meiner Sicht rechtzeitig – Richtung Einkaufsvergnügen. Doch, oh Schreck, schon bald bemerkte ich, ich bin nicht alleine mit dieser Idee. Bis ich einen freien Parkplatz fand, drehte ich drei grosse Runden. Es kamen mir erste Zweifel. Ich blieb hart. «Die Geschäfte brauchen dich jetzt», redete ich mir ein. Gedanklich sah ich sie auf Bergen von Material sitzen und grosse Prozentschilder aufkleben.

Dem war denn auch so. Mit leicht feuchten Händen und wie ein kleines Kind vor dem Weihnachtsbaum stürzte ich mich ins Getümmel. Weil sich vor meinem Lieblingsladen aber eine Menschenschlange gebildet hatte, gönnte ich mir eine Pause auf einem freien Stuhl. Hatte ja damit gerechnet und selbst was zu trinken mitgenommen. Auch was zu lesen hatte ich dabei. Und was sehe ich in einem Prospekt: ein siebenteiliges Glasset mit cooler Flasche für tolle Fr. 59.90, rot durchgestrichen der Normalpreis von Fr. 89.90. So geht günstig, denke ich mir. Einen Prospekt weiter treffe ich wieder auf dasselbe siebenteilige Glasset. Hier kostet es noch Fr. 29.90 statt Fr. 39.90. Ich blättere weiter und finde in einem weiteren Prospekt ähnliche Beispiele. Das Spezielle: Die drei Unternehmen, deren Prospekte ich durchgeblättert habe, gehören alle zur selben Firmengruppe. Jetzt verstehe ich auch, was mir ihr Werbeslogan «Unglaubliche Spezialangebote» sagen wollte.

Meine Einkaufslust wurde dadurch nicht gebremst. Der Weg zum Lieblingsladen war nun frei und ich gewillt, Geld auszugeben. Freudig griff ich zu, probierte, hängte zurück, suchte was Neues. Am Ende verliess ich glücklich und mit zwei vollgestopften Einkaufstaschen den Laden. Stolz präsentierte ich zu Hause die Einkäufe. Das Teuerste zuletzt. Meine Tochter musterte mich, hielt inne und meinte: «Aber Papa, diese Jacke hast du ja schon …» Seither nennen sie mich zu Hause spöttisch den «Wirtschaftsförderer».