Gedanken

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger
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Raphael Nadler, Chefredaktor

Ferien in der Schweiz

Ein «richtiger» Schweizer gehorcht dem Bundesrat und macht, was dieser ihm ans Herz legt. Wenigsten ab und zu. So erinnere auch ich mich bei meiner Ferienplanung an die markigen Worte von Bundesrat Ueli Maurer: «Machen Sie in diesem Jahr Ihre Ferien in der Schweiz, geben Sie ihr Geld hier aus.»

Um mich ideal auf meine Feriendestinationen vorzubereiten, kaufe ich regel-mässig Reiseführer. Auch in diesem Jahr. Drei Ratgeber für die Schweiz schleppte ich nach Hause. Schönste Farbbilder der Kappelbrücke in Luzern, dem Matterhorn, dem Landwasserviadukt der Rhätischen Bahn, dem Schilthorn und der Berner Altstadt motivieren mich, dieses schöne Land noch besser kennenzulernen und es zu bereisen. Zwischen einer festlich geschmückten Schweizer Milchkuh und einer Gruppe glücklicher Fondue-Esser warnt mich aber plötzlich ein fetter Zwischentitel vor der «schlimmsten Touristenfalle der Schweiz»: Den Preisen von Käse und Schokolade in Souvenirläden. Der Autor eines anderen Reiseführers rät, die Höchstgeschwindigkeiten auf Schweizer Strassen einzuhalten: «Verstösse werden streng geahndet. Die Grenzen nach oben sind offen und reichen bis zur Beschlagnahmung des Au-tos …» Der dritte Ratgeber entpuppt sich auch als Sprachführer: Zur Begrüssung sagt man in der Schweiz «Grüezi» und nicht «Grützi». Vom Schweizerdeutsch wird eh wärmstens abgeraten. Versuche von Ausländern, Schweizerdeutsch zu sprechen, wirken auf das Gegenüber meist peinlich, heisst es. Auch Scherze über Schwarzgeld, Minarettverbot und Mohrenköpfe seien beim ersten Smalltalk mit Schweizern zu vermeiden. Schnell blättere ich weiter. Bilder von Schokolade, Käse, Taschenmessern, Banken und Bergen stimmen mich -wieder milde.

Ähnliche Bilder – einfach viel weniger an der Zahl – gab es schon 1793 im ersten Reiseführer über die Schweiz. Mich erstaunt es, dass sich die Touristikbranche auch heute noch diesen traditionellen und etwas verstaubten Klischees bedient. Das führt dazu, dass viele ausländische Gäste diese angeblich so typischen Schweizer Symbole in unserem Land suchen und mit einem völlig falschen Bild in unser Land reisen. Dabei wirbt die Schweiz seit den 70er-Jahren vermehrt auch für sanften, umweltfreundlichen Tourismus und für Ferien mit Ruhe und Erholung. Viele Orte richteten sich darauf aus und konnten dadurch neue Gäste empfangen. Warum legt die Schweizer Tourismusbranche nicht grös-seren Wert darauf, auch in Reiseführern unser Land moderner zu vermarkten?

Könnte es sein, dass wir die wirklich schönen Orte in unserem Land lieber selber geniessen, als sie mit Touristen zu teilen?