Gedanken

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger
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Sarah Künzli – Redaktorin

Wenn die ganze Welt gegen dich ist

Es ist Samstag, Zeit für den Wocheneinkauf. Einkaufstasche bereit und den Einfränkler bereits in der Hand steuere ich die Einkaufswagen an. Wie gewohnt versuche ich den Fränkler in den Schlitz zu schieben. Hm, klemmt. Ich versuche es beim nächsten Wagen, diesmal mit etwas mehr Kraft. Keine Chance. Na dann eben beim dritten Wägeli! Und bevor ich total genervt bin, tadaaa, es hat geklappt. Ich habe meinen Einkaufswagen, es kann losgehen.

Zielstrebig geht es Richtung Eingang des Einkaufszentrums. Doch was ist mit der Schiebetüre los? Die will partout nicht aufgehen. Einen Schritt vorwärts, zwei rückwärts, heftiges Winken, nichts scheint zu funktionieren. Da tritt ein junges Mädchen neben mir hervor und die gläserne Schiebetür öffnet sich. Okaaay … Etwas verunsichert setze ich meinen Weg fort.

Zuerst soll es in den 1. Stock gehen. Also rein in den Lift, Knopf drücken und … wieder geschieht nichts. Ich drücke den Knopf erneut. Ein drittes, viertes Mal. Der Lift bleibt an Ort und Stelle stehen. Eine alte Dame steigt ein, drückt denselben Knopf wie ich zuvor, doch nun tut der Lift wie ihm geheissen und er fährt los. Was zur Hölle geschieht hier gerade? «Können Sie mich sehen?», frage ich die alte Dame. Sie schaut mich verdutzt an, nickt und ist wahrscheinlich froh, als sie den Lift und mich wieder verlassen kann. Na dann hat sich wohl einfach die Welt gegen mich verschworen, denke ich laut.

Am Nachmittag bin ich an der Corona-Demo, beruflich natürlich. Laut wird nach «Liberté» gerufen. Mehrmals werde ich beschimpft, weil ich im Gegensatz zu ihnen eine Maske trage. Der Weg nach Hause wird mir lange versperrt. Aber eigentlich sind wir gar nicht so verschieden, denk ich mir plötzlich, auch ich dachte heute, irgendetwas Komisches gehe vor und die ganze Welt wäre gegen mich. Und genauso geht es vielen dieser Demonstranten. Nur halte ich es deswegen nicht für nötig, die alte Dame im Lift zu beschimpfen, nur weil mir der Lift nicht gehorcht. Oder ich hindere auch nicht alle anderen Einkaufenden daran, sich ein Wägeli zu schnappen, nur weil es mir nicht gelingt. Und ich veranstalte keine Demo gegen das Einkaufszentrum und schreie nach «Liberté», weil die Schiebetüre nicht aufgehen wollte. Die Gedanken müssen gar nicht so verschieden sein. Was uns unterscheidet, ist, wie wir mit solchen Gedanken umgehen.