Gedanken

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger
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Sarah Künzli – Redaktorin

Warum in die Ferne schweifen …

Die Schiebetür geht zu, quetscht dabei den leeren Kinderwagen leicht und geht wieder auf. Nach 30 Sekunden dasselbe Szenario. Sie will schliessen, der Kinderwagen im Weg, die Schleuse öffnet sich wieder. Ich bin im Zug nach Solothurn, will dort an ein Konzert. Ich bin aber nicht in irgendeinem Zug nach Solothurn, sondern im überfülltesten, den ich je betreten musste. Der Eingang vorne völlig überfüllt, kein Durchkommen. Beim Eingang hinter mir dasselbe, nur dass sich hier durch den Kinderwagen nicht einmal mehr die automatische Schiebetür schliessen lässt. Natürlich sind auch alle Sitzplätze besetzt. Eine Reisegruppe hat von Olten bis Biel die Sitzplätze reserviert. Ich stehe im Gang zwischen Viererabteil und Viererabteil ganz in der Nähe von Schiebetür und Kinderwagen.

«Was ist eigentlich Ihr Problem?», werde ich plötzlich von der Seite angeblafft. Ich schau nach links und rechts. Bin tatsächlich ich gemeint? Ich schaue die Frau mit grauem Kurzhaarschnitt verwirrt an. «Wieso stehen Sie hier? Unsere Plätze sind reserviert! », fährt sie weiter. Hinter mir versucht die Schiebetür wieder zu schliessen, quetscht erneut den Kinderwagen und gibt wieder auf. «Ich verstehe nicht …», sag ich zu ihr. «Können Sie sich bitte einen anderen Platz suchen?», fragt die Dame angriffig. Nochmals schau ich mich um. Der Zug ist noch immer randvoll. Und ich überprüfe auch nochmals, ob ich jemandem den Weg zu seinem reservierten Platz abschneide. Nö, tu ich nicht. Ich steh einfach nur da im Gang beim Eingang, wo die Schiebetür immer doller auf den Kinderwagen einzudreschen scheint. Sieht sie denn wirklich die Situation nicht?

«Der Zug ist voll. Es gibt keine freien Plätze mehr», versuch ich zu erklären. Ob ich denn den ganzen Zug abgesucht hätte, fragt sie mich provokativ. Ich höre die Schiebetür hinter mir nun richtig auf den Kinderwagen einhämmern. Jetzt reichts! Nicht mit mir! «Nur weil Sie ein paar Sitzplätze in einem Wagon reserviert haben, herrschen Sie nicht über den ganzen Zug. Ich kann stehen, wo ich will!», geh ich sie an. Sie funkelt mich böse an, dreht sich dann aber schnaubend um und setzt sich wieder. Was denkt die sich eigentlich? Beim Aussteigen in Solothurn ärgere ich mich immer noch. Die Menschenmenge im Zug lockert sich ein wenig. Die Schiebetür kann endlich schliessen. Auf dem Perron atme ich tief durch. Das nächste Mal gehe ich fürs Konzert wieder ins KIFF, da bleibt mir die nervenaufreibende Zugfahrt erspart!