Gedanken

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Raphael Nadler, Chefredaktor

Unsere Politiker machen mich rasend

Passiert ist es auf einem Pausenplatz eines Schulhauses in unserer Region. Zwei Erstklässler «fräsen» mit ihren Trottis um die Wette. Plötzlich wirds eng und der eine schneidet dem andern den Weg ab. Während der eine stürzt, fährt der andere weiter, ruft «I ha gunne» und streckt die Faust in die Höhe. Der Unterlegene blutet aus dem Kinn, hat zerrissene Hosen und Schmerzen. «Wart nur, dir zeigis, s nöchscht Mol!»

Szenenwechsel: Staffelegg, an einem schönen Sonntag. Von weit unten im Tal hört man Töfflärm. Es müssen mehrere sein, denk ich mir. Tatsächlich, kurze Zeit später fährt ein Quartett mit seinen PS-starken Maschinen auf dem Parkplatz ein. «Es geht noch schneller», ruft der eine dem andern zu. Dieser nickt, schliesst sein Helmvisier und alle fahren wieder ins Tal. Die Rennszenen wiederholen sich mehrfach an diesem Nachmittag. Unterwegs halten Freunde das «Renntraining » mit Kameras fest. Dass sich die Töfffahrer auf einer öffentlichen Strasse mit Gegenverkehr und nicht einem abgesperrten Renngelände befinden, scheint ihnen egal zu sein. Passiert ist an diesem Sonntag nichts. Das freut mich für alle Beteiligten. Aber sie werden wiederkommen, denn wie sagte doch der eine von ihnen: «Es geht noch schneller.»

Die Schlagzeilen «Mit 200 km/h über die Autobahn», «Junglenker mit 90 km/h durch die Fussgängerzone» und weitere sorgen bei den einen für Kopfschütteln, bei andern für einen Schmunzler. Und bei RoadCross Schweiz, der Stiftung für mehr Verkehrssicherheit, für absolutes Unverständnis.

Weil Temporausch für viele Menschen grenzenlose Freiheit bedeutet und sie glücklich macht, gilt rasen bei vielen immer noch als Kavaliersdelikt. Verbogenes Blech, Schürfwunden, gebrochene Knochen oder ein Ausweisentzug gehören zum «Berufsrisiko». Werden unschuldige Menschen bei Unfällen schwer verletzt, fürs Leben gezeichnet oder gar getötet, zeigen Raser – die ihre Pferdestärken nicht im Griff hatten – selten bis nie Mitleid. Und nun erhalten diese Raser auch noch Unterstützung aus der Politik.

Diese will den Raserartikel im Gesetz aufweichen und künftig mehr Bussen statt Gefängnisstrafen aussprechen. Die abschreckende Wirkung des Rasergesetzes ist somit dahin. Ohne Not. Ohne Grund. Das macht mich rasend.