Gedanken

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger
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Raphael Nadler, Chefredaktor

Mit anderen Augen sehen

Not macht erfinderisch. Im vergangenen Jahr traf dies auf viele von uns zu. Kaum jemand konnte umsetzen, was er sich Anfang Jahr vorgenommen hat. Keine grossen Familientreffen, keine weiten Reisen, kein Maienzug, kein Dorffest, kein Open Air, kein Besuch bei den Grosseltern. Die Liste könnte noch beliebig weitergeführt werden.

Doch war im Jahr 2020 wirklich alles schlecht? Ich finde nicht. Es gab durchwegs Ereignisse, die ich nicht missen möchte, die bereichernd waren. Oder es heute noch sind.

So zum Beispiel das Home-Schooling unserer beiden Kinder. Während sich die Kleine (8) einen strikten Stundenplan aufstellte, genoss der Grössere (10) die Freiheiten, dann zu arbeiten, wenn er gerade Lust dazu hatte. So kam es vor, dass der Schultag zu Hause mit einer langen Pause begann, bevor es mit Schlagzeug, der grossen Pause und einer Lektion Sport weiterging. Wir hatten jedenfalls alle unseren Spass und erstmals wirklich viel Zeit für- und miteinander.

Wurde das Thema Computer zu Weihnachten 2019 noch verdrängt, so waren es einige Monate später die Eltern, die dafür sorgten, dass die Kids ihre eigenen Laptops bekamen, Occasion, versteht sich. Nebst Schulaufgaben und einfachen Computerspielen hatten die Kinder plötzlich die Möglichkeit, mit den Grosseltern «Videokonferenzen » zu führen. Nicht nur zum Spass der Kinder.

Ich persönlich genoss die Arbeit zu Hause. Auch mal auf dem Balkon zu sitzen und bei einem Schreibstau den Vögeln im Garten zuzuhören. Auch entdeckte ich das Kochen neu. Zwar wird aus mir nie ein Sternekoch, doch die Familie setzt sich immer noch ohne Zwang an den Tisch und über Magenverstimmung hat noch niemand geklagt. Zugenommen haben im 2020 bei uns jedenfalls alle.

Dass wir unsere Sommer- und Herbstferien in der Schweiz verbringen, war schon vor Corona so geplant. Dass ich aber plötzlich wieder alte Bücher las, eher nicht. Ich genoss auch mal das Nichtstun. Das Leben wurde entschleunigt, weniger gearbeitet habe ich aber nicht. Einfach anders und zu anderen Zeiten. Es blieb mehr Zeit für jeden von uns und die Familie. Und für kleine Dinge, die wir früher kaum mehr beachteten.

Traurig ist nur, dass eine Pandemie kommen musste, damit wir uns vom ewigen «schneller, höher, weiter» verabschieden konnten. Das Ganze, und noch viel mehr, wäre auch ohne Corona möglich gewesen und hätte uns bestimmt auch noch viel mehr Spass gemacht.