Gedanken

Gedanke Gastautor Philippe Pfister | Der Landanzeiger
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Philippe Pfister – Publizistischer Leiter der ZT Medien AG

Wenn Bücher auf den Regalen tanzen

Wir alle haben ja unsere Marotten. Eine, die ich offenbar mit vielen teile, ist die rätselhafte Unfähigkeit, mich von Büchern trennen zu können. Ein Buch mag noch so uninteressant oder belanglos sein, es mag gekauft, geschenkt oder geborgt sein – hat sich ein Buch erst einmal in meinem Büchergestell eingenistet, hat es gute Aussichten, dort für die nächsten Jahrzehnte eine Heimat gefunden zu haben.

Beim letzten Umzug hatte ich mir fest vorgenommen, einmal so richtig auszumisten. Jawoll, weg mit all dem alten Hafenkäse, den man sowieso nie mehr in die Finger nimmt! Fort mit dem Zeug! Doch dann füllte sich wieder Kartonkiste um Kartonkiste. Der Stapel mit dem Vermerk «Entsorgen!! » blieb lächerlich klein. Dafür gingen die Kartonkisten aus. Auf der Fahrt zur IKEA stellte ich mir vor, wie sich meine ungepackten Bücher in Kobolde verwandeln, auf den Regalen tanzen und sich über ihren trotteligen Besitzer lustig machen.

Es gibt immer einen Grund, ein Buch nicht wegzuschmeissen. Ein ungelesenes Buch liest man ja vielleicht eines Tages doch noch. Ein halbgelesenes ist wie eine angebrochene Flasche Wein – den Rest genehmigt man sich später. Und ist ein völlig zerlesenes Buch nicht der ultimative Beweis, dass man es irgendwann abermals lesen wird? Manche haben einen zu Tränen gerührt (wie «Verlorene Illusionen»), andere schlaflose Nächte bereitet (wie «Der Name der Rose»). Und dann gibt es auch so etwas wie ein Murphy’s Law der Bibliophilie. Es lautet: Suchst du nach einer besonderen Textstelle, die du vor langer Zeit gelesen hast, findet sich diese Stelle garantiert in jenem Buch, das du neulich weggeschmissen hast.

Und wenn man Bücher wie das dreibändige «Handbuch des Aberglaubens» im Gestell stehen hat wie ich, darf man sich nicht wundern, wenn man verschrobene Ideen entwickelt. So habe ich kürzlich auf dem einzigen Buch, das ich doppelt besitze, so viel Tinte verschüttet, dass ich es wegschmeissen musste. Titel: «Was ist Metaphysik?» Kann das Zufall sein? Immerhin habe ich vor einer Weile eine genial einfache Methode entwickelt, meine Büchersammlung einer langsamen, aber stetigen Schrumpfkur zu unterziehen. Kommt ein neues Buch rein, müssen zwei alte raus. Mit der Zeit kommt da eine ordentliche Menge zusammen. Das sehe ich ja, wenn ich aufs Regal schaue. Denn da steht sie und wird immer fetter, die Reihe mit all den Büchern, die rausmüssen.