Gedanken

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger
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Sarah Künzli – Redaktorin

Maske auf oder Zunge rein

Also langsam habe ich mich wieder daran gewöhnt. Spucke im Mundwinkel, spröde Lippen, Nasenhaare und übergeschminkte Wangen – sie sind wieder da. Oder richtiger gesagt: Sie sind wieder zu sehen. Drei Wochen hatte ich nun Zeit, mich beim Einkaufen wieder an diese Anblicke zu gewöhnen. Das Zwischenfazit: Geht so. Manche Menschen möchte man halt am liebsten gar nicht sehen. Und plötzlich wird man angestarrt, wenn man weiterhin Maske trägt. Aber, es geht, ich habe mich langsam daran gewöhnt.

Noch vor zwei Wochen hatte ich mehr Mühe. Es war ein kalter Tag, kurz nach Mittag, als ich mich entschied zum ersten Mal ohne Maske einkaufen zu gehen. Der Zeitpunkt war günstig, es würde wenig Menschen im Laden geben. So war es dann auch. Ich konnte gemütlich meinen Wocheneinkauf machen, freute mich über die Düfte, die ich so lange nicht mehr gerochen hatte, und freute mich, dass ich die Gemüse-Plastiksäckli mit etwas Spucke am Finger viel schneller auseinanderbrachte. Einfach wunderbar!

Ich schlenderte durch die Regale, liess mir für alles etwas mehr Zeit. Mit vollem Einkaufswagen ging es zu den Kassen. Da nur wenige Leute zu dieser Zeit einkauften, waren auch nur zwei Kassen geöffnet. Ich steuerte auf die Kasse mit der kürzeren Schlange zu, ganz zielstrebig, ich fixierte sie. Nur noch wenige Schritte entfernt, da eilte eine junge Frau zwischen den Regalen hindurch, blickte mir dreist ins Gesicht und quetschte sich zwischen mich und das Ende der Schlange. Was soll das?! Hätte sie gefragt, natürlich hätte ich sie vorgelassen, schliesslich habe ich es nicht eilig. Aber so doch nicht. Und dann passierte es: Ich war noch so daran gewöhnt, dass man es nicht sehen würde und streckte ihr die Zunge raus. Und ihrem Blick zu urteilen, hatte sie das ganz deutlich gesehen. Es vergingen mehrere Sekunden, in denen wir uns einfach anstarrten. Wir beide hatten den Drang, etwas zu sagen, doch wir waren offenbar beide so perplex, dass einfach keine Worte kommen wollten. Ich konnte mich als Erste aus der Starre befreien, nutzte die Gelegenheit und floh so schnell wie möglich aus der Situation.

Seither trage ich lieber wieder Maske beim Einkaufen – als Sichtschutz quasi. So kann ich wieder nach Lust und Laune jedem meine Zunge rausstrecken, ohne einen Konflikt zu riskieren.