Gedanken

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger
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Sarah Künzli – Redaktorin

Sehen und gesehen werden

Die Augen tränen, die Nase läuft und alles juckt – der Frühling könnte so schön sein, wären da nicht diese elenden Pollen. Um mir beim ständigen Reiben nicht noch eine Augenverletzung zu holen, kommt statt den Kontaktlinsen dieser Tage meine Brille häufiger zum Einsatz. Aber ich merkte schnell, irgendetwas stimmt nicht mehr. Mit der Brille seh ich links einfach nicht mehr scharf genug. Richtig unangenehm. Also los zum Optiker meines Vertrauens! Dort dann die Bestätigung: Die Gläser müssen angepasst werden. Ich entscheide mich die Brille gleich beim Optiker zu lassen und sie einen Tag später wieder abzuholen. Der Bus fährt quasi gleich beim Optiker, den Weg nach Hause – es sind nur drei Stationen – schaff ich locker mit einem weniger geschärften Blick.

An der Bushaltestelle angekommen, setz ich mich auf die Bank. Da kommt ein Mann an mich herangetreten: «Können Sie mir sagen, wo diese Adresse ist?», fragt er und streckt mir einen Zettel hin. Mist! Eine Wegbeschreibung ohne Brille, das ist eine Challenge! Doch ich lass mir nichts anmerken und erklär ihm sicher den Weg. Er bedankt sich und geht. Und schon kommt die Nächste. Sie scheint etwas aus der Puste zu sein und fragt angestrengt: «Ist der Bus nach Suhr schon gefahren?» Ich kneife die Augen ganz doll zusammen, um besser an die Anzeigetafel sehen zu können. «Nein, der kommt erst noch», sag ich ihr. Eine andere Frau setzt sich neben mir auf die Bank. Sie streckt mir ein Billett hin. «Ist mein Ticket noch gültig?» Wollt ihr mich alle verkohlen, frag ich mich in Gedanken. «Ich kann nichts sehen!», schreit es in meinem Kopf. Trotzdem geb ich mir Mühe, der Frau zu helfen. Ganz nahe ans Billett heran muss ich, meine Nase berührt schon beinahe das Papier, bis ich die winzige Schrift auf dem Ticket lesen kann. «Nein, tut mir leid. Das Billett ist nicht mehr gültig.»

Endlich kommt mein Bus. Fertig mit der blinden Auskunftgeberei. Ich betrete den Bus und sehe ganz unscharf, dass mir am Ende des Busses eine Silhouette zuwinkt. Und auf der gegenüberliegenden Seite ruft mir jemand zu: «Hoi Sarah!» Ich habe in diesem Moment absolut keine Idee, wer diese beiden Menschen sein könnten. Ich steh deshalb mitten im Bus und sage: «Hallo zusammen. Ich kann euch gerade nicht sehen, aber schön, gesehen zu werden!» Und ganz ehrlich, ich bin froh, dass ich die komischen Blicke nicht sehen konnte, die mir in diesem Moment von allen Mitfahrenden zugeworfen wurden.