Gedanken

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger
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Sarah Künzli – Redaktorin

Er ist ein Englishman in Aarau

«Euch Schweizer werd ich nie ganz verstehen!», sagt unser britischer Besuch. Er wird für ein paar Tage bei uns auf der Couch übernachten, bevor er seine Besuchs-Tour quer durch die Schweiz fortsetzt. Wir haben gerade mit einem «Welcome Drink» angestossen, als er sein Unverständnis kundtut. «Während bei uns in England ein allgemeines ‹Cheers› in die Runde reicht, treibt ihr es total auf die Spitze. Mit jedem Einzelnen wird angestossen, man nennt sich dabei beim Vornamen und wehe, man schaut seinem Gegenüber nicht in die Augen. Weshalb dieses ganze Theater? Ich will doch einfach mein Bier trinken!» Wir alle lachen. Ja, das machen wir Schweizer tatsächlich so. Dass das für andere Nationen komisch ist, war uns nicht bewusst.

Das sei aber nicht einmal das Schlimmste. «Diese Überpünktlichkeit », sagt er. «Ich zahle für eine Fahrt nach Luzern zwar gleich viel wie für meinen Easyjet-Flug in die Schweiz, trotzdem mag ich das Zugfahren. Und ich schätze deren Pünktlichkeit.» Dass Herr und Frau Schweizer dann ebenfalls pünktlich sein müssen, sei verständlich. «Aber weshalb seid ihr immer zu früh dran? Machen wir ein Treffen um 19 Uhr aus, bin ich um 18.55Uhr bestimmt der Letzte, der ankommt », erklärt er. Auch da ist irgendetwas dran, finden wir anderen.

Das sei aber nicht einmal das Schlimmste. «Die Begrüssung», chlönt er. Grüezi oder Hoi, Sie oder du, drei Küsschen oder nur eines, eine Umarmung oder doch lieber ein Händeschütteln? Und Corona hätte die ganze Sache noch viel komplizierter gemacht. «Und manchmal, glaub ich, wisst ihr selbst nicht recht, wie ihr begrüsst werden möchtet», meint er.

Schon komisch, unsere Eigenheiten. Und dass wir uns erst über sie Gedanken machen, sie sogar hinterfragen, wenn uns jemand darauf hinweist. Es gibt ganz bestimmt noch viele weitere Schweizer Merkwürdigkeiten.

«Das ist nicht einmal das Schlimmste an uns», werf ich jetzt in die Runde. «Beim Recyclen werden PET- und Plastik-Flaschen eben nicht am selben Ort wie Büchsen und Glas entsorgt, sondern wieder zum Supermarkt gebracht. Der Sonntag als Ruhetag ist uns heilig. Wehe, du wagst es, zu viel Lärm zu machen. Und was wir alles mit unserem Käse anstellen …» Damit will ich unseren Englishman in Aarau nicht noch weiter überfordern.