Gedanken

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger
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Raphael Nadler, Chefredaktor

Wie haben Sie es so mit dem Singen?

Singen macht Spass, singen befreit, singen verbindet. Aber richtig singen ist schwierig und richtig gut singen noch viel schwieriger. Deshalb gehörte ich in der Schule eher zu denen, die hinten standen und die Melodie summten. Andere sangen kräftig, inbrünstig und mit Leidenschaft. Auch Schreihälse hatten wir in der Klasse. Sie kannten nichts, sangen uns jeden Rock-Hit auswendig vor und spielten nebenbei auch noch Luftgitarre oder Schattenschlagzeug.

«Yesterday» von den Beatles war der Song, den ich zum Schulabschluss vorsingen musste. Und der benotet wurde. Ihn zu summen, hätte für mich gereicht. Die Musiklehrerin sah das verständlicherweise etwas anders. So suchte ich mir einen Ort, wo ich ungestört üben konnte. Unter der Dusche. Was ich nicht wusste, dass über die Badezimmerlüftung in der Telli in Aarau mehr Leute meinen (Katzen-)Gesang mithören mussten, als ihnen lieb war. Als eine Nachbarin in der Waschküche meine Mutter fragte, ob ich noch ein anderes Lied könne, suchte ich mir eine andere Dusche. Im Sportverein sangen wir oft gemeinsam nach einem Sieg in der Garderobe oder unter der Dusche. Oft fühlten wir uns wie «Champions». Egal wie es klang.

Am Montagabend blickten viele Schweizerinnen und Schweizer gespannt nach Bukarest. An der Fussball- Europameisterschaft spielte die Schweiz gegen Frankreich. Mit Argusaugen wurde die eigene Mannschaft bereits vor dem Anpfiff beobachtet. Wer singt die Hymne, wer nicht, wer bewegt nur den Mund? Die Mitsummer fielen auch diesmal durch alle Maschen. Welche Erleichterung, als bei den Topstars der Franzosen – den Weltmeistern – auch nicht so recht ersichtlich war, ob sie nun singen, Kaugummi kauen oder Mundgymnastik machen.

Das Spiel bot dann aber alles, was Fussball so schön, spannend und nervenaufreibend macht. Führung, verschossener Penalty, Rückstand, vorentscheidender Rückstand, Anschlusstreffer, Ausgleich, Verlängerung, Penaltyschiessen, Sieg, Viertelfinal-Qualifikation. Das Hymnen-Singen wurde zur Nebensache. Erstmals seit 67 Jahren qualifiziert sich die Schweiz wieder für einen Viertelfinal an einem grossen Turnier. Am Freitag geht es in St. Petersburg gegen Spanien. Von denen singt gar niemand die Hymne. Kein Wunder: Ihre Hymne hat ja gar keinen Text.