Gedanken

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Kaspar Flückiger, Redaktor

Hier geblieben

Man muss den anderen nicht alles nachmachen. An Ostern in den Süden fahren zum Beispiel. Es muss eine Qual gewesen sein, so erfahre ich im Radio, als ich über die Ostertage daheim im Liegestuhl liege und halbstündliche Meldungen über Länge (maximal 22 km) und Wartezeiten (maximal 3:40 Stunden) des Staus vor dem Gotthard höre. Meine Gefühlslage schwankte zwischen Schadenfreude und Mitleid.

Experten erklären mir am Radio, dass die Menschen nach zwei Jahren Pandemie jetzt den Drang sehr stark verspüren, zu verreisen. Mag sein, aber ich verspürte diesen Drang auch vor der Pandemie nicht. An Ostern in den Süden zu fahren, wohl wissend, dass da der grosse Stau wartet und später das Tessin «ausgebucht» meldet, wo man also kaum einen Platz im Restaurant findet, sich am See nicht auf eine Sitzbank setzen kann, wo im Hotel beim Frühstück alle Plätze schon besetzt sind – dies erschien mir noch nie reizvoll.

Bis auf eine Ausnahme: Ein einziges Mal bin auch ich über Ostern ins Tessin gefahren. Vor über 30 Jahren, vier Jungs in ihren Zwanzigern. Und ich muss zugeben: Das war lustig! Die Eltern eines Freundes hatten ein Haus in Olivone. Der Stau war für uns ein Teil des Erlebnisses. Als wir ihn bei der Hinfahrt erreichten, wurde gejubelt. Wir gehörten dazu, kamen im Radio. Wir kurbelten die Fenster hinunter und riefen: «Stau zäme!» und tranken Bier mit Leuten vor oder hinter uns, die wir nicht kannten. Gut, das war so lange lustig, bis jemand dringend auf die Toilette musste. Und bei solchen Staus muss immer jemand auf die Toilette. Weitere Details erspare ich Ihnen.

An die Ostertage damals im Tessin, an unsere Hauspartys und Ausflüge, erinnere ich mich nur vage. Hingegen noch sehr gut an dieses ständige mulmige Gefühl, irgend einmal wieder nach Hause zurück zu müssen, den drohenden und unausweichlichen Stau auf der Rückreise vor Augen.
Bei der Heimfahrt betrachtete ich aus dem Stau heraus die wenigen Autos, die ungehindert Richtung Süden düsten, und in mir reifte damals der Gedanke, dass man eindeutig besser fahren würde, wenn man das Gegenteil tut von dem, was alle tun.

All dies kam mir jetzt wieder in den Sinn, über Ostern im Liegestuhl, beim Radiohören. Nein, man muss den anderen nicht alles nachmachen, dachte ich und bewegte mich in Richtung Kühlschrank – staufrei.