Gedanken

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Kaspar Flückiger, Redaktor

Fredys Wutrede

«Gerade jetzt, wo nach zwei mühsamen Jahren die Corona-Zeit endlich langsam zu Ende geht, fängt dieser Wahnsinnige einen Krieg an!» Fredy steht unter Strom, ist wütend wie selten. Wir sitzen zur Feierabendzeit in einem Lokal in der Altstadt und trinken einen guten – aber vielleicht für manchen zu starken – Espresso. Zehn Minuten lang dauerte Fredys Wutrede vorhin, die Flüche emotional, laut und alles andere als druckreif. Zum Runterkommen bestelle ich uns deshalb ein normales Bier.

«Wieso sagst du nichts dazu?», will ein immer noch voller Adrenalin stehender Fredy wissen. «Weil ich keine Worte habe, Fredy, und weil ich immer davon ausging, dass es niemanden gibt auf der Welt, der im Ernst so etwas will», flüstere ich beinahe und ich bin froh, dass in diesem Moment das Bier serviert wird.

Unser Treffen habe ich mir anders vorgestellt: das Thema vermeiden und über ganz andere Dinge sprechen. Doch so verläuft derzeit fast jedes Gespräch, beim Einkaufen, am Arbeitsplatz, mit Nachbarn, Freunden und Bekannten. Uns alle beschäftigt es, viele haben Angst, sind erschüttert und versuchen zu verstehen, wollen irgendetwas dagegen tun, sehr viele wollen helfen. Dies berührt mich persönlich sehr. Das sage ich Fredy. Bei allem Elend, diese zum Teil heftigen Reaktionen von Politik und Wirtschaft weltweit gegen das, was gerade passiert, das macht mir Mut. Vor allem auch die weltumspannende Hilfsbereitschaft. Ehrlich gesagt, hätte ich der Welt nicht mehr so viel Menschlichkeit und Herz zugetraut. Eine starke Antwort auf einen Krieg, den niemand will.

Offenbar habe ich zehn Minuten lang ohne Punkt und Komma geredet. Als mir dies bewusst wird, sehe ich, dass mich Fredy mit grossen Augen ansieht. «Du hättest Pfarrer werden sollen», meint er nach einem Moment des Schweigens, nun deutlich entspannter. Seine Wutrede hat mich zu einer Friedensrede animiert. Die Welt haben wir dadurch nicht gerettet, aber es hat uns befreit.

Augenblicke später kommt zwischen zwei hohen Häusern die Sonne hervor und wir drehen gleichzeitig wie zwei Synchronschwimmerinnen unsere verwinterten Gesichter hoffnungsvoll an ein Fenster, durch das uns eine zaghafte Frühlingssonne wärmt. Danach erzählten wir uns eine Stunde lang ausgiebig und genüsslich den neusten Klatsch und Tratsch aus seinem und meinem Leben.