Gedanken

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Kaspar Flückiger, Redaktor

Versteh einer die Welt

Passiert ist es an einem Anlass, den ich beruflich besuchte. Ein Apéro in einem Gewerberaum, viele Leute, alle sprechen durcheinander und erzeugen so einen murmelnden Stimmenteppich. Mein Gegenüber, kein Geringerer als der Gemeindeammann des Gastgeberortes, erzählt mir etwas. Bei mir angekommen ist – nichts. Kein Wort von dem, was er sagte, hat mein Ohr erreicht.

Tage später im hektischen Grossraumbüro des Landanzeigers, der Chefredaktor fragt mich etwas, wieder habe ich nur das eine oder andere Wort heraushören können. «Was ist hier los?», frage ich mich und suche den Rat des Meisters der Ferndiagnose: meines Freundes Fredy. Beim zweiten Klingeln meldet er sich mit dem typischen «ich höre», wie es Tatort- Kommissar Borowski auch immer sagt. «Ich dich auch, Fredy!», antworte ich erleichtert. «Bitte was?», fragt er. «Ich höre dich auch!», sage ich und erkläre ihm in ein paar Sätzen die Situation. Für ihn ist schnell alles klar: Die hohen Töne höre ich noch problemlos, also die Vögel oder weibliche Stimmen. Hingegen je nach Räumlichkeit die tiefen Töne nicht mehr so gut, Männerstimmen zum Beispiel.

Das komme wahrscheinlich vom jahrelangen Rock ’n’ Roll, von unzähligen Konzertbesuchen. Nicht gut fürs Gehör, meint Fredy. Er sieht eine Lösung: «Du brauchst ein Hörgerät!», bringt er mir schonend bei. «Was sagst du?», stelle ich reflexartig auf stumm und merke, dass sich hier soeben eine neue Möglichkeit in meinem Leben öffnen könnte. Ich könnte nur noch das hören, was ich will. Alles andere nicht mehr. Selektive Schwerhörigkeit. Genauso war es einst bei meiner Mutter, kommt mir in den Sinn. Sie hat im Alter nichts mehr gehört. Dachten wir jedenfalls. Komischerweise aber hat sie dann genau das gehört, was eigentlich nicht für ihre Ohren bestimmt war. Werde ich diese «Familientradition » weiterführen?

«Dann bringst du auch ständig die Begriffe durcheinander», tadelt mich Fredy. «Hören und Verstehen sind nicht das Gleiche. Schau: Du verstehst etwas nicht, aber gehört hast du es durchaus», erklärt er. «Ich weiss, was du meinst», nicke ich. «Seit Wochen höre ich abends zwar die Meldungen der Tagesschau, aber mein Kommentar dazu lautet: ‹Ich verstehe das alles nicht.›» – «Genau», sagt Fredy. «Aber falls es dich tröstet, auch ich verstehe die Welt nicht mehr.»