Gedanken

Markus Schenk | Gedanken | Der Landanzeiger
Share on facebook
Share on whatsapp
Share on email
Share on print
Markus Schenk, Chefredaktor

Stirbt die Zirkusszene aus?

Als grosser Zirkusfan bin ich geschockt über das Aus des Traditionszirkus Nock, obschon ich von den Schwierigkeiten seit längerer Zeit weiss. Dass es die Zirkusse heutzutage nicht einfach haben, wusste ich natürlich. Aber dass es so weit kommt, dass der zweitgrösste Schweizer Zirkus nach über 150 Jahren nicht mehr existieren kann, ist höchst bedenklich. Die Leute konsumieren offenbar lieber Elektronik. Sind die Live-Künste nicht mehr gefragt?

In der modernen Gesellschaft wirkt ein Zirkus offenbar immer mehr wie ein Fremdkörper. Noch nie steckte die Zirkusbranche  in einer solchen Krise wie heute. Dabei zählt meines Erachtens ein Zirkus zum Kulturgut. Und gerade der Kanton Aargau war da führend. Ein Zirkus besteht seit je aus Artisten, Clowns und Tieren. Der artistische Bereich funktioniert noch bei den meisten Zirkussen. Die Artisten und Artistinnen wirken unter der Zirkuskuppel sexy und das wiederum ist vielen ein Dorn im Auge. Sie sähen es wohl lieber, wenn die Artisten sich zugeknöpft zeigen. Längst abgeschafft wurden die Nummerngirls. Waren sie viel zu sexy? Dann kommt ein weiterer Aspekt hinzu. Offenbar steckt auch die Clownszene in einer Krise. So müssen in diesem Jahr, im Jubiläumsprogramm des Zirkus Knie, sogar Mike Müller und Viktor Jaccobbo einspringen, obschon sie gar keine klassischen Clowns sind.

Und dann kämen wir noch zu den Tieren. Die radikalen Tierschützer wollen diese schon lange ganz aus den Zirkussen entfernen, was ihnen teilweise schon gelungen ist. Dabei haben die grossen Schweizer Zirkusse wie Knie oder Nock immer sehr gut zu den Tieren geschaut. Da sind absolute Spezialisten am Werk, die die Tiere lieben und ihr Handwerk verstehen. Ich frage mich, ob eine einstudierte Pferdenummer dem Tier wirklich schadet. Ich glaube, dass es diesen auch gefällt. Sie spüren doch die Begeisterung des Publikums. Der Landanzeiger hat seit vielen Jahren eng mit dem Circus Nock zusammengearbeitet und die Leser durften davon profitieren.

Ich persönlich bin ein grosser Zirkusfan. Nun muss ich mich ernsthaft fragen, ob ich ein Mensch von gestern bin? Wir leben in einer Zeit, in der das Angebot an Unterhaltung immens ist. Da findet offenbar die Zirkusszene kaum mehr Platz. Das ist besonders bedauerlich, hatten doch die Schweizer Zirkusse allgemein einen guten Ruf.  

Tatsache ist aber nun mal, dass immer weniger Leute einen Zirkus besuchen. Die Besucher sind bekanntlich der Nährboden. Die Gründe der Krise liegen wohl kaum in der Qualität, denn die Programme, die beispielsweise der Circus Nock in den letzten Jahren präsentierte, waren allesamt sehenswert. Im «Nock» waren zuletzt junge, innovative Frauen am Werk, die nun das Handtuch werfen mussten. Das ist bitter.