Gedanken

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger
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Raphael Nadler, Chefredaktor

Jammer-Fasten – meine neue Herausforderung

Zugegeben, es ist nicht gerade der ideale Zeitpunkt zum Fasten. Corona versaut uns zwar die geliebten Firmen- und Weihnachtsfeiern, aber die wunderbaren «Guezli-Feen» bringen Selbstgebackenes mit ins Geschäft und der Schoggi-Weihnachtsschmuck lebt meist auch nicht bis zum 24. Und da will uns einer das Fasten schmackhaft machen. Doch nicht jetzt!

Doch, gerade jetzt sage ich mir. Gerade in dieser Zeit möchte ich mit fasten beginnen. Doch nicht um Kilos zu sparen und endlich leichter zu werden, sondern um wieder glücklicher zu sein. Ich möchte mit Jammer-Fasten starten. Auf die Idee kam ich, als ich neulich mit dem Zug aus der Ostschweiz nach Olten fuhr. Zwei Männer im mittleren Alter, mit lederner Aktenmappe, flachem Laptop und einem Kartoncafébecher mit Plastikdeckel in der Hand, setzten sich ins Abteil neben mir. Wir waren kaum losgefahren, da begann der eine über seine Chefin zu lästern. Unanständig hörte ich mit. Der andere zog nach. Es blieb nicht nur beim Lästern, es wurde genörgelt und geschimpft. Pausenlos.

Als ich in Olten ausstieg und auf den Anschlusszug wartete, fiel mir auf, ich wusste nun nicht nur sehr viel aus ihrem Berufs- und Privatleben, sondern erlebte meine wohl speziellste Zugfahrt ever. Die Männer hatten nämlich auf der ganzen Fahrt – und die ging über 100 Minuten – keinen einzigen positiven Satz von sich gegeben. Ihr Eigenlob ausgenommen.

Ja, auch ich lästere, jammere und schimpfe. Und zwar nicht zu wenig. Aber selbst ist mir mein Geläster noch nie so eingefahren, wie nach dieser Zugfahrt. Ich erinnere mich zurück: Das Geschimpfe und Gejammer war jeweils kurzzeitig befreiend, doch glücklich machte es mich nicht.

Anders ein Kollege am Arbeitsplatz. Er ist immer froh gelaunt und versprüht positive Energie. Von ihm habe ich noch nie etwas Schlechtes gehört. Jammern, Schimpfen und Lästern fehlen in seinem Sprachgebrauch. Zudem ist bei ihm das Glas immer halbvoll. Ich bewundere ihn.

Auch er sei nicht so geboren worden, versicherte er mir neulich. Aber er wollte bewusst so werden. Das Negative hätte ihm viel zu viel Energie gekostet und die Probleme seien trotz lästern und schimpfen nicht kleiner geworden. Deshalb entschied er sich mit Jammer-Fasten zu beginnen und seine Lebenseinstellung ins Positive zu wenden. Es sei ganz einfach, verriet er mir. Etwa so einfach, wie mit Rauchen aufzuhören. Man kann es jeden Tag wieder aufs Neue versuchen.