Gedanken

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger
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Kaspar Flückiger, Redaktor

Meer oder weniger

Fredys Frau will ans Meer. Jetzt, wo man wieder relativ einfach über die Grenze könne, will sie nur noch eins, sagt sie, nämlich schnell weg hier. Italien! Toscana! «Ich muss hier raus», sagt sie klipp und klar. Mit «hier» meint sie die Schweiz. Hier fühle sie sich langsam ein wenig eingesperrt. Jetzt ist Schluss mit «bleiben Sie zu Hause!». Ab nach Follonica! Im Internet hat sie ein schönes Angebot für sich, Fredy und ihren bald einjährigen Sohnemann entdeckt. Der Kleine soll seine winzigen Füsse schon bald in den Meeressand stecken.

Fredy hingegen möchte in den Ferien lieber in der Schweiz bleiben. Im Sommer ist es doch hier auch sehr schön, findet er. Das Tessin! Das Engadin! Das Berner Oberland! Der Bodensee! Er fahre doch nicht mit seiner Frau und dem Kleinen in diese Gluthitze ans Mittelmeer, findet er. Im Fernsehen habe er gesehen, dass es dort jetzt so richtig ekliges Quallenzeugs gäbe. «Nein danke, wir bleiben hier!», sagt er bestimmt und klopft auf den Tisch. Wir sitzen im Restaurant. Gleich wird das Essen serviert. Rösti mit Geschnetzeltem. Und sein Italienisch sei so miserabel, fügt er hinzu, das reiche höchstens, um ein Bier oder Spaghetti zu bestellen.

Nach dem Essen gönnen wir uns noch einen Espresso und ich wollte grad anfügen, dass er einen solchen ebenfalls problemlos in Italien bestellen könne, als seine Frau das Lokal betritt. Mit dem Sohnemann im Kinderwagen gesellt sie sich zu uns und bestellt sich einen Latte Macchiato. Mir wird etwas bange. Hoffentlich beginnen die jetzt nicht in aller öffentlichkeit über ihre Ferien zu streiten. Doch Fredys Frau schenkt ihrem Mann ein strahlendes Lächeln. «Fredy-Schatz, ich weiss doch genau, dass du nicht nach Italien willst. Schau, ich habe da etwas viel Besseres gefunden: In Deutschland gibt es einen gigantischen Indoor-Ferienpark in einer ehemaligen Flugzeughalle, der hat eine tropische Strandlandschaft, wo es nie regnet und du dir garantiert keinen Sonnenbrand holst – und Fredy-Schatz: Die Bar hat 24 Stunden geöffnet! Na, was meinst du!»

Dass es dem Fredy-Schatz die Sprache verschlägt, kommt jetzt auch nicht alle Tage vor. «Das tönt furchtbar!», entfährt es ihm, als er sich wieder gefasst hat, «also da möchte ich tausend Mal lieber nach Follonica! Kannst buchen!» Als er mit seiner Frau das Lokal verlässt, dreht sie sich um und zwinkert mir vergnügt zu, als wollte sie mir sagen: «So geht das!»