Gedanken

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger
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Sarah Künzli – Redaktorin

Hier mit dem lesen beginnen

Na, noch fleissig mit den Neujahrsvorsätzen beschäftigt, oder haben Sie diese bereits wieder über Bord geworfen? Gesünder leben, Geld sparen, mehr Zeit mit der Familie – jedes Jahr sind es doch etwa die gleichen Vorsätze. Ich bin auf dem Weg zu einem Arzttermin. Vorbei an Aschenbecher und Fitnessstudio frage ich mich, ob in genau diesem Moment wirklich weniger Menschen rauchen, dafür aber mehr Sport machen. Will auch ich mir einen Vorsatz nehmen? Darf man das überhaupt noch, wenn das neue Jahr schon begonnen hat? Ach, papperlapapp, das wird sicher noch akzeptiert.

Was aber ist der perfekte Vorsatz für mich? Das frage ich mich, als ich mit dem Lift nach oben zur Arztpraxis fahre. So etwas Gewöhnliches wie mit dem Rauchen aufzuhören oder mehr Sport zu treiben, ist mir zu langweilig. Ausserdem sehe ich bei beidem keine Chance, es durchzuziehen. Etwas aussergewöhnlicher muss mein Vorsatz schon sein. Und er muss realisierbar sein.

Als ich vor der Tür der Arztpraxis stehe, werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Fünf Poster weisen darauf hin, wie ich mich vor und in der Praxis coronamässig zu verhalten habe. Auf dem ersten steht: «Hier mit dem lesen beginnen.» Mir wird ganz heiss. Mit dem lesen? Mit dem Lesen! Angestrengt versuche ich mich auf den Inhalt der nächsten vier Blätter zu konzentrieren. Es gelingt mir nicht. Immer wieder schweife ich ab und starre stattdessen auf den Schreibfehler auf dem ersten Blatt. Eine Berufskrankheit. Aber dafür der perfekte Vorsatz für mich, denk ich mir. Lass dich im Privaten nicht von Rechtschreibfehlern aus dem Konzept bringen und korrigier nur, wenn du danach gefragt wirst.

Das mag simpel klingen, ist es für mich aber nicht. Weihnachtskarten, Hochzeitseinladungen, Glückwunschkarten, die Fehler springen mich an und ich sehe nur noch sie. Ich kann dann einfach nicht anders, als den Verfasser darauf hinzuweisen. Vielleicht ist auch das der Grund, weshalb ich keine Karten mehr bekomme …

Meinen Vorsatz fest im Kopf versuche ich mich abzulenken. Ich ziehe meine Jacke schon mal aus, tänzle so vor mich hin, drücke den Liftknopf, tänzle weiter, drücke wieder den Liftknopf, tänzle weiter … Plötzlich öffnet die Praxisassistentin die Eingangstür. Es platzt so richtig aus mir heraus: «Lesen schreibt man gross!» Verdammt, fühlt sich das gut an! Vielleicht beginne ich besser erst morgen mit meinem Vorsatz.