Gedanken

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Raphael Nadler, Chefredaktor

Unsere Jugend ist …

Die heutige Jugend ist faul, respektlos, selbstverliebt und verwöhnt. Dieser Satz stammt nicht von mir, sondern vom griechischen Philosophen Sokrates. Er lebte vor mehr als 400 Jahren vor Christus. Seine Aussage soll der griechische Denker sogar in Steintafeln geritzt haben. Sehr zur Freude jeder älteren Generation, die früher oder später einmal auf dieses Zitat zurückgreift und besorgt in die Zukunft blickt.

Die Kritik an der Jugend ist ein altes Phänomen. Seit tausenden von Jahren kritisieren Erwachsene die junge Generation, fürchten den Zerfall der Sitten und waren selbst natürlich viel anständiger als die heutige Jugend. Spätestens mit dieser Generation geht es bergab, denkt jede Generation – und das offensichtlich schon seit Menschengedenken. Doch wie steht es wirklich um unsere Jugend?

In den Herbstferien im Engadin lernten wir eine Familie kennen. Ihre Tochter besitzt ein Handy, ein Tablet und ein eigenes Laptop. Und das im Alter von neun Jahren. Es ist ein Einzelkind, wohl behütet. Jeder Wunsch wird ihr früher oder später erfüllt. Für das Kind ist es ganz normal, alles zu bekommen, was es sich wünscht, denn die Eltern machen es ihm vor. Fragt man das Mädchen nach ihrem Lieblingsort, dann nennt sie das eigene Ferienhaus. Das erstaunt, denn dieses ist frei von Luxus und nur nach einem langen Fussmarsch zu erreichen. Der ehemalige Stall ist sehr rudimentär eingerichtet. Kein fliessendes Wasser, kein Strom, kein WC im Haus und auch kein Natelempfang. Trotzdem fühlt sich die Neunjährige hier am wohlsten …

Szenenwechsel: Zwei junge Schweizer Bergsteiger (19 und 21) bereiten sich fast drei Jahre lang auf eine Expedition und eine Erstbesteigung eines über 6000 Meter hohen Berges im Tian-Shan-Gebirge im Nordwesten von China vor. Rund 500 Meter unterhalb des Gipfels muss einer der beiden schweren Herzens aufgeben. Zwei Tage lang kann er zuvor keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen, die Kräfte haben ihn verlassen und die Höhe macht ihm zu schaffen. Sein Freund will den Gipfel aber nicht alleine besteigen, obwohl ihm ein Eintrag in die Geschichtsbücher winkt. «Entweder stehen wir gemeinsam auf dem Gipfel oder gar nicht», lautet seine Devise.

Diese und weitere Beispiele zeigen: Es steht besser um unsere Jugend, als Sokrates es beschrieben hat. Und das freut mich!