Gedanken

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Raphael Nadler, Chefredaktor

Gehren, Glaubenberg, Grossrussland

Am Samstag habe ich mal wieder richtig entrümpelt. Mit viel Wohlstandsmüll beladen, gings auf den Entsorgungsplatz. Freudig entledigte ich mich jedes einzelnen Stücks. Ein befreiendes Gefühl.

Normalerweise verlasse ich diesen Ort immer möglichst schnell und ohne etwas nach Hause zu nehmen, was schon andere entsorgten. Doch diesmal wars anders. Aus dem Kartoncontainer stach mir ein vergilbtes Buch ins Auge. Ohne darin zu blättern, packte ich es ein und nahms mit nach Hause. Noch im Auto sitzend begann ich im Buch zu blättern. «Der Aktivdienst», lautet der Titel und handelt von der Mobilmachung und dem Dienst des Schweizer Militärs in den Kriegsjahren 1939–1945. Eindrückliche Schwarzweiss- Fotos zeigen das Leben unserer Vorväter rund um den Krieg.

Mein Grossvater kam mir in den Sinn. Er hatte selbst Aktivdienst an der Schweizer Grenze zu Deutschland geleistet und viel Leid erlebt. Obwohl er nie einen einzigen Schuss abgegeben hatte, hat der Krieg bei ihm und vielen seiner Kameraden tiefe Spuren hinterlassen. Erst später begriffen wir, weshalb er uns immer wieder vom Krieg erzählte: Er hat das Erlebte bis zu seinem eigenen Tod nie richtig verarbeitet.

Aus dem Radio ertönen die Nachrichten. Hauptthema: Krieg in der Ukraine. Meine Gedanken spielen plötzlich verrückt. Was wäre, wenn es wieder zu einer Mobilmachung käme? Müsste ich wohl auch einrücken? Könnte ich das in der RS 1984 in den «Gehren» und auf dem «Glaubenberg» Gelernte noch umsetzen? Könnte ich auf jemanden schiessen, nur weil es mein militärischer Vorgesetzter – auch er einer ohne Kriegserfahrung – mir befiehlt? Ich will gar nicht weiter darüber nachdenken …

Noch immer habe ich das Buch in den Händen. Ich blättere weiter. Je näher ich dem Ende komme, desto entspannter sind die Menschen auf den Bildern. Der Waffenstillstand, dann die Waffenruhe und später das langersehnte Kriegsende sorgen für ein Happy End.

Szenen, von denen die momentanen Kriegsparteien leider noch weit entfernt sind. Unternehmen wir alles in unserer Macht Stehende, damit bald wieder Friede einkehrt. Nur allzu gerne möchten ich mich positiveren Themen widmen und das vergilbte Buch für immer entsorgen.