Gedanken

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger
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Sarah Künzli, Redaktorin

In der «Stichprobe» durchgefallen

Für einmal bin ich eine Auserwählte. Eine von 3 Prozent, eine von nur 200000 Personen. Ich gehöre zum kleinen Teil der Bevölkerung, der Informationen liefern soll. Etwas stolz macht mich das schon. Denn mir wurde per Post mitgeteilt, dass ich an der nationalen «Strukturerhebung 2019» teilnehmen darf.

Diese jährliche Erhebung ist ein Kernelement der eidgenössischen Volkszählung. Diese stützt sich vorwiegend auf Informationen aus den Einwohnerregistern der Gemeinden und Kantone. In den Registern sind aber nicht alle Informationen enthalten, die traditionell in einer Volkszählung erfragt werden. Deshalb führt das Bundesamt für Statistik eine Stichprobenerhebung bei einem kleinen Teil der Bevölkerung durch. Und ich bin eine dieser «Stichproben».

Gerade weil nur wenige an der Strukturerhebung teilnehmen dürfen, lass ich Sie beim Ausfüllen des Fragebogens teilhaben. Los geht es mit Sprachen. Meine Muttersprache, in welcher Sprache ich denke und welche Sprache ich beim Arbeiten nutze? Naja, Fremdsprachen waren noch nie so mein Ding. Sorry, Bundesamt für Statistik, punkten kann ich in diesem Kapitel nicht. Hoffentlich sieht es bei den nächsten Fragen besser aus.

Ah, die Schulbildung. Da werd ich doch einige Punkte rausholen können, oder? Angefangene Kantonsschule, angefangenes Studium … Verdammt. Ich verspüre wachsende Selbstzweifel.

Wieviel ich arbeite, möchte das Bundesamt wissen. 60 Prozent! Doch sogleich höre ich in meinem Kopf, die berühmtberüchtigte Frage: «Und was machst du dann die restlichen 40 Prozent?» Nichts, liebes Bundesamt für Statistik, gar nichts. Deshalb leiste ich mir ja auch nur eine günstige Kleinwohnung, rechtfertige ich mich innerlich verzweifelt … Und nein, auch ein Auto habe ich nicht.

Ich vergrabe mein Gesicht in meinen Händen, blinzle zwischen meinen Fingern hindurch. Wie der Fragebogen ist zu Ende? Ist das wirklich alles, was du wissen wolltest? Bloss 20 völlig oberflächliche Fragen? Ich hätte doch noch so viel zu erzählen! Warte, liebes Bundesamt, geh nicht weg. Du hast mich ja noch gar nicht richtig kennen gelernt! Oder sag mir wenigsten, wie ich im Vergleich zu den Anderen abgeschnitten habe!

Seit der Fragebogen abgeschickt ist, herrscht Funkstille, das Interesse an mir ist verflogen. Die anfängliche Freude erloschen. Nun sitze ich da, der Drang mich zu erklären, ist gross. Warum gerade ich? Ich wünschte mir, dass nicht ich den Fragebogen hätte ausfüllen müssen.